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„Ich hätte Frau Jolie anders beraten“

Forschung Marburg „Ich hätte Frau Jolie anders beraten“

Den „Jolie-Effekt“ bemerken derzeit viele Kliniken: Nach der radikalen Krebsvorsorge der Hollywood-Schönheit haben tausende Frauen Beratungsbedarf. Auch in Marburg wird Aufklärungsarbeit geleistet, allerdings jenseits der Schlagzeile.

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Die US-amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie hier noch vor ihrer Brust-OP im Jahr 2009.

Quelle: Foto: Christophe Karara

Marburg.  Nachdem die US-Schauspielerin im Mai ihre Brust-OPs publik gemacht hatte, haben sich die Anfragen an viele Kliniken und Brustzentren in deutschen Großstädten verdoppelt bis vervierfacht. An der Berliner Charité haben Ärzte sogar Sondersprechstunden eingerichtet.

In Marburg sei die Zahl der Anfragen nur marginal angestiegen, sagt Uwe Wagner, Direktor der Gynäkologie und Onkologie an der Philipps-Universität. Er vermutet, dass in der Universitätsstadt Marburg mehr Frauen über die Vorsorge gynäkologischer Tumore aufgeklärt sind als in einer Großstadt.

Hauptdarsteller BRCA1

Dennoch, Angelina Jolie hat mit dem Aufsatz über ihre Entscheidung („My medical decision“ / „New York Times“) ein kompliziertes Thema auf die Titelseiten gebracht, das sogar Experten vor schwierige Fragen stellt und über Nacht so unattraktive Hauptdarsteller wie das Gen BRCA1 berühmt gemacht hat.
„Unsere DNA – also das Erbgut, das in jeder menschlichen Zelle steckt – wird im Laufe des Lebens millionenfach aufgedreht, geteilt und abgelesen. Weil dabei immer wieder Unfälle passieren, braucht es einen Mechanismus, der sie dann repariert“, erklärt Uwe Wagner. Auf dem Gen BRCA1 ist die Information gespeichert, wie der Körper die Reparaturproteine bauen muss, damit sie die DNA vor der Zerstörung schützen.
Ist das Gen BRCA1 beschädigt, begünstigt es die Entstehung diverser Tumore. Insbesondere erhöht es das Risiko an Brustkrebs (Mammakarzinom), Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom), Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom) oder einem Prostatakarzinom zu erkranken. Weil das defekte Gen an die Kinder vererbt wird, beobachtet man eine Häufung von Erkrankungen in einer Familie. Jolies Mutter und Tante sind an gynäkologischen Tumoren gestorben. Frauen die eine solche Häufung beobachten (siehe Infokasten unten) haben das Anrecht auf eine von der Kasse gezahlte Gen-Analyse.

Genau diese hatte bei Jolie den Defekt des BRCA1 nachgewiesen. Nachvollziehbar also, dass eine Mutter von sechs Kindern sich nach der Diagnose nicht in ihr Schicksal ergeben wollte.
Auch Uwe Wagner findet die Entscheidung mutig, möglicherweise aber auch nicht zu Ende gedacht. „Nach intensiver Beratung ist die prophylaktische Entfernung der Brüste durchaus eine medizinische Option“, sagt er. Jolie senkte nach eigener Aussage ihr Risiko an Brustkrebs zu erkranken von über 80 auf 5 Prozent.

Der stille Krebs

Dennoch wurde für Wagner das Thema bislang nur zu eindimensional diskutiert. Dreimal so oft, wie er eine prophylaktische Brust-OP durchführt (etwa fünfmal im Jahr), entfernt er mit seinem Team vorsorglich die Eierstöcke der Frauen, die den beschriebenen Gendefekt in sich tragen.
In ihrem Bericht schnitt Jolie das Thema nicht an. Aber falls sie ihre Eierstöcke behalten hat, besteht immer noch ein fünfzigprozentiges Risiko, dass sie an einem Ovarialkarzinom erkrankt. „Das ist wesentlich gefährlicher, weil es viel schlechter erkennbar ist als Brustkrebs“, sagt Uwe Wagner. Bösartige Tumore in den Eierstöcken entstehen ohne Symptome, Fachleute nennen die Erkrankung daher auch den „stillen Krebs“. Die 5-Jahres-Überlebensrate (über alle Erkrankten gemittelt) liegt bei nur 30–40 Prozent. Grund hierfür ist vor allem die meist späte Diagnosestellung.

„Wenn Frauen durch ihre familiäre Vorbelastung einer Hochrisikogruppe angehören und der Gentest ein defektes BRCA1 bestätigt, ist deshalb eine Entfernung der Eierstöcke angeraten“. Die Entfernung der Eierstöcke sei gleichzeitig auch eine Hormontherapie, mit der das Risiko einer Brustkrebserkrankung um 50 Prozent reduziert würde, so Wagner.
Er räumt ein, dass er die Hintergründe im Fall Jolie nicht kennt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ihm die „message“ im Fall Jolie aber etwas undifferenziert:  „Es ist eben nicht so, wie Frau Jolie das jetzt verkörpert: Ich lasse mir die Brüste wegschneiden und werde dann ewig leben“, sagt Uwe Wagner.

von Tim Gabel

Zur Person

Professor Uwe Wagner kam aus dem Rheinland nach Marburg. Er studierte und promovierte von 1982 bis 1989 in Bonn. Von 1988 bis 1998 arbeitete er an der Universitäts-Frauenklinik Bonn. Bis 2002 dann als leitender Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. 1996 bekam er die venia legendi für das Fachgebiet  „Gynäkologie und Geburtshilfe“. 2002 wechselte er an den gleichnamigen Lehrstuhl an der Philipps-Universität in Marburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung neuer Therapiekonzepte gynäkologischer Tumoren. Für seine Krebsforschung wurden ihm der Fritz-Acker-Preis für onkologische Forschung und der Schmidt-Matthiesen-Preis für Gynäkologische Onkologie verliehen. Uwe Wagner hat den Vorsitz der Organkommission Ovarialkarzinom der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Forschung. Er ist der zweite Vorsitzende der hessischen Krebsgesellschaft und der Vorsitzende des Fachausschusses Qualitätssicherung in der Gynäkologie.
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