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„Ich habe um mein Leben gespielt“

Die Geschichte eines Süchtigen „Ich habe um mein Leben gespielt“

Nicht nur Geld – er hat alles hinein geworfen: Zeit, Gesundheit und Beziehungen. Und auch er selbst fiel mit in dieses schwarze Loch. Gewonnen hat Uwe Gruber am Ende eine Erkenntnis: Die Lösung liegt in dir selbst.

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Marburg. Als Uwe Gruber* beschließt zu sterben, ist er gerade mal 21 Jahre alt. Seine Verlobte hat ihn verlassen. Er ist arbeitslos, und das Leben scheint ihm nichts mehr zu geben. „Familie“ ist nur noch ein Wort – eine Hülle ohne Inhalt. Das Gefängnis vor Augen und den Drang zu spielen im Nacken, sieht er nur noch einen Ausweg: Er nimmt das Messer und setzt es mit der Klinge an seinen Unterarm …

Mit 18 hatte er das erste Mal Geld in einen Automaten geworfen. „Aus reiner Neugier“, wie er sagt. Bunt blinken die Zahlen – sie wirbeln umher und aus den Boxen klimpert der typische Geldautomaten-Sound. Wie vom Schicksal bestellt gewinnt Gruber natürlich gleich beim ersten Spiel. Ein Glücksgefühl durchströmt seinen Körper. Wenn er nur im Geringsten hätte absehen können, was auf diesen Abend folgen würde: Er hätte die Münze niemals in diesen Kasten geworfen.
Heute ist Uwe Gruber 52 Jahre alt. Ein kleiner Bauch, fester Blick. Seine Stimme klingt angenehm unaufgeregt. Er ist es, der sich nach einem OP-Bericht an die Redaktion wendet. Ihm geht es nicht um Rechtfertigungen oder Ausreden für seine Taten. „Das gehört eben zu meinem Leben dazu“, sagt der Familienvater aus Marburg. Geschadet habe er sich selbst am meisten. Nun möchte er Menschen helfen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden oder drohen, eine ebensolche Entwicklung zu nehmen – wie er damals.

Ein Fenster und 3.000 D-Mark

„Jeder Spieler spielt auch mit seinen Mitmenschen“, sagt Gruber. Um diesen Satz zu verstehen, muss man seine ganze Geschichte kennen. Eine Geschichte mit vielen Wendungen. Auf den ersten erfolgreichen Abend in der Spielhalle folgen weitere. Irgendwann drückt Gruber praktisch jede freie Sekunde – und davon hat er als Arbeitsloser viele – auf die Knöpfe aus Plastik. Mit jedem weiteren Spiel keimt die Hoffnung auf einen Gewinn. „Für mich war es da noch eher Zeitvertreib. Der Suchtdruck hat sich dann erst ganz langsam entwickelt.“

Bald wird jedoch das Geld knapp. Er ist volljährig, als seine kriminelle Laufbahn beginnt. Gruber hebelt ein Gaststätten-Fenster auf, steigt hinein und kommt mit etwas Kleingeld davon. Wenig später arbeitet er als Aushilfe in einem Supermarkt. „Ich hab dann abends die Geldkassette mitgenommen. Da waren so 3 000 Mark drin“, sagt er. Auch seine damalige Freundin verschont er nicht. Ein gezielter Griff in ihr Portemonnaie, und die Bankkarte verschwindet in seiner Hosentasche. Natürlich bemerkt sie die Abbuchungen und stellt ihn zur Rede. Er gibt zu, das Geld verspielt zu haben, sie trennt sich von ihm.
Sein schlechtes Gewissen tritt nun zutage – der Gedanke an die Straftaten lässt ihn nachts nicht schlafen. Uwe Gruber geht zur nächsten Polizeidienststelle und gesteht. „Der Polizist hatte aber nichts Besseres zu tun, als meinen Vater anzurufen und zu sagen, ‚hier sitzt dein Sohn – der hat Scheiße gebaut‘.“ Grubers Vater ist ebenfalls Polizist. Ab diesem Moment sei das ohnehin schon schwierige Verhältnis zu seinen Eltern vollends ins Negative gekippt. „Nun gab es praktisch keine Menschen mehr für mich. Keine Eltern, keine Freunde, keine Beziehung.“

Die Klinge funkelt im Licht. Es ist ein nicht zu überhörender Hilferuf. Uwe Gruber wird in die Psychiatrie nach Cappel überwiesen. Drei Monate bleibt er dort.  

Eine Puffer zwischen ihm und der Realität

Danach beginnt ein neues Kapitel. Gruber wagt mit 22 einen Neustart, zieht nach Cölbe. Dort lernt er den Beruf des Ver- und Entsorgers.  Die Ausbildung tut ihm gut, allerdings ereilt ihn während dieser Zeit das Gerichtsurteil: 18 Monate Haft für seine Taten. Gruber schläft im Gefängnis, tagsüber macht er seine Umschulung, am Wochenende darf er sogar seinem Hobby nachgehen: dem Fußballspielen. Er scheint ein wenig mehr angekommen im Leben. Immerhin neun Monate, die Hälfte seiner Strafe, werden ihm erlassen.

Nach Ende der Umschulung findet er jedoch keine Stelle, dafür aber wieder den Weg in die Spielhalle. Es ist ein erneuter Abstieg. Das Gefühl der Ausweglosigkeit ist wieder da und stärker als zuvor. Dieses Mal versucht er, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Wieder kommt er nach Cappel. Wieder Psychiatrie. Wieder bleibt er drei Monate.

Doch dann lernt er seine Frau kennen – mit der er bis heute verheiratet ist. Die Hochzeit ist im Jahr 1990. Im selben Jahr kommt seine Tochter zur Welt. Gruber ist da 26 Jahre alt. Das Blatt scheint sich nun endlich zu seinen Gunsten gewendet zu haben. Er lebt sieben Jahre abstinent. „Es gab immer Zeiten in meinem Leben, in denen ich nicht gespielt habe“, sagt Gruber.

Eine Anstellung findet er bei einem Schuh- und Schlüsseldienst. „Diese Arbeit hat mir wirklich Freude bereitet. Ich hatte viele nette Kunden.“ Und doch ziehen schon bald wieder dunkle Wolken auf. Den Job verliert er wieder. Aber vielmehr verliert er auch eine wichtige Beschäftigung, die ihn eine Zeitlang in der Bahn gehalten hat. Nun ist es eine Depression, die ihm zusetzt. In einer Reha-Klinik lässt er sich behandeln. Schon bald sitzt er aber wieder vor den blinkenden Automaten. Spielen ist für ihn auch da noch keine Sucht. „Es war eine Art Puffer – ich dachte, ich könnte damit die Depression ausgleichen“, sagt er.

Natürlich bohrt das Glücksspiel auch tiefe Löcher in seinen Geldbeutel. Gruber macht Schulden. Und zwar nicht zu knapp. „Alles in allem werden es wohl schon so 150 000 Euro gewesen sein.“ Eine Privatinsolvenz ist die Folge.
Ab 1998 arbeitet er in der Poststelle einer Verwaltung. Dort stellt er sich gut an und wird sogar befördert – im Eingangsbereich kümmert er sich fortan um den Kundenverkehr. „Mehrere Jahre ging das ganz gut.“ Ein Kollege habe dann aber angefangen, ihn zu mobben. „Das Ganze ist dann vor dem Arbeitsgericht gelandet“, sagt Gruber. Der Vorwurf: Der Familienvater würde sich während der Arbeitszeit Sex-Videos ansehen.

Der Marburger erhält die Kündigung, geht dagegen aber juristisch vor. Auch die OP berichtet 2007 groß über das Gerichtsverfahren. Anhand der ausgewerteten Internetprotokolle habe sich dann während des Prozesses herausgestellt, dass es sich um Spam gehandelt habe – nicht um Pornographie. Den Prozess gewinnt er – seinen Arbeitsplatz möchte er jedoch nicht zurück. „Mir ging es um die Rehabilitation“, sagt Gruber. Die Geschichte hinterlässt ihre Spuren. Erneut fällt Gruber in eine tiefe Depression. Diese lässt er behandeln, nicht aber die Spielsucht. „Der soziale Abstieg ist für jeden Spieler vorprogrammiert. Man isoliert sich von allem“, sagt Gruber.
2008 findet er wieder eine Anstellung. Dieses Mal im Callcenter eines Dienstleistungsbetriebs. Die Arbeit ist gut, aber stressig. „In dieser Zeit bin in jeder Mittagspause in die Spielhalle gerannt.“ Trotz all der Rückschläge steht seine Frau ihm immer treu zur Seite.

Im Mai dieses Jahres kommt Gruber erneut wegen einer Depression in Behandlung. „Dieses Mal hat es aber klick gemacht“, sagt Gruber. Eine Therapeutin habe ihm das erste Mal erklärt, dass die Depressionen und sein Drang zu spielen voneinander getrennt zu betrachten sind. Im Sommer meldet er sich einer Langzeittherapie, die sich speziell seiner Spielsucht widmet. „Ein Spieler ist nie geheilt. Der schwierigste Schritt ist, sich die Sucht einzugestehen“, sagt Gruber. Er geht jede Woche in Selbsthilfegruppen. Gruber wird Zeit seines Lebens kämpfen müssen. Sein Ziel: eine eigene Selbsthilfegruppe gründen.

von Dennis Siepmann

* Name von der Redaktion geändert.

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