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„Ich habe doch Glück gehabt im Leben“

"Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" „Ich habe doch Glück gehabt im Leben“

Yohana Arfiyne kam vor mehr als zehn Jahren als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ nach Deutschland. Mittlerweile schreibt die 24-Jährige als Studentin  in Marburg ­ihre Bachelor-Arbeit.

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Yohana Arfiyne sitzt vor der Erlenring-Mensa. Im Hintergrund sieht man das Landgrafenschloss, ­einen der Lieblingsplätze der Marburger Studentin.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. Wenn deutsche Freunde Yohana Arfiyne wegen ihres schweren Flüchtlingsschicksals bedauern wollen, dann reagiert sie eher verwundert. „Ich habe doch Glück gehabt in meinem Leben“, erzählt sie dann meistens.

Im Gespräch mit der OP berichtete die aus Eritrea stammende Marburger Studentin von ihrem Lebensweg, den sie in Deutschland seit mehr als zehn Jahren vorwiegend auf eigene Faust geht.

Der Krieg zwischen Äthiopien und dem Nachbarland Eritrea führte im Jahr 1998 dazu, dass Yohana schon als 7-Jährige mit ihrer Familie ihr Heimatland verließ und nach Äthiopien flüchtete. 2003 wurde sie dann aufgrund der immer prekäreren Lage von ihrer Familie ganz allein in ein Flugzeug nach Deutschland geschickt.

Da war sie 12. Nach zwei Jahren in einem Kinderheim zog sie in eine betreute Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wiesbaden, wo sie dann später auch ihr Abitur machte. Zwar wohnte ein älterer Bruder von Yohana damals auch bereits seit einigen Jahren in Deutschland. Aber im Alltag musste sie sich ganz alleine durchschlagen.

„Heute bin ich 24. Im Nachhinein wundere ich mich auch, wie ich das geschafft habe“, erzählt die junge Frau. Vielleicht habe ihr geholfen, dass ihr die europäische Kultur nicht so fremd gewesen sei wie anderen Flüchtlingen aus Afrika.

Denn in Eritrea war sie in einen französischsprachigen Kindergarten gegangen, in Äthiopien war ihre Schulsprache Italienisch. So fiel ihr das Erlernen der deutschen Sprache nicht mehr so schwer.

Eine große Unterstützung auf ihrem weiteren Lebensweg war die Hilfe durch die von der Hertie-Stiftung unterstützte „Start-Stiftung“. Dort erhielt sie im Jahr 2008 als eine von vier Stipendiaten ein Schülerstipen­dium, das mit 100 Euro pro Monat und einem Laptop dotiert war.

Noch wichtiger als diese materielle Hilfe war für Yohana Arfiyne allerdings die ideelle Unterstützung, beispielsweise in Form des Austauschs mit anderen Stipendiaten bei Seminaren. „Diese Seminare haben mein Selbstbewusstsein von null auf hundert gebracht“, berichtet sie. „Uns wurde gesagt: Ihr seid bunt, und das ist gut.“

Dieses Selbstbewusstsein spürt man jetzt auch, wenn man sich mit der jungen Frau über ihr Studium, die Situation in ihrem Heimatland oder die Lage von Flüchtlingen unterhält.

Weltbürgerin geht ihren Weg

Ein wenig Angst hatte die junge Frau vor ihrer ersten Rückkehr in ihr Heimatland Eritrea, das sie vor zwei Jahren das erste Mal wieder besuchte. Denn nicht umsonst nennt man Eritrea das „Nordkorea Afrikas“. Es ist ein vom Militär dominiertes Land mit einem übermächtigen Präsidenten, in dem Menschenrechte und Pressefreiheit kaum verwirklicht sind.

Doch sie wurde teilweise positiv überrascht und fühlte sich insgesamt sicherer, als sie befürchtet hatte. Trotzdem hat nahezu jede Familie in dem permanenten Ausnahmezustand der vergangenen Jahrzehnte Tote zu beklagen gehabt, wie sie zu berichten weiß.

Längst haben sich noch nicht alle ihre Lebenswünsche verwirklicht. So hatte sie stets davon geträumt, Ärztin zu werden, um Menschen helfen zu können. Doch für ein Medizinstudium mit der hohen Hürde des „Numerus clausus“ und der Voraussetzung einer sehr guten Abiturnote bewarb sie sich dann doch nicht.

Stattdessen ist sie jetzt seit zwei Jahren an der Philipps-Universität im Studiengang „Sprache und Kommunikation“ eingeschrieben. Nach dem bald anstehenden Bachelor-Stu­dienabschluss will sie eventuell ein Masterstudium in Friedens- und Konfliktforschung dranhängen. Das Studium könnte sie dann für ihren Zweit-Berufswunsch „Botschafterin“ nutzen.

Unfassbare Geschichten über Todesfälle in der Wüste

Nicht nur die gemütliche Universitätsstadt Marburg gefällt ihr besser als das eher großstädtische Wiesbaden, wo sie aufgewachsen ist. Ihr imponieren auch die Anstrengungen, die in Marburg in Sachen Flüchtlingsunterbringung unternommen werden. „Marburg ist eine sehr hilfsbereite Stadt. Hier gibt es viele ehrenamtliche Helfer“, sagt Yohana Arfiyne. Dass in Marburg ein neues Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgebaut werden soll, findet sie positiv. Sie hofft aber auch, dass  dafür Mitarbeiter mit Migrationshintergrund gesucht werden, die die Sprache und die möglichen Probleme der jungen   Flüchtlinge aus eigener Anschauung kennen.

„Mittlerweile ist die Lage schwieriger als noch vor zehn Jahren. Es sind zu viele minderjährige Flüchtlinge mit falschen Vorstellungen gekommen“, sagt Arfiyne. Als Dolmetscherin im Erstaufnahmelager in Gießen hat sie gerade von diesen jungen Flüchtlingen viele unfassbare Geschichten über Todesfälle in der Wüste oder im Mittelmeer berichtet bekommen. „Das ist nicht normal, dass sie sich schon in so jungen Jahren so intensiv mit dem Tod befasst haben“, sagt die Marburger Studentin. „Sie sind härter und können auch aggressiver werden“, bilanziert sie.

Unterstützung und Hilfe erhält die gebürtige Eritreerin, die mittlerweile einen deutschen Pass hat und sich als „Weltbürgerin“ fühlt, derzeit vom Stipendienprogramm „Geh deinen Weg“ der Deutschlandstiftung Integration. So hat sie einen eigenen Mentor und die Chance, Projekte mit anzustoßen.

Und sie will ihren Lebensweg mit Optimismus weiter gehen. „Ich wäre enttäuscht, wenn ich in den nächsten Jahren nicht auch noch etwas verändern könnte“, sagt sie.

von Manfred Hitzeroth

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