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„Ich habe Angst im Dunkeln“

Aus dem Landgericht „Ich habe Angst im Dunkeln“

Am zweiten Verhandlungstag des Strafprozesses gegen einen offensichtlich frauenfeindlichen Mann berichteten neun Opfer von den verbalen und physischen Angriffen.

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Die Verhandlung fand vor dem Landgericht Marburg statt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Vergleich zum ersten Verhandlungstag zeigte sich der 51-jährige Marburger, der sich im Maßregelvollzug ­einer psychiatrischen Klinik ­befindet, weitaus zurückhaltender. Dennoch hielt er den Prozess mehrmals mit für die Verhandlung unwichtigen Beiträgen auf. Unter anderem forderte der Angeklagte das Gericht auf, einen Zeugen als „hinterhältig einzustufen“. Eben dieser Zeuge, der in einem Heim für betreuungsbedürftige Erwachsene lebt, sagte aus. Zu dessen Nachteil soll der 51-Jährige sich der räuberischen ­Erpressung schuldig gemacht haben. Mit den Worten „Rück etwas heraus“ soll der Angeklagte dem Mann auf offener Straße ein Messer an den Hals gehalten und so 20 Euro erpresst haben. Der ­Beschuldigte leugnete.

Der Zeuge konnte jedoch ­wenig zur Rekonstruktion des Tathergangs beitragen. „Ich ­habe die Fähigkeit, Dinge ganz bewusst zu vergessen“, erklärte­ er. Als Vorsitzender Richter Dr. Marco Herzog ihm die polizeiliche Aussage vorhielt, sagte er: „Wenn es da so steht, dann muss das auch so gewesen sein. Aber mir ist die Sache nicht so wichtig und hat sich für mich erledigt.“ Pflichtverteidiger Stefan Adler hatte Zweifel am ­Gehalt der Zeugenaussage und beantragte, eine Betreuungskraft aus dem Heim zu laden,­ um ­Näheres über den Geisteszustand des Zeugen zu erfahren. „Gegenüber mir hat er von Angst-Psychose gesprochen“, erzählte eine Polizistin, die den Geschädigten im Zuge der Ermittlungen vernommen hatte.

Von Angstzuständen berichteten auch sechs weitere Zeuginnen, die Opfer des 51-Jährigen gewesen sein sollen. Die Frauen, allesamt im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, soll der Angeklagte grundlos entweder geschlagen oder geschubst haben. Angeblich trugen sich alle Vorfälle in der Marburger Innenstadt zu, und in mehreren Fällen soll der Angeklagte ein alkoholisches Getränk mit sich geführt haben. Bleibende Verletzungen trug keine der Frauen davon. Was jedoch blieb, waren angebliche psychische Schäden. „Ich kann diesen Weg nicht mehr mit dem Fahrrad fahren und nehme jetzt immer einen Umweg“, sagte eine Zeugin, welcher der Angeklagte den Weg abgeschnitten und mit der Faust ins ­Gesicht geschlagen haben soll.

Todesdrohungen

Eine andere Frau sagte: „Ich habe Angst im Dunkeln. Ich ­habe nicht verstanden, warum­ man so etwas macht. Ich habe­ ihm nichts getan“, stammelte­ sie. Ähnliches äußerten auch die übrigen Zeuginnen. Zwei Frauen soll der 51-Jährige auf eine­ verkehrsreiche Straße in der ­Innenstadt gestoßen haben. Dass es ein Versehen gewesen sei, schlossen beide Zeuginnen aus. „Er hat seine Schulter wuchtig gegen meine gestoßen. Das war absolut gezielt. Glücklicherweise kam kein Auto“, berichtete eine Zeugin.

Zwei weitere Frauen - eine Bänkerin sowie eine Bäckerin - berichteten nicht von körperlicher Gewalt, sondern davon, dass der Angeklagte ihnen mit dem Satz „Sie bringe ich auch noch um“ gedroht haben soll. Mehrere Zeuginnen grämten sich, die angeblichen Beleidigungen des 51-Jährigen zu wiederholen. Es war Vokabular aus der untersten Schublade.

  • Fortsetzung: Freitag, 25. November, ab 9 Uhr im Schwurgerichtssaal des Landgerichts.

von Benjamin Kaiser

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