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„Ich frage mich, ob meine Familie lebt“

Sorge um Kurden in Cizre „Ich frage mich, ob meine Familie lebt“

In der Nacht zum 3. September marschierte die türkische Armee in die Stadt Cizre im kurdischen Teil der Türkei ein. Seitdem ist dort nichts mehr wie es war. Das Schicksal betrifft auch Kurden in Marburg.

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Mitten im kurdischen Siedlungsgebiet, in dem sich das türkische Militär seit Wochen Gefechte mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK liefert, liegt Cizre. Soziale Netzwerke sind für viele die einzige Möglichkeit, Kontakt mit den Menschen vor Ort zu halten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mehmet Kiroks Hände zittern. „Ich bin hilflos“, sagt er mit bebender Stimme. „Ich weiß nicht mehr was ich machen soll.“

Seit über einer Woche ist er ohne Lebenszeichen von seinem Vater und seinen vier Geschwistern in Cizre – die Stadt, die er als Zwölfjähriger mit seinem Onkel verließ, um in Deutschland ein besseres Leben anzufangen.

„Damals war der Zustand in Cizre nicht ganz so kritisch“, berichtet der inzwischen vierfache Vater. „Zwar gab es viel Gewalt und viele Tote, aber so schlimm wie heute war es nicht.“

Vor vier Monaten erst war Kirok (Foto rechts: Korte) in Cizre, um seine Mutter zu beerdigen. „Da war alles noch normal“, sagt der 36-Jährige. Doch als am 20. Juli bei einem verheerenden Anschlag in Suruç über 30 Menschen getötet wurden, änderte sich die Situation vor Ort schlagartig.

Unter den Opfern des Terroranschlags befanden sich damals viele Mitglieder einer sozialistischen Jugendorganisation, die mit den kurdischen Volksschutzeinheiten, die in Syrien gegen die extremistische Miliz „Islamischer Staat“ (IS) kämpfen, sympathisieren und sich für den Wiederaufbau der nordsyrischen Stadt Kobane eingesetzt hatten. Kobane war im vergangenen Jahr monatelang Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen dem IS und kurdischen Milizen gewesen.

Nach dem Anschlag reagierten die türkischen Kurden mit Demonstrationen. Ihr Vorwurf: Der Anschlag habe sich ihrer Meinung nach auf türkischem Boden gegen Hilfe für syrische Kurden gerichtet. Sie werfen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen regierender AK-Partei vor, Kollaborateure des IS zu sein.

Seit dem Anschlag von Suruç wächst der Druck auf den Präsidenten. „Erdogan schürt diesen Krieg, um die Stimmen von türkischen Nationalisten zurückzubekommen, die er verloren hat“, sagt Kiroks Freund Zeki Özmen (Foto links: Korte) im OP-­Gespräch und fasst damit den Vorwurf zusammen, dass Erdogans Kampf gegen den IS nur ein Vorwand sei, um gegen die Kurden vorzugehen, die ihm bei den Parlamentswahlen im Juni eine Wahlniederlage zugefügt haben. Die AKP hatte damals ihre absolute Mehrheit der Sitze im Parlament nach mehr als zwölf Jahren Alleinregierung verloren.

Für die bevorstehende Parlamentsneuwahl am 1. November scheint er nun mit allen Mitteln einen Sieg der AKP erzwingen zu wollen. „Er scheint zur Vorbereitung der Neuwahlen sogar einen Bürgerkrieg in Kauf zu nehmen“, kritisierte Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour jüngst in einem Zeitungsinterview.

Seit Wochen nun liefert sich das türkische Militär Gefechte mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK in den kurdischen Siedlungsgebieten im Südosten der Türkei. Inmitten dieses Gebiets, nahe der syrischen und irakischen Grenze, liegt die 100.000 Bewohner-Stadt Cizre (siehe Karte unten), die als Hochburg der PKK gilt.

In der Nacht zum dritten September wurde sie von türkische Soldaten gestürmt und ist seitdem umstellt. Es herrscht eine Ausgangssperre. Laut Angaben der kurdischen Partei HDP wird der Sperrbezirk nicht ausreichend mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Elektrizität versorgt. Zudem berichtete die Deutsche Presse Agentur (dpa), dass in der vergangenen Woche mindestens 20 Zivilisten in der Gegend ums Leben gekommen seien. Videobilder aus Cizre zeigen verlassene Straßen und die Spuren von Kämpfen.

Im Hintergrund waren Schüsse zu hören

„Ich erfahre im Moment nur über das Fernsehen und die Zeitungen, was in Cizre passiert. In den sozialen Netzwerken und auf Twitter werden ständig neue Bilder gepostet.“ Es sind Bilder von blutüberströmten, getöteten und Waffen tragenden Menschen. Bilder vom Krieg, die keine Hoffnung machen. „Ich frage mich, ob meine Familie überhaupt noch lebt“, sagt Kirok.

Özmen hat zuletzt am Mittwochmorgen mit seiner Schwester in Cizre telefoniert. „Während des Gesprächs fielen im Hintergrund immer wieder Schüsse. Meine Schwester erzählte mir, dass man in der Stadt Schreie von Menschen hört, die in ihren Häusern regelrecht eingesperrt sind. Sie können nicht hinaus, weil dann gleich auf sie geschossen wird“, berichtet der 35-jährige Sozialpädagoge. „Es sind Zivilisten, die hier beschossen werden. Es gibt keine medizinische Versorgung. Es geht hier nicht um die politische, sondern um die humanitäre Situation vor Ort. Das, was dort passiert, muss aufhören, es ist unmenschlich.“

von Ruth Korte

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