Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
„Ich finde das Gerede von der Hintertür absurd“

Im Interview: Marian Zachow „Ich finde das Gerede von der Hintertür absurd“

Vom Pfarrhaus ins Kreishaus, von der Kanzel ans Rednerpult - es ist schon fast ein fliegender Wechsel für Marian Zachow, der am Mittwoch noch Pfarrer war und am Donnerstag schon politischer Beamter ist.

Ab jetzt trägt Marian Zachow er statt Fliege immer eine Krawatte, denn Politik ist nun sein Job: der neue Kreisbeigeordnete Marian Zachow.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Vom Pfarrer zum politischen Beamten von einem Tag auf den anderen? Wie fühlt sich das an?

Marian Zachow: Ganz gewiss ungewöhnlich - als Pfarrer waren Wohn- und Dienstort nah beeinander, nun fahre ich Tag für Tag ins Büro nach Cappel. Und statt mich um Gottesdienste, Seelsorge, Trauerfeiern, Hochzeiten und Taufen zu kümmern, steht nun die Verantwortung für Schulen, Wirtschaftsförderung, Kreisjobcenter, Integration, Bauen, Jagd, Verkehr und vieles andere mehr auf meinem Tagesprogramm: Das ist mit Sicherheit eine spannende und herausfordernde Umstellung - aber die neue Herausforderung ist auch sehr reizvoll. Immerhin ist eines in beiden Berufen gemeinsam: Man hat viel mit Menschen zu tun und kann mit und für die Menschen arbeiten.

OP: Beruf oder Berufung? Was hat Sie von der Kanzel in der Kirche ans Rednerpult im Kreistag gebracht - der Wählerwille war‘s ja nicht...?

Zachow: Es ist richtig, dass ich in der Stichwahl deutlich hinter Kirsten Fründt zurücklag. Aber dennoch muss man festhalten, dass eine große Mehrheit der Wählerinnen und Wähler bei der Landratswahl der Meinung war, dass Kirsten Fründt und ich offenbar die beiden Besten für die Zukunft unseres Landkreises sind, denn wir beide sind - mit deutlichem Abstand zu den anderen Bewerbern - in die Stichwahl gekommen. Also ist es durchaus im Sinne des Wählers, wenn diejenigen, die bei der Wahl am besten abgeschnitten haben, nun auch gemeinsam Politik für unseren Landkreis machen. Als Christ war es für mich immer selbstverständlich, dass es zur christlichen Verantwortung auch gehört, die Welt, in der wir leben, mitzugestalten. In dem Sinne fühle ich mich auch zur politischen Verantwortung berufen und habe mich deswegen für den zeitweisen Wechsel in die Politik entschieden.

OP: In der Ausgabe vom 23. September 2013 wurden Sie in der OP wie folgt zitiert auf die Frage, ob Sie vielleicht doch noch auf ein politisches Amt, etwa auf die Position des Vize-Landrats, schielen. Ihre Antwort: „Entschieden nein. Wir haben in Karsten McGovern einen Ersten Kreisbeigeordneten und ich sehe da auch keine Änderung. Für mich persönlich gibt es diesbezüglich keinen politischen Plan B.“ Wie beurteilen Sie diese Aussage jetzt?

„Es gab wirklich keinen Plan B nach der Wahl“

Zachow: Die Aussage vom 23. September war zu diesem Zeitpunkt völlig ehrlich und richtig: Karsten McGovern war damals im Amt - und es gab keine Anzeichen, dass sich die Frage nach der Wahl des Ersten Beigeordneten stellen würde. Dass sich daran etwas ändern würde, war überhaupt nicht abzusehen - und deswegen gab es auch wirklich keinen Plan B: Das einzige, was ich damals im Blick hatte, war mich mit vollem Elan und voller Freude meiner Gemeinde zu widmen. So habe ich Termine nicht nur für 2014 sondern auch für 2015 geplant: Das hätte ich wohl kaum gemacht, wenn ich eigentlich doch auf einen politischen Posten spekuliert hätte. Erst als sich dann im Frühjahr 2014 die politische Situation verändert hatte und es zur Koalition aus CDU und SPD kam, hat sich für mich die Frage gestellt, ob ich mich nicht als Erster Beigeordneter bewerben sollte.

OP: Was lassen Sie aus Ihrer Zeit als Pfarrer gern hinter sich

Zachow: Was ich gern hinter mir lassen würde, ist das permanente schlechte Gewissen. Es gibt so viele Menschen, die man als Pfarrer gern besuchen würde, weil ein Gespräch oder einfach ein bisschen Zeit ihnen gut tun würde. Aber weil das Pfarramt gleichzeitig so viel andere Aufgaben wie Verwaltung und Unterricht mit sich bringt, habe ich oft nur einen Teil der Besuche geschafft, die ich eigentlich gern gemacht hätte. Deswegen bin ich abends oft mit dem schlechten Gefühl ins Bett gegangen, dass ich eigentlich noch viel, viel mehr hätte machen wollen und müssen.

OP: Was werden Sie am meisten vermissen? Und worauf freuen Sie sich am meisten?

Zachow: Am meisten vermissen werde ich wohl die Menschen aus Caldern, Kernbach und Brungershausen. Und natürlich die Mitglieder des Kirchenvorstandes sowie unseren Kirchenältesten: Mit diesem Team habe ich nicht nur toll zusammenarbeiten können, sondern sie sind mir in der Zeit im Pfarramt wirklich ans Herz gewachsen. Aber ich hoffe, dass die menschliche Verbindung auch im neuen Amt lebendig bleibt. Am meisten freue ich mich auf die vielen Begegnungen, die mein neues Amt mit sich bringen wird: mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung, in Schulen, Unternehmen, Vereinen, Verbänden, und, und, und...

OP: Wie kommen Sie damit klar, durch die Hintertür an die Kreisspitze zu gelangen, nachdem die Mehrheit der Menschen in Marburg-Biedenkopf Sie im vergangen Jahr nicht als Landrat haben wollte?

Zachow: Ich finde das Gerede von der „Hintertür“ absurd. Das Auswahlverfahren zum Kreisbeigeordneten war in jeder Hinsicht transparent (Anmerkung der Redaktion: Der Wahlvorbereitungsausschuss tagte ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit). Gestern habe ich mich einer demokratischen Wahl gestellt, bei der ich eine Mehrheit der Abgeordneten von mir überzeugen musste. Das ist der ganz normale, demokratische Weg in dieses Amt; mit Hintertür hat das gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Es ist ein Vorteil, dass ein Beigeordneter neu ins Amt kommt, der sich zuvor in einer Direktwahl den Menschen vorgestellt hat: Dadurch kennen die Menschen mich und meine Ziele, dadurch konnte ich auch Vertrauen gewinnen.

„Das Zuhören wird ganz wichtig sein“

OP: Was nehmen Sie sich für die kommenden sechs Jahre vor - welche Ziele sind Ihnen in Ihrer neuen Funktion besonders wichtig?

Zachow: Ich muss durchaus viel lernen und mich gründlich einarbeiten. Das Zuhören wird nicht nur in den ersten 100 Tagen ganz wichtig sein. Zu meinen wichtigsten Zielen zählt, ein intelligentes Standortmarketing für die ganze Region auf den Weg zu bringen und neue Akzente in der lokalen Wirtschaftsförderung auch für kleine Gewerbetreibende, Händler und Landwirte vor Ort zu setzen. In der Verkehrspolitik möchte ich innovative und effiziente Verkehrsangebote wie etwa den Bürgerbus in Niederweimar stärken und den ÖPNV so weiterentwickeln, dass mit verantwortungsvollem Einsatz finanzieller Mittel attraktive Mobilität möglich wird. Und beim Thema Schule will ich meinen Beitrag leisten, dass Kinder und Jugendliche gute Bedingungen für gute Bildung vorfinden. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich gerade für die kleinen Schulstandorte im ländlichen Raum stark machen werde, denn kurze Wege zur Schule sind gerade für unsere Kleinsten ein wichtiges Stück Bildungsqualität.

von Carina Becker

Zum Bericht von der Wahl

Mehr zum Artikel
Abwahl endgültig

Mit Stimmen von SPD, CDU und FDP hat der Kreistag Marburg-Biedenkopf soeben den langjährigen Ersten Kreisbeigeordneten Dr. Karsten McGovern (Grüne) abgewählt. Mit 57 Stimmen stand die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr