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„Ich bin nicht beratungsresistent“

Interview mit OB-Kandidat Rainer Wiegand „Ich bin nicht beratungsresistent“

Rainer Johannes Wiegand will als Oberbürgermeister die Videoüberwachung in der Oberstadt einführen, den Nahverkehr kostenlos machen und der Stadt ein Denkmal stiften.

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Rainer Wiegand will die Energiewende auf kommunaler Ebene nicht unterstützen.Foto: Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. OP: Warum wollen Sie Oberbürgermeister von Marburg werden?

Rainer Wiegand: Weil das Wahlrecht mir diese Möglichkeit gibt.

OP: Mir auch - das ist ja kein hinreichender Grund anzutreten.

Wiegand: Ich nutze eben die Möglichkeit, Sie nicht. Mein Motto: „Ich mach’s“.

OP: Was wollen Sie als Oberbürgermeister in Marburg verändern?

Wiegand: Die Ehrlichkeit den Bürgern gegenüber! Parteien erzählen vor der Wahl etwas anderes als nach der Wahl. Ich nicht.

OP: Warum sollte ich als Wähler denn Rainer Wiegand wählen? Für welche Inhalte stehen Sie? Was machen Sie in der Verkehrspolitik? Was machen Sie im städtischen Haushalt?

Wiegand: Der wichtigste Grund, mich zu wählen, ist, dass ich nur den Bürgern verpflichtet bin und nicht Parteiinteressen. Wenn ich Oberbürgermeister werde, bin ich deshalb ein besserer Mediator als alle parteigebundenen Kandidaten.

OP: Gehen wir die einzelnen Politikbereiche mal kurz durch: Was sind Ihre Vorhaben in der Verkehrspolitik?

Wiegand: Ich will den Öffentlichen Nahverkehr wirklich öffentlich machen. Ich will ihn freigeben für alle.

OP: Das heißt: kostenlos für alle zu machen?

Wiegand: Ja.

OP: Das ist auch der Plan der Linken.

Wiegand: Gute Ideen setzen sich langfristig durch, egal von wem sie stammen. Wenn wir den Nahverkehr kostenlos zur Verfügung stellen, ergeben sich große Vorteile für die Marburger Wirtschaft, weil die verloren gegangene Kaufkraft aus dem Umland zurückkommt. Die Leute wurden jahrelang vergrault. Mit meinem Plan steigen die Steuereinnahmen für die Stadt, und die Stadt braucht ja mehr Geld, zum Beispiel für Schulen und Flüchtlinge.

OP: Wie wollen Sie die Autofahrer zu den Kaufleuten in der Innenstadt bringen?

Wiegand: Der individuelle Verkehr wird deutlich weniger werden, wenn die Busse erst umsonst und öfter benutzt werden können. Wir brauchen die Steuergelder der Kaufleute, um die Aufgaben der Stadt zu finanzieren.

OP: Wollen Sie den Zugang zur Innenstadt für Autofahrer erschweren?

Wiegand: Wenn wir am Stadtrand kostenlose Parkplätze zur Verfügung stellen und die Anbindung ins Zentrum verbessern, nehmen die meisten Leute dieses Angebot wohl an.

OP: Wie wollen Sie die Sicherheit in der Stadt, speziell in der Oberstadt, verbessern?

Wiegand: Da wird viel Stimmung gemacht. Vieles ist aufgebauscht.

OP: Also ist alles im Lack?

Wiegand: Nein, denn die Oberstadtbewohner haben das gleiche Recht auf Ruhe wie die Anlieger der Stadtautobahn. Und die Straßen zwischen den Häuserschluchten wirken nun mal lärmverstärkend wie Trompeten.

OP: Also was ist zu tun?

Wiegand: Ich bin als Einziger von allen Kandidaten für die Videoüberwachung in der Oberstadt. Das hilft vielleicht nicht gegen Lärm, aber wird das Gefühl für Sicherheit erhöhen. Und man könnte belegen, was die Parteien bei ihren Wahlkämpfen in der Oberstadt so alles versprechen.

OP: Sie reden aber davon, dass die Probleme aufgebauscht sind. Hilft dagegen die Videoüberwachung?

Wiegand: Man muß völlig neu darüber nachdenken, was man machen kann, um die subjektive Wahrnehmung zu verändern.

OP: Also keine Verbote, keine Belehrungen?

Wiegand: Genau, das gilt ja auch in der Verkehrspolitik. Ich setze auf die Vernunft der Leute. Das sind doch alles mündige Bürger. Auch das ist der Grund, warum ich antrete. Ich habe ein anderes Politikkonzept als die Parteikandidaten. Keine unnötige Bevormundung!

OP: Was machen Sie nach dem Aus für den Windkraftstandort Lichter Küppel, damit Marburg sich an der Energiewende beteiligt?

Wiegand: Ich glaube nicht an die Energiewende, wie sie propagiert wird. Sie funktioniert in Deutschland doch nur dann, wenn sie in anderen Ländern nicht durchgesetzt wird. Wir können bei Flaute jederzeit Strom aus dem Ausland dazukaufen. Und das ist dann Atomstrom oder Strom aus Kohle. Das ist doch völlig unehrlich.

OP: Also was ist zu tun?

Wiegand: Man muss zunächst mal miteinander reden, ob es andere Lösungen gibt und wer bereit ist auch dafür ohne den Staat etwas zu tun.

OP: Sie müssen sich aber als Oberbürgermeister zu dem Thema verhalten. Wie werden Sie die Energiewende vorantreiben?

Wiegand: Ich will keine Wende! Ich kann als OB die Anstöße geben. Beschlüsse werden aber im Stadtparlament gefasst.

OP: Sie wollen doch nicht Oberbürgermeister werden, damit Sie nur das ausführen, was die von Ihnen so kritisierten Parteien beschließen.

Wiegand: Nein, aber die Rechtslage ist zunächst mal so. Ich kann Beschlüssen des Parlaments nur widersprechen, wenn sie einen Rechtsbruch darstellen. Den Parteien auf die Finger schauen ist das eine, aber danach trotzdem noch die Hand reichen, das andere.

OP: Wie soll Marburg nach Ihren Vorstellungen in zwölf Jahren aussehen?

Wiegand: Das kann man doch seriös nicht vorhersagen. Niemand weiß, was sich in zwei Jahren an Fragestellungen ergibt. Ich bin jedenfalls nicht beratungsresistent. Es gibt genügend gute Ratgeber, die man nur zu fragen braucht. Ich habe ein Ohr für alle Marburger.

OP: Wer sind denn Ihre Berater?

Wiegand: Ich habe eine Person von außerhalb, die mir gelegentlich Tipps auch bezüglich meines Auftretens gibt.

OP: Apropos Auftreten: Sie sind Künstler, Sie betrachten Ihre politischen Ambitionen auch als Ausdruck Ihrer Kunst und Sie provozieren gelegentlich mit Ihren Auftritten. Auf Ihrem Blog „Hessenhenker“ findet der aufmerksame Betrachter ein Hakenkreuz. Was haben Sie sich denn dabei gedacht?

Wiegand: Das „Hakenkreuz“ ist ein Kunstwerk, es wurde durch einen antisemitisch gemeinten Brandanschlag auf mein Haus inspiriert. Das Kunstwerk besteht aus Büchern, die bei einem Vandalismus-Einbruch in der Gisselbergerstraße zerrissen worden sind, die Mitte bildet ein unversehrtes Grundgesetz, worauf ein abgebranntes Haus steht. Das ist auch so in meiner Ausstellung „Entartete Kunst“ in der Gisselbergerstraße 10 ausgestellt gewesen, wo Vermummte auch das Fenster eingeschlagen haben. Ich bin ein Verteidiger der Verfassung, und ich weise mit den Mitteln der Kunst darauf hin, dass das Grundgesetz gefährdet ist. Das Kunstwerk symbolisiert, dass Extremismus in die Mitte der Gesellschaft zielt. Und wenn es provoziert, erfüllt es seinen Zweck.

OP: Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag als Oberbürgermeister?

Wiegand: Wahrscheinlich das gleiche wie vier Wochen vorher. Ich muss mich ja in der Verwaltung rechtzeitig einweisen lassen.

OP: Am 1. Dezember sind Sie aber kein Praktikant, sondern, wenn sich Ihre Wünsche erfüllen, Oberbürgermeister. Was tun Sie?

Wiegand: Ich räume den Schreibtisch meines Vorgängers auf, und ich stifte der Stadt ein Grundgesetz-Denkmal.

von Till Conrad

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Stellten sich am Dienstagabend während des Wahl-Forums den Fragen von OP-Chefredakteur Christoph Linne (von links) und Redakteurin Anna Ntemiris: Die Kandidaten für die Marburger Oberbürgermeisterwahl 2015 Elke Neuwohner (Die Grünen), Dirk Bamberger (CDU), Dr. Thomas Spies (SPD), Marius Beckmann (Die Partei),Jan Schalauske (Die Linken) und Rainer Wiegand (parteilos).

Die Oberhessische Presse hat die Kandidaten für die Marburger Oberbürgermeisterwahl zum OP-Wahlforum ins Informations- und Kongresszentrum der Deutschen Vermnögensberatung eingeladen.

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