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„Ich bin hier, um Lesen zu lernen“

Alte deutsche Schrift „Ich bin hier, um Lesen zu lernen“

22 Erwachsene sitzen im Seminarraum der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf. „Ich bin hier, um Lesen zu lernen“, erklärt ein Teilnehmer - den anderen geht es genauso.

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Birgit Gönner aus Buchenau zeigt Feldpost von ihrem Großvater Heinrich Pepin aus Sterzhausen, die er im Zweiten Weltkrieg aus Norwegen und Russland an seine Frau Margarete und die Kinder geschickt hat.

Quelle: Carina Becker

Marburg. E handelt es sich nicht etwa um eine Gruppe von Legasthenikern oder Analphabeten, sondern um Männer und Frauen, die die alte deutsche Handschrift entziffern wollen.

Das kleine „K“ sieht aus wie ein verunglücktes kleines „f“ in Erster-Klasse-Schreibschrift. Das große „V“ wie ein Buchstabe aus einer fremden Schriftsprache. Unkundige, die denken, sie könnten sich mit ein wenig Fantasie und Kombinationsgabe durchwursteln, werden enttäuscht. Aber nur vorerst. Die Kursleiterin Katrin Marx-Jaskulski, Archivarin, Historikerin und Leiterin des Hessischen Personenstandsarchivs in Neustadt, hilft den Männern und Frauen auf die Sprünge. Jeder bekommt eine Schrifttafel an die Hand - das Alphabet einmal in lateinischer und einmal in altdeutscher Schrift. Dann wird reihum vorgelesen - und weil es sich um alte Stammbucheinträge mit Namens- und Berufsbezeichnungen handelt, kommen nun selbst die blutigen Anfänger zurecht. Davon gibt es in den Kurs nur einige wenige - die meisten Teilnehmer sind schon zum zweiten Mal dabei. Ihr Ziel ist zumeist, in der Ahnenforschung voranzukommen. Oder alte Heimatgeschichte für Stadt- oder Vereinsarchive zu bewahren. Oder endlich einmal die Briefe von den Großeltern lesen zu können, wie beispielsweise Birgit Gönner aus Buchenau berichtet. Sie hat eine Schachtel voller Feldpost ihres Großvaters mitgebracht. „Ich möchte gern wissen, was er damals an meine Oma Margarethe geschrieben hat“, sagt Gönner, die zu denen gehört, die ihre Kenntnisse mithilfe des Kurses ausbauen. „Ich hab sie noch eine zeitlang in der Schule gelernt“, berichtet sie über die alte deutsche Schreibschrift.

Kurs-Leiterin Marx-Jaskulski räumt mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf: Sütterlin-Schrift und alte deutsche Schrift - das ist nicht das selbe. „Die Sütterlin-Schrift wurde erst 1911 von dem Lithographen und Graphiker Ludwig Sütterlin entworfen. Diese Schrift weist im Gegensatz zur Schrägrechtslage der deutschen Schreibschrift gedrungene, aufrechtstehende Buchstaben auf“, erklärt sie und berichtet, dass die Sütterlin-Schrift 1915 in Preußen und ab dem Schuljahr 1935/36 im gesamten Deutschen Reich als Schreibschrift eingeführt wurde.

Bereits zum September 1941 wurde sie wieder weitgehend aus dem Verkehr gezogen. Und seit dieser Zeit lernen Kinder in der Schule regulär eine auf lateinischen Buchstaben beruhende „Normalschrift“.

Der Kurs hilft den versammelten Heimat- und Familienforschern weiter - die Übung macht‘s eben. Alle, die sich selbstständig (wieder) ein wenig an die alte deutsche Schrift herantasten wollen, finden im Internet und im Buchhandel geeignete Hilfsmittel.

Literaturtipp: Harald Süß, Deutsche Schreibschrift. Lesen und Schreiben lernen. Lehrbuch, München 2002.

von Carina Becker

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