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Hunger und Tod zwischen den Fronten

Syrien Hunger und Tod zwischen den Fronten

Dafür, dass das Wort „Jarmuk“ in den deutschen Medien auftaucht, hat Elias Perabo in den vergangenen Jahren verzweifelt gekämpft. Der Marburger, der inzwischen in Berlin lebt, unterstützt mit seiner Organisation „Adopt a Revolution“ den Aufbau einer Zivilgesellschaft in Syrien, jenseits der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Assads Regime, syrischen Rebellen und den erstarkten Islamisten.

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Nur Kosmetik? Das Assad-Regime präsentiert sich als Schutzmacht des Volkes. 2000 Palästinenser sind nun in ein Lager in Damaskus evakuiert worden und durften von UN-Vertretern besucht werden. Nach Informationen syrischer Aktivisten, zu denen Elias Perabo Kontakt hält, lässt das Regime ansonsten aber niemanden aus Jarmuk heraus und keine Nahrung herein.

Quelle: Badawi

Berlin/Damaskus. Die Kämpfe lassen nach, was bleibt, ist eine humanitäre Katastrophe: Der Islamische Staat hat Anfang April die palästinensische Flüchtlingsstadt Jarmuk bei Damaskus angegriffen. Doch das Drama begann schon lange vorher. Konkret seit 2012 unterstützte Perabos Organisation in Jarmuk ein „Zentrum für Zivilgesellschaft“ als zentrale Anlaufstelle für Menschenrechts- und Demokratieaktivisten. „Trotz großer Not ist Jarmuk als Thema bislang extrem schwer vermittelbar gewesen, obwohl die humanitäre Lage wohl ebenso schlimm war wie zum Beispiel in Kobane“, sagt Perabo. Die Flüchtlingsstadt Jarmuk sei  eben ein Sonderfall.

1957 waren hier viele palästinensische Flüchtlinge angekommen, die aus dem Gazastreifen vor dem Nahost-Konflikt geflohen waren. Als im Jahr 2011 die syrische Revolution begann und sich Bürger gegen das Assad-Regime auflehnten, begann es nach Aussage von Perabo, auch in Jarmuk zu brodeln. „Ich war im Jahr 2011 selbst in Damaskus und Jarmuk. Es ist kein Flüchtlingslager mehr, wie man sich das vielleicht vorstellt, sondern ein eigener Stadtteil mit drei- bis fünfstöckigen Häusern, die die palästinensischen Flüchtlinge hier in Jahrzehnten und mehreren Generationen aufgebaut hatten“, sagt Perabo.

Menschen gingen gegen Assad auf die Straßen

Der Unterschied zu anderen Stadtteilen war, dass die Palästinenser sich dort nahezu autonom verwalteten. „Junge demokratische Kräfte begannen 2011 nun auch in Jarmuk mehr demokratische Reformen und Mitbestimmung einzufordern und begehrten so einerseits gegen das Assad-Regime andererseits aber auch gegen die lokale palästinensische Verwaltung auf“, so Perabo.

Nach Informationen von „Adopt a Revolution“ gingen die Menschen hier massenweise gegen die Diktatur des Assad-Regimes auf die Straßen. Es fanden Flüchtlinge aus der vom Regime bombardierten Rebellenhochburg Homs Unterschlupf und trotz der Belagerung durch Assad-Truppen bildeten sich in den letzten Jahren so starke zivilgesellschaftliche Strukturen wie an kaum einem anderen Ort in Syrien. „Seit 2012 haben wir mit Geld und Know-How den Aufbau eines zivilgesellschaftlichen Zentrums von Deutschland aus unterstützt“, sagt Elias Perabo. Dabei sei erst so etwas wie ein Jugendzentrum geplant gewesen, allerdings wäre das Projekt zum Selbstläufer geworden und hätte sich zum Anlaufpunkt für Aktivisten und Reformer aller Altersgruppen entwickelt. „Es wurden Sprachkurse angeboten und Kurse für Journalisten und Kameraleute. Die Menschen bekamen Tipps für den Anbau von Pflanzen oder andere praktische Ratschläge für das Überleben während der Belagerung“.

Die Menschen in Jarmuk werden ausgehungert

Jarmuk liegt nur sechs Kilometer südlich vom Präsidentenpalast und Bashar Al-Assad ließ nach Aussage von Perabo im Verlauf der Auseinandersetzung mit den Rebellen die Checkpoints schließen. Keiner kam mehr raus und Nahrung, Trinkwasser und Medikamente kamen nicht mehr zu den Menschen. „In keiner anderen Region sind so viele Menschen einfach verhungert, obwohl es ein paar Kilometer weiter südlich in Damaskus sogar noch ein feudales Nachtleben gibt“, sagt Perabo.

Durch den Angriff des Islamischen Staates habe sich die ohnehin schon menschenunwürdige Situation nochmal dramatisch zugespitzt: „Im Norden hält die Assad-Armee die Checkpoints geschlossen, von Süden dringen die ISIS-Terrormilizen vor. Viele der Aktivisten vor Ort stehen sowohl auf der Todesliste des Assad-Regimes, als auch auf der Todesliste der Islamisten.“ Der stellvertretende Leiter des zivilgesellschaftlichen Zentrums wurde vor wenigen Wochen von islamistischen Gruppen innerhalb des Lagers ermordet, der Leiter ist auf der Flucht. Auch wenn das in der akuten Situation nicht möglich ist, will Elias Perabo weiter helfen und vom Schrecken berichten. Politisch, meint er, bräuche es mehr Druck der UN auf Assad und die palästinensische Autonomiebehörde, um den knapp 16 000 verbliebenen Palästinensern in Jarmuk die Flucht aus der „humanitären Hölle“ zu ermöglichen.

von Tim Gabel

Hintergrund
Die Lage in Jarmuk blieb am Wochenende unübersichtlich. Aktivisten berichteten von neuen Scharmützeln. Eiman Abu Haschim, ein Funktionär der syrischen Exil-Regierung, sagte der Deutschen Presse-Agentur in Beirut, dass der IS fast alle Gebiete in Jarmuk an die islamistische Al-Nusra-Front abgetreten habe. Die Darstellung ließ sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen. Die Al-Nusra-Front ist ein Ableger des Terrornetzes Al-Kaida und steht in der Regel in scharfer Konkurrenz zum IS. Aktivisten hatten jedoch berichtet, dass das überraschende Eindringen des IS in Jarmuk durch aktive Mithilfe von örtlichen Al-Nusra-Gruppen ermöglicht worden war.
Die Aktivisten, zu denen Elias Perabo Kontakt hält, berichten, der Beschuss des IS durch die Regimetruppen von Präsident Assad mit Mörsergranaten und Fassbomben erfolgt nur dort, wo bewaffnete palästinensische Gruppierungen Widerstand leisten. Perabo erinnert das sehr an einen einige Monate alten Ausspruch des Präsidenten an die syrischen Rebellen: „Ihr könnt die Städte haben, aber nur in Trümmern“. (dpa/tiga)
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