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Hunderte Kinder ächzen unter Armut

Vermögen Hunderte Kinder ächzen unter Armut

Aufregung in Marburg: Jedes sechste Kind in der Stadt gilt als arm, lebt etwa von Sozialgeld. Politiker und Verbände preschen mit Forderungen nach einem neuen kommunalen Aktionsplan vor.

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Ein paar Cent für ein Plüschtier oder Spielzeug: Viele Familien kommen mit ihrem Geld geradeso durch den Monat. Fallen ungeplante Kosten an, können sie sich das nicht leisten. Die Leidtragenden sind vor allem Kinder.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Unter 5085 Hartz-IV-Empfängern zählten die Behörden zuletzt 1326 unter-15-Jährige, die sogenanntes Sozialgeld erhalten. Das sind rund 16 Prozent aller 8150 Jungen und Mädchen, die in der Stadt leben. 350 Kinder, die Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch (SGB II) beziehen sind unter sechs Jahren alt. Das geht aus der Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung hervor.

„Der Anteil der Benachteiligten ist zu hoch, und das ist kein gutes Zeichen“, sagt Ulrich Severin (SPD). Die meisten Abgehängten ballen sich seiner Erfahrung zufolge in den Stadtteilen Waldtal, Stadtwald und Richtsberg. Demgegenüber seien finanzielle Nöte und deren Folgeprobleme - mangelnde Bildung, soziale und kulturelle Isolation - in Vorzeigegegenden in Cappel oder Marbach rar.

Ein Aspekt für die Entwicklung ist nach Angaben des Magistrats die zunehmende Singleproblematik: In der Kernstadt (33 300 Haushalte) leben 870 Marburger als Alleinerziehende - von insgesamt 1900 Haushalten mit Kindern. In den Außenstadtteilen (17 400 Haushalte) leben 1416 Kinder, 471 Haushalte sind Alleinerziehende. „Die soziale Lage von Kindern wird maßgeblich von der familiären Situation bestimmt, in der sie groß werden“, heißt es in der Analyse.

„Die Armut der Kinder ist der Armut der Eltern geschuldet“, sagt Ingo Kosick vom bundesweiten Verein für soziales Leben. Er warnt davor, die finanzielle Not losgelöst von den Folgen zu sehen. Er spricht von Gefühlsarmut, die ein Resultat des Geldmangels sein kann. „Die Eltern sind dann resignierend und abgestumpft. Sie können ihren Kindern keine Zuneigung, kein Selbstbewusstsein und keine Perspektive geben“, sagt er. Besonders kritisch sei die Situation jener, die nicht nur arbeitslos und somit finanziell schwach seien, sondern die zudem unter Krankheit und mangelnder Bildung leiden, ergänzt Severin.

Forderung: Kommunales „Aktionsprogramm Armut“

Er fordert ein „Aktionsprogramm Armut“ für Marburg. Denn bisher gebe es kein kommunales Gesamtkonzept für die Bekämpfung der Kinderarmut, Die Neuerung solle speziell für die Härtefälle aufgelegt werden und systematisch dazu beitragen, dass Hilfe und Beratung auch und gerade jene Familien erreiche, die sich im Mangel eingerichtet zu haben scheinen. „Hartz IV und nebenbei Schwarzarbeit - das gibt’s oft, darf aber nicht so bleiben“, sagt Severin. Kinder, die solch ein Modell von den Eltern vorgelebt bekommen, leiden in ihrer Entwicklung. „Die Frage ist, wie wir die Perspektiven der Betroffenen in unserer Stadt verbessern können“, sagt Severin. Und er warnt davor, die vermeintlichen Problemstadtteile zu verdammen. Diese haben, so sagt er, „eine ungeheure Integrationskraft. Viele, die etwa im Waldtal leben, fühlen sich verwurzelt und verbunden.“ Das sei nicht überall so.

Gudrun Siebke-Richter vom Kinderschutzbund Marburg kennt die Schicksale hinter den Zahlen. „Zuletzt häuft es sich, dass Leute keine Konfirmationsanzüge oder Kommunionskleider kaufen können“, sagt sie. Bis zu 90 Familien wenden sich pro Jahr an den Verein. Und gerade Behinderte seien in Marburg oft Opfer. „Weil Spezialanschaffungen nötig sind und viel Geld kosten“, sagt sie. Gehe dann noch die Waschmaschine oder das Auto kaputt, sei das Chaos vorprogrammiert.

Doch einige Probleme hält sie für vermeidbar. Wenn etwa in Schulen bei Klassenfahrten 300, 400 Euro nur für Ausrüstung aufgebracht werden müssen, scheitern zahlreiche Eltern. Die Konsequenz: Ihr Kind kann nicht mitfahren - soziale Ausgrenzung.

Oder aber man kratzt jeden Cent zusammen, leiht sich Geld und rutscht im Extremfall in die Schuldenfalle. Überhaupt: An Feiern, Geburtstagen, Ostern und Weihnachten schlage die Armut voll durch. „Die, die geradeso hinkommen mit jedem Euro, können keine zusätzlichen Anschaffungen tätigen“, sagt sie. Oft scheitere es schon an einem zweiten Paar Schuhe.

Die Stadt verweist darauf, dass die Armutszahlen seit Jahren leicht sinken - und auf ein Bündel an Hilfsprogrammen, um Folgen für Betroffene abzufedern: Die Arbeitsgruppe Familie und Armut innerhalb des Bündnis für Familie. Zudem gebe es den Stadtpass, der einkommensschwachen Marburgern ermögliche, zu geringen Preisen an Kultur- und Sportangeboten teilzunehmen. Außerdem werden in Waldtal, Richtsberg und Stadtwald Familienzentren mit vernetzten Hilfsangeboten eingerichtet. Zudem engagieren sich Freiwillige für die Armen. Die Kulturloge etwa gibt jährlich Hunderte Restkarten für Theater, Konzerte und Lesungen kostenlos ab.

Auch Kinderschützerin Siebke-Richter gibt Betroffenen Tipps - die Spezialberatung im Kreisjobcenter etwa. Diese versuche, auch jenen das Bildungs- und Teilhabepaket zu gewähren, die minimal oberhalb der gesetzlichen Bewilligungs-grenze liegen.

von Björn Wisker

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