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Hoffnung ohne Glauben

Interview mit Ruth Klüger Hoffnung ohne Glauben

Die Österreicher waren die besseren Nazis, sagt Ruth Klüger, die als Wiener Jüdin ins Konzentrationslager kam. Im OP-Interview spricht die US-Germanistin und Schriftstellerin über Zufall, Frauen und Antisemitismus.

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Professorin Ruth Klüger stellte im Interview viele Gegenfragen und wollte die Meinungen zu Themen wie Feminismus oder Religion wissen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. OP: Einen Tag nach Ihrem 83. Geburtstag bekommen Sie den Brüder-Grimm-Preis der Philipps-Universität Marburg. Doppelter Anlass zum Feiern?

Ruth Klüger: Ich feiere keinen Geburtstag. Geburtstag feiern ist typisch deutsch. Meine Söhne haben mir per E-Mail gratuliert, das war‘s. Über den Brüder-Grimm-Preis freue ich mich aber sehr. Ich bewundere die Brüder Grimm, das waren anständige Menschen, die Zivilcourage hatten. Zudem ist der Brüder-Grimm-Preis der erste Preis, den ich für mein wissenschaftliches Arbeiten erhalte.

OP: Sie haben aber bereits zahlreiche Preise für Ihre literarischen Werke erhalten. Vor allem für Ihre 1992 erschienene Autobiografie „weiter leben“. Warum haben Sie Ihre Kindheitserinnerungen so spät aufgeschrieben?

Klüger: Ich dachte viele Jahre, dass schon alles gesagt sei. Aber es gab nur wenige Frauen, die ihre Geschichte aufgeschrieben hatten. Und dann dachte ich doch, noch etwas sagen zu müssen. Ich habe viele Deutsche getroffen, die zwar Vieles über die Zeit des Nationalsozialismus wussten, aber es gab noch Lücken, die ich glaubte, schließen zu können.

OP: Ein Beispiel?

Klüger: Über das Familienleben der verfolgten jüdischen Familien gab es falsche Vorstellungen. Man glaubte, sie hielten zusammen und waren sich einig. Aber es waren schwere Zeiten, die sich auch auf das Familienleben auswirkten.

OP: Sie leben seit Jahrzehnten in den USA. Haben Sie heute noch Kontakte in Ihre Geburtsstadt Wien?

Klüger: Kafka sagte über seine Heimatstadt Prag „Dieses Mütterchen hat Krallen“. So geht es mir auch. Österreich hat seine antisemitische Geschichte nicht so aufgearbeitet wie Deutschland. Mein Anker in Wien sind Feministinnen. Wegen ihnen bin ich gern dort.

OP: Sie sind engagierte Feministin. Wie weit ist der Feminismus vorangekommen?

Klüger: Es geht drei Schritte vorwärts, dann wieder einen zurück. Die Situation in vielen islamischen Ländern führe ich nicht auf: Sie kennen die Nachrichten. In den USA gibt es eine radikale christlich motivierte Bewegung, die gegen Schwangerschaftsverhütung und andere Verbesserungen zum Wohle der Gesundheit vorgeht. Aber es gibt auch Fortschritte: Die mächtigste Frau der Welt ist Angela Merkel. Wahrscheinlich würde ich sie wählen, wenn ich in Deutschland leben würde. Andererseits ist sie mir zu weit rechts. In den USA werden wir in zwei Jahren hoffentlich mit Hillary Clinton die erste Präsidentin haben. Ich möchte noch erleben, dass Clinton Präsidentin ist und Merkel weiterhin Bundeskanzlerin. Das wäre doch ein schönes Bild. Ich könnte auch über die feministische Deutung eines Märchens der Brüder-Grimm sprechen, aber das wollen Sie jetzt nicht hören.

OP: Sprechen wir über Antisemitismus. In den vergangenen Monaten fanden in Deutschland antisemitische Demonstrationen vor Synagogen statt, der Zentralrat der Juden in Deutschland war zutiefst besorgt. Wie erleben Sie dies als Jüdin in den USA?

Klüger: In den USA kommt das Jüdische nur zur Sprache, wo es hingehört. Ich bin nicht religiös. In Deutschland werde ich sofort als Jüdin wahrgenommen, stelle ich immer wieder fest. Kritik an Israel ist berechtigt, sie schwappt aber häufig über in antijüdische Gefühle. Da muss man aufpassen. Seit Israel existiert, gibt es antiisraelische Kritik, die leicht übergeht in antijüdische. Jetzt kommt dies wieder hoch. Die Fronten verhärten sich. Wenn ich das höre, bin ich traurig. Ich bin seit meiner Jugend Zionistin und dachte, es wird einen gerechten Staat geben. Aber es wird nie einen gerechten Staat geben.

OP: Was haben Sie noch vor?

Klüger: Ich habe mir eine Katze angeschafft und schreibe einen Roman, einen Spieler-Roman. Das ist zumindest der Arbeitstitel. Es geht um drei Frauen, die gern Glücksspiele spielen und nach Las Vegas fahren. Das eigentliche Thema aber ist der Zufall. Ich bin nicht gläubig, sondern denke, dass alles Zufall ist.

OP: Aber es ist kein Zufall, dass Ihre Roman-Figuren Frauen sind.

Klüger: Natürlich nicht. Aber mir fällt jetzt ein, ich sollte noch Männer einbauen. Bisher kommt darin nur einer vor.

OP: Wie kann man so voller Hoffnung sein, wie Sie es während des Holocaust waren, und dabei nicht an etwas glauben?

Klüger: Ja, Sie haben es erfasst. Das ist bei mir so, ich habe Hoffnung ohne Glauben. Ich bin nicht verantwortlich für mein Tun. Es war Zufall, dass ich überlebt habe. Viele der Kinder, die mit mir in den Konzentrationslagern waren, mussten dagegen sterben. Ich denke in letzter Zeit viel an diese Kinder.Wenn ich die Schönheit meiner Katze sehe, denke ich manchmal, dass dem Herrgott etwas Gutes eingefallen ist. Und dann erinnere ich mich daran, dass ich Atheistin bin.

OP: Haben Ihnen Ihre Gedichte, die Sie in den Lagern verfasst haben, Kraft gegeben?

Klüger: Ich merke mir Gedichte sehr leicht. Gedichte aufzusagen, sind eine Art, mit dem Leben fertig zu werden. Sie beflügeln mich. Es ist schwer zu sagen, ob es die Gedichte waren, die mir die Kraft gaben. Ich wollte absolut nicht umgebracht werden.

OP: Können Sie sich aufgrund Ihrer Erfahrung mit den Schicksalen vieler leidtragender Kinder eher identifizieren als andere?

Klüger: Gelegentlich kommt das vor. Bei den entführten Mädchen in Nigeria, dachte ich, das bin ich. Man sollte weltweit sehr viel mehr über entführte Mädchen berichten.

von Anna Ntemiris

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Germanistik
Der Brüder Grimm-Preis 2014 ist an Professor Ruth Klüger (Mitte) verliehen worden Die ersten Gratulanten waren am Freitagabend der Ministerialrat Reinhard Schinke (links), Professor Heinrich Deterling, Universitäts-Präsidentin Professor Katharina Krause und Professor Karl Braun.

Hohe Auszeichnung für eine bekannte Wissenschaftlerin: Professorin Ruth Klüger ist vor Dutzenden Gästen mit dem Brüder-Grimm-Preis 2014 ausgezeichnet worden.

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