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Hoffen auf ein besseres Leben

Flüchtlingscamp in Cappel Hoffen auf ein besseres Leben

Über 635 Menschen sind inzwischen im Cappeler Flüchtlingscamp untergebracht. Sie alle warten auf ein besseres Leben

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Begehung Flüchtlingscamp Cappel: Ein Junge fährt auf einem Spielzeugtraktor durch das Zelt, in dem Frauen und Kinder untergebracht sind.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es ist ein kalter Septembermorgen. Der Himmel über dem Flüchtlingscamp ist bewölkt. Mohammed reibt sich die Hände und schaut skeptisch zu den dunklen Regenwolken hinauf. Am Vorabend hat es so stark geregnet, dass es in den Zelten nass geworden ist. Über Nacht konnte nicht viel trocknen. Mohammed steht inmitten einer Männergruppe vor dem Zelt auf dem „Hauptplatz“, wie er von den Mitarbeiten genannt wird. Ein kleiner Junge auf einem Roller fährt über den Platz und wirft den Umstehenden ein aufheiterndes Lächeln zu.

„Ich bin dankbar, hier zu sein“, sagt Mohammed. Sein Gesicht wirkt erleichtert, doch seine Augen sind müde. In seinem Heimatland Syrien hat er studiert. „Dort gab es keine Zukunft für uns mehr“, sagt der 21-Jährige und nickt seiner Frau zu, die schüchtern lächelt. „Es wurde alles zerstört. Also sind wir geflohen.“ Viele tausende Kilometer über Land, mit dem Zug, dem Bus, zu Fuß, erzählt Mohammed und zeigt auf seine Schuhe. Seit über 40 Tagen sind sie nun in Deutschland und warten darauf, dass das bessere Leben, das sie sich hier erhofft haben, beginnt. „Ich will eine bessere Zukunft für mich und meine Familie und, irgendwann, ein Haus.“

 

Ein Haus. Das wünscht sich auch der Vater von zwei kleinen Mädchen, die sich an den Hosenbeinen des Syrers festhalten und mit großen, neugierigen Augen auf die umstehenden Männer schauen. „Wir leben mit ganz vielen Menschen zusammen in einem Zelt, Bett an Bett“, sagt er und stellt mit seinen Händen ein imaginäres Bett neben das andere. Seine Stimme überschlägt sich, Mohammed kommt nur schwer mit dem Übersetzen hinterher. „Die Zelte, die Duschen, die Toiletten - alles müssen wir teilen. Es ist dreckig, kalt, so kann doch keiner leben“, sagt er, nimmt seine Töchter an die Hände und verschwindet kopfschüttelnd.

Dass es im Cappeler Flüchtlingscamp an Lebensqualität mangelt, davor verschließt auch der Magistrat seine Augen nicht. „Das ist keine menschenwürdige Unterbringung“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). „Schauen Sie sich um: Es gibt keinen Raum für Individualität, keinen Raum für Intimsphäre. Die Menschen frieren jetzt schon nachts.“

Bevor der Winter anbricht, sollen auf dem Gelände die ersten Holzhäuser entstehen, in denen jede Familie ihre eigenen vier Wände und damit ein bisschen mehr Privatsphäre bekommt. Auch die ärztliche Versorgung soll verbessert werden. Ab heute sind, neben der mobilen Sanitätsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), täglich zwischen 9 und 17 Uhr zwei Ärzte abwechselnd oder zusammen im Camp, um sich um die Erstuntersuchung und die ambulante Versorgung der Flüchtlinge zu kümmern. Insgesamt kümmern sich laut Staatssekretär Wolfgang Dippel 200 Ärzte um die über 16000 Flüchtlinge in Hessen.

Über 635 Menschen sind inzwischen im Cappeler Flüchtlingscamp untergebracht. Die OP konnte sich erstmals in der Einrichtung umschauen.

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In Cappel sind aktuell 635 Flüchtlinge untergebracht. Einer von ihnen, ein junger Syrer, der seit zehn Tagen im Camp ist, berichtet über seine Reiseroute: „Ich bin vor 15 Tagen von der Türkei aus gestartet und kam zunächst über Mazedonien bis nach Belgrad.“ Dort habe er, weil ihm die Weiterreise über Ungarn zu gefährlich und unsicher erschien, mit sechs anderen Flüchtlingen ein Taxi nach München genommen: „Jeder von uns hat 600 Euro für die Fahrt bezahlt.“ Der serbische Fahrer, der also 4200 Euro im Voraus kassiert haben soll, ließ seine Passagiere jeweils vor den Grenzen aussteigen und sammelte sie nach dem Grenzübertritt wieder ein. Seine türkische Frau komme nach, hofft der Syrer. Wann? „Ich weiß es nicht. So schnell wie möglich.“

Ein anderer ist Fuad aus Eritrea. Eritreer bilden neben den Syrern die größte Gruppe unter den Flüchtlingen. Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Jahren aus dem nordostafrikanischen Land geflohen, in dem Regierungschef Isaias Afewerki ein repressives System aufgebaut hat, in dem Menschen willkürlich festgenommen, inhaftiert, gefoltert und getötet werden oder verschwinden. Fuad hat vor seiner Flucht studiert, am College. Etwas technisches. Er würde sein Studium in Deutschland gerne fortsetzen - aber er weiß noch nicht, wie es weitergeht.

Seit 15 Tagen ist er in Cappel, „es ist gut hier“, sagt er. Er fühlt sich den Umständen entsprechend wohl, obwohl es hier ziemlich kalt ist. Nur die Probleme bei den Mahlzeiten stören ihn. Das Gedränge sei zu groß, wenn man zu spät kommt, habe man Probleme, noch etwas zu essen zu bekommen. Gerne würde Fuad im Versorgungszelt zwischendurch mal einen Tee trinken, aber das bleibt zwischen den Mahlzeiten geschlossen. „Zum Reinigen“, wie der Leiter der Einrichtung, Wolfgang Cloos, berichtet.

Dippel: Waren auf diese Situation nicht vorbereitet

Fuad trägt blaue Arbeitshandschuhe. „Ich mache hier sauber“, sagt er, und nach dem Gespräch macht er weiter: Er sammelt Abfälle, die im Camp auf dem Boden liegen, freiwillig, wie er betont. Offenbar ist er nicht der einzige, denn das Camp wirkt reinlich. Wann er die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen kann, weiß Fuad noch nicht. Was danach kommen soll, weiß er dafür sehr genau: Deutsch lernen und dann weiter studieren. „Bitte hilf mir dabei“, sagt er, „please help me!“

Im Schnitt leben die Flüchtlinge mehrere Wochen im Zeltcamp. Dippel wirbt um Verständnis: „Wir alle waren auf diese Situation so nicht vorbereitet.“ Inzwischen werden die zeitlichen Verzögerungen bei der Erstuntersuchung und bei der Registrierung jedoch nach und nach kürzer, auch weil beides jetzt direkt in Cappel stattfindet. Fuad hat also Chancen, demnächst mit einem vorläufigen Aufenthaltsstatus versehen einer Kommune in Hessen zugeteilt zu werden.

Vielleicht wird das Marburg sein, wer weiß. Die Stadt hat jedenfalls, so sagt es Vaupel, noch ausreichend Möglichkeiten, zugewiesene Flüchtlinge unterzubringen - „menschenwürdig“, betont das Stadtoberhaupt, und meint damit Wohnungen. Knapp 1500 Menschen leben inzwischen in Marburg, hoffen auf Arbeit und Ausbildung - neben den derzeit 635 Flüchtlingen, die in dem Camp an der Umgehungsstraße untergebracht sind. „Die, die dauerhaft bei uns leben, geraten im Moment ein wenig in Vergessenheit“, befürchtet der OB, „aber wir möchten ihnen genauso zeigen, dass sie bei uns willkommen sind.“

von Till Conrad, Ruth Korte und Carsten Beckmann

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