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Hockendes Skelett und Mörderschädel

Tagung Hockendes Skelett und Mörderschädel

Tote Objekte vermittelten lebendige Geschichte(n): Das ist das Motto einer ­Tagung zum 200-jährigen Bestehen der Anatomischen Sammlung des Fachbereichs Medizin.

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Dr. Kornelia Grundmann steht in der Sonderausstellung „Tote Objekte - Lebendige Geschichten“ neben dem „Hockenden Skelett“.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Auge in Auge mit dem Totenschädel des Mörders: Die Marburger Medizinhistorikerin Dr. Kornelia Grundmann hat den Schädel des „Mörders Bütemeister“ aus einer Vitrine genommen und betrachtet ihn. Die Geschichte, die hinter diesem „toten Objekt“ steht, hat die Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin anhand der Akten im Staatsarchiv über den damaligen Gerichtsprozess rekonstruiert.

Bütemeister wurde im Jahr 1852 in Eschwege mit dem Schwert geköpft und öffentlich hingerichtet. Er hatte seinen unehelichen Sohn vergiftet. „Dass Mörder mit dem Schwert hingerichtet wurden, war damals Mitte des 19. Jahrhunderts üblich!“, berichtet Grundmann. Die letzte Hinrichtung in Hessen gab es im Jahr 1865. Mag uns heutzutage die Vollstreckung der Todesstrafe auch als barbarisch erscheinen, so war das Köpfen mit einem Schwert paradoxerweise für die Getöteten eine Verbesserung, weil der Tod weniger qualvoll war als beim Erhängen am Galgen. Wie aber kamen der Schädel und weitere Totenschädel und Totenmasken von hingerichteten Verbrechern überhaupt in die Anatomische Sammlung der Universität, die eigentlich eine wissenschaftliche Lehrsammlung der Anatomie war? Dafür weiß Grundmann eine Erklärung: „Um 1860 wurden alle Hingerichteten aus der weiteren Region in der Anatomie der Universität Marburg abgegeben.“

Damals gab es die von dem Anatom und Hirnforscher Franz Joseph Gall eingeführte wissenschaftliche Fachrichtung der Phrenologie, bei der die Forscher anhand der Physiognomie des Schädels Rückschlüsse auf die persönlichen Charakterzüge oder intellektuellen Fähigkeiten ziehen sollten. So könne eine verbrecherische Natur oder besonders ausgeprägte Aggressivität daraus abgelesen werden, war die dahinterstehende Hypothese der Forscher. Gall postulierte 35 „Charakterfelder“ des Gehirns, die unter anderem zuständig für negative Eigenschaften wie Verschlagenheit sein sollten. Doch schon zu seinen Lebzeiten wurde die wissenschaftliche Seriösität seiner Lehre angezweifelt.

Die Schädel in der Marburger Sammmlung wurden wahrscheinlich dem Zeitgeist entsprechend für phrenologische Studien verwendet, so Grundmann. Aber anhand des Beispiels des Bütemeister-Schädels kann man beobachten, dass der Schädel eines Mörders nicht immer besonders auffallen muss. „Der sieht eigentlich ganz friedlich aus“, meint die Medizinhistorikerin.

Große Ausstellung mit mehr als 3000 Exponaten

Sie hat durchaus Vergleichsmaßstäbe, denn in der Anatomischen Sammlung des Klinikums befinden sich weit mehr als 3000 Exponate, darunter auch Skelette und Einzelknochen sowie Wachs-und Gipsmodelle menschlicher Organe und Körperteile. Ein besonders interessantes Ausstellungs-Objekt ist ein „hockendes Skelett“, dessen Geschichte Professorin Irmtraut Sahmland erforscht hat: Es sind die sterblichen Überreste eines Mannes, der im 19. Jahrhundert jahrelang in der Psychiatrie in Haina Insasse war und dort in genau dieser starren, katatonischen Haltung verharrt hatte.

Sahmland und ihre Kollegin Grundmann berichten bei der Tagung über ihre Forschungen zu den Exponaten aus dem „Museum Anatomicum“. Professor Gerhard Aumüller referiert über die Bedeutung der von dem Marburger Anatomie-Professor Christian Heinrich Bünger (1782 bis 1842) begründeten Sammlung. Den öffentichen Abendvortrag hält Professor Heinrich Hildebrand (Münster) am Freitag ab 19 Uhr unter dem Titel „Das Herz im Glas - ein anatomisch kulturgeschichtlicher Blick auf die ‚materielle Seele‘ der belebten Körper“. Außerdem berichtet Professor Hans-Wilhelm Bohle (Marburg) über Elefantenskelette wie das Skelett des Zirkuselefanten Jack, das seit einigen Jahren in der Zoologischen Sammlung auf den Lahnbergen ausgestellt ist. Die Darstellungen fehlgebildeter Menschen in der Antike sind Thema des Vortrags von Professorin Rita Amedick. Die Geschichte eines Kaiserschnitts (Professorin Marita Metz-Becker), die Beschreibung einer embryologischen Wachstafel (Dr. Ulrike Enke), tibetische Medizin (Dr. Katja Triplett), Pfeilgifte aus Afrika (Dr. Barbara Rumpf-Lehmann), die Heilaltäre von Schamanen aus den Anden (Dr. Dagmar Schweitzer de Palacios) sowie die Kopfjagd in Ozeanien (Dries Bargheer) sind weitere Themen.

Die Tagung zum 200-jährigen Bestehen der Anatomischen Sammlung findet am Freitag, 23. November, ab 14 Uhr sowie am Samstag, 24. November, ab 9 Uhr im Großen Hörsaal im Gebäude des Chemikums, Bahnhofstraße 7 (rechter Eingang, erster Stock) statt. Zudem besteht am Samstag gegen 13 Uhr Gelegenheit zum Besuch der Anatomischen Sammlung, die sich im Dachgeschoss des Instituts für Zellbiologie, Robert-Koch-Straße, befindet.

von Manfred Hitzeroth

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