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Hochwürden joggt in Bamberg

OP-Serie: Einer von hier Hochwürden joggt in Bamberg

Zwischen Oberhessen und Oberfranken, zwischen "Eure Exzellenz" und "Onkel Ludwig": Der Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, ist "einer von hier".

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Erzbischof Dr. Ludwig Schick während der kirchlichen Segnung des neuen Alten- und Pflegeheims St. Elisabeth .

Quelle: Thorsten Richter

Bamberg. Es ist fünf Uhr früh in Bamberg, die Luft ist kalt und feucht. Ein Mittsechziger in Sportkleidung joggt durch die spärlich beleuchteten Straßen. „Grüß Gott“, ruft ihm ein anderer Frühaufsteher zu. „Grüß Gott“, antwortet der Läufer routiniert, bevor er in Richtung Erzbischöfliche Residenz abbiegt. Der grauhaarige Jogger wird viel gegrüßt in Bamberg, gerade im Umfeld der Residenz - er ist der Erzbischof.

Seine Exzellenz der Hochwürdigste Herr Erzbischof Dr. Ludwig Schick - so der offizielle Titel - hat nicht immer so urfränkisch gegrüßt wie heute. Denn aufgewachsen ist der Theologe im Landkreis Marburg-Biedenkopf, genauer gesagt im heutigen Amöneburger Ortsteil Mardorf. Dort wuchs er „so katholisch“ auf, „wie man in Mardorf halt ist“, erzählt er schmunzelnd. Dass er später einmal Priester, gar Erzbischof, werden würde, das hat sich für ihn in seiner Kindheit und Jugend noch nicht abgezeichnet. „Aber für einige ältere Leute im Dorf wohl schon. Die haben mir später gesagt, ich sei schon als Kind besonders fromm gewesen“, erinnert sich Schick.

Frömmigkeit allein reicht allerdings wohl kaum aus, um den Arbeitsalltag eines Erzbischofs zu bewältigen: Ludwig Schick absolviert Tag für Tag ein beeindruckendes Pensum an Terminen - Besprechungen und Beratungen, Treffen mit Gläubigen und mit Priestern, Öffentlichkeitsarbeit, Ansprachen, Pressegespräche wie dieses hier - und nicht zuletzt auch jeden Tag eine Messe, die er als Priester zelebriert. Kaum ein Tag, der später als viertel vor fünf beginnt, kaum ein Mittagessen, das nicht zum Arbeitsessen wird, kaum ein „Feierabend“ vor halb zehn am Abend.

Daneben ist es Ludwig Schick wichtig, auch körperlich in Bewegung zu bleiben: Das Joggen direkt nach dem Aufstehen gehört fest in den Tagesplan, noch vor Kaffee und Gebet. 17 Mal in Folge hat er in den vergangenen Jahren das goldene Sportabzeichen abgelegt. Respekt für diese Leistung lässt er nicht gelten: „Ach, ich hab nicht so viel Zeit. Das mach ich in einer Dreiviertelstunde.“

Als Schüler an der Stiftsschule in Amöneburg hatte Ludwig Schick lange darüber nachgedacht, Arzt oder Lehrer zu werden. „Ich wollte etwas machen, womit ich anderen Menschen helfen kann. Und überhaupt Kontakt mit Menschen haben“, sagt Ludwig Schick. Pfarrer zu werden, sei lange Zeit nur eine entferntere Option gewesen. Zunächst bereitete sich der Schüler konsequent auf ein Medizinstudium vor, absolvierte Krankenhauspraktika, arbeitete im Operationssaal und in der Krankenpflege. „Die Bescheinigungen habe ich immer noch. Ist doch schön, sowas zu haben“, erzählt Schick augenzwinkernd.

Vatikanisches Konzil war Großereignis in der Schule

Erst als sich nach Phasen des schulischen „Durchhängens“ klar abzeichnete, dass Schick das Abitur wirklich machen würde, seien auch die Berufsplanungen konkreter geworden, und in ihm sei der Plan gereift, Pfarrer zu werden. Die Motivation, anderen Menschen zu helfen, treibt Ludwig Schick nach wie vor an. So gründete er 2009 die Stiftung „Brot für alle Menschen“. Mit dieser Stiftung, die er sich sozusagen selbst zum 60. Geburtstag schenkte, wolle er „helfen, dass wir eine gerechtere und friedlichere Welt haben“, sagt der Erzbischof.

Mit der Unterstützung kleiner landwirtschaftlicher Projekte vor Ort solle der Hunger bekämpft werden, der „eine bedrückende Quelle der Ungerechtigkeit“ sei.

An seine Schulzeit an der Stiftsschule St. Johann denkt der 63-Jährige gern zurück. „Das war schon eine strenge Schule, und es gab auch mal eine Ohrfeige“, erinnert er sich. Von heftigeren Gewaltausbrüchen einzelner Lehrer, von denen ehemalige Schüler in den vergangenen Jahren berichteten, habe er gehört, sie aber nicht erlebt.

Das Zweite Vatikanische Konzil 1962, Schick war 13 Jahre alt, sei ein großes Ereignis gewesen an der katholischen Privatschule: „Da durften wir in der Schule zwei Stunden Fernsehen schauen“, erinnert er sich an die Übertragung aus Rom. Auch heute noch hat Schick gute Kontakte zu ehemaligen Mitschülern aus Amöneburg. Und zu seiner Familie, die nach wie vor in Mardorf lebt: „Ich bin inzwischen sieben Mal Großonkel“, erzählt er stolz. Die Kinder hätten vor seinem kirchlichen Amt wenig Respekt: „Für die bin ich der Onkel Ludwig.“

von Sabine Nagel-Horn

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