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"Hochbegabung ist keine Krankheit"

Intelligenz "Hochbegabung ist keine Krankheit"

Mit dem eigenen IQ-Wert zu prahlen ist verpönt. Fast als handele es sich um etwas Beschämendes. Nicht um Potenzial. Zwei Vereine wollen das ändern und intelligente Menschen vernetzen.

Marburg. „Mathe ist ein Arschloch“. Dieser Slogan hat es mittlerweile schon auf Postkarten geschafft. Es ist nicht mehr länger peinlich, seine Schwäche zuzugeben. Manchmal gilt es gar als schick, mit kleinen Wissenslücken zu kokettieren. „Ich bin eben ein bisschen dumm“ ist eben leichter gesagt als „Mein IQ sagt, dass ich extrem schlau bin.“ Nein. Mit Intelligenz prahlt man nicht. Das gehört sich nicht. Intelligent ist man. Ende der Geschichte. Darüber sprechen wollen die wenigsten. Der Verein Mensa und die „Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) wollen das ändern. Sie kümmern sich um die Vernetzung und Interessensvertretung von Hochbegabten. Menschen wie Stefan Balzter. Er selbst behauptet von sich, manchmal ein Gedächtnis wie ein Sieb zu haben. Trotzdem gilt er als hochintelligent. Über seine Abiturnote schweigt er. Besonders gut? Besonders schlecht? Besonders durchschnittlich? Er will sie nicht nennen. Einfach, weil er es leid ist, an Noten und Intelligenzpunkten gemessen zu werden. „Wir Hochintelligenten sind weder Überflieger noch gestörte Sonderlinge. Ich kenne keinen Menseraner, der in allen Bereichen glänzt“, so Balzter, regionaler Sprecher für Mensa. Er kämpft dafür, als Mensch mit Stärken und Schwächen wahrgenommen zu werden - und nicht als IQ-Wunder. „So ein Test misst ja auch nur gewisse Fähigkeiten. Nicht aber Begabungen“, gibt Baltzer zu bedenken.

Kinder in ihremAnderssein ernst nehmen

Sabine Reuter, ebenfalls hochintelligent, ebenfalls für den Verein Mensa aktiv, ist weniger zurückhaltend, wenn es um die Abiturnote geht. 2,7 sagt sie. Nicht besonders gut. Nicht besonders schlecht. Besonders durchschnittlich eben. Und doch gilt sie als hochintelligent. Herausgefunden hat sie das erst später. Irgendwann im Studium. Und irgendwie hat sie das Ergebnis nicht überrascht. Hat sie doch immer schon gemerkt, dass sie ein bisschen anders war, als ihre Mitschüler. Schneller gelangweilt, schneller denkend, schneller fertig mit den Aufgaben. „Intelligent aber faul“ - urteilten ihre Lehrer. „Vor 1970 war nie die Rede von hochbegabten Menschen. Ich glaube, wenn ich es früher gewusst hätte, dann wäre ich selbstbewusster geworden“, mutmaßt Reuter, die für Mensa die IQ-Tests durchführt. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien mit hochintelligenten Kindern zu beraten. Ihnen aufzuzeigen, dass Hochintelligenz keine Krankheit ist - wohl aber eine Aufgabe, der sich die ganze Familie stellen muss. „Bei Mensa geht es um den Austausch. Dass die Hochintelligenten mal unter ihresgleichen reden können, ohne gleich als Streber oder Nerd zu gelten.“ Reuter will den Eltern Wege aufzeigen, dass es kein Gegensatz sein muss, ein Kind auch einfach mal Kind sein zu lassen und es gleichzeitig zu fördern. Denn steht das Testergebnis erst einmal im Raum, so die Beobachtung der 61-Jährigen, sei die Panik bei vielen Eltern groß. „Es wird totgefördert.“

Eine Beobachtung, die auch Jutta Nixdorf teilt. Die Psychologin ist Ansprechpartnerin für die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Sie berät Eltern und Kinder, hält den Kontakt zu Lehrern und Erziehern. „Ich nehme die Kinder ernst in ihrem Anderssein“, erklärt Nixdorf. Gemeinsam mit Eltern und Kindern stellt sie sich der Frage: Hochbegabung, wie geht es weiter?

Testergebnis kannneue Wege aufzeigen

„Wir wollen aus den Kindern keine kleinen Erwachsenen machen. Es gilt vielmehr, die Neugierde der Kinder zu fördern“, erklärt sie. Ihr Onkel, Heinz Nixdorf, ein bekannter Computer-Pionier, war selbst hochintelligent. Schon als Kind erkannte Jutta Nixdorf, welch faszinierender, visionärer Mensch ihr Onkel war. „Schon damals war es faszinierend, wie ein solcher Mensch lebt und mit welchen Ideen er durchs Leben geht“, erklärt Jutta Nixdorf. „Der wollte nicht, dass man funktioniert. Er wollte, dass man mutig ist.“

Mutig sein, die eigene Intelligenz nutzen, sich weiterentwickeln - das alles versucht Nixdorf in ihren Beratungsgesprächen zu vermitteln. Zu ihr kommen oft Eltern, deren Kinder Schwierigkeiten in der Schule haben. Die anecken. Irgendwie anders sind. Für viele Eltern sei das Testergebnis „Hochbegabung“ ein Schock. Was tun mit einem Kind, das eine enorme Auffassungsgabe hat? Das schneller denkt und kombiniert, als Gleichaltrige? Vielleicht als die Eltern selbst? Stefan Balzter hat einen Tipp: „Erst einmal entspannen und nicht alles anders machen als zuvor. Das Kind weiter Kind sein lassen.“

Und dann? Nach dem entspannen? Dann gilt es, gemeinsam mit Fachleuten einen Weg zu finden, bei dem das Wohl des Kindes im Vordergrund steht. Um irgendwann den Satz zulassen zu können: „Ich bin intelligent - und das ist gut so“

von Marie Lisa Schulz

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