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Hobby-Historiker tourt durchs Netz

Neue Geschichten Hobby-Historiker tourt durchs Netz

Die Stadtgeschichte wird derzeit auf Facebook im Internet von Dutzenden Marburgern neu geschrieben. Ihr Ziel: Fotos und Stories aus dem Leben der einfachen Leute aus zwei Jahrhunderten sammeln.

Marburg. Der Tod war der Anfang. Als Stefan Pech in einer Ausstellung das Skelett eines Hingerichteten sah, flammte das Interesse für Stadtgeschichte in ihm auf. Marburg - das war für den 36-Jährigen fortan ein Quell der Inspiration, des historischen Interesses. Pech ist der Anführer einer Truppe von Hobby-Historikern, die sich seit kurzem im sozialen Netzwerk Facebook tummeln und Marburgs Geschichte neu erzählen. Fernab von dicken Wälzern mit mittelalterlichen Zeichnungen, den Lebenswegen von Landgraf Philipp, Sophie von Brabant oder der heiligen Elisabeth sammeln sie Geschichten, Fotos und Bilder vom Marburg der einfachen Leute.

Das Leben, wie es vor 100, 150 Jahren in der Stadt tobte. Vom vergessenen Marburger Zoo, dem Flugfeld nahe des Afföller, dem ärmlichen Leben in Weidenhausen. „Ich habe in den Monaten über die Stadt mehr gelernt, als durch alle Geschichtsbücher oder Führungen in der Schulzeit“, sagt er.

Derzeit bastelt er an einer Homepage, auf welcher Autoren ihre Geschichten, die der Verwandten und unzählige Bilder veröffentlichen. Das Ziel: ein Buch, ein Sammelband von Erinnerungen. Fundstücke aus den Zeiten von Opa, Oma und den Urgroßeltern - die Jagd nach Eindrücken aus dem 19. und 20. Jahrhundert treibt die Hobby-Historiker an. Sie kramen auf Dachböden, in modrigen Kisten, fischen vergilbte Fotos aus den Schubladen. Die alte Frau in Tracht auf dem Marktplatz mit ihrem Gemüsekorb, die Familie vor ihrem Fachwerkhaus in der Reitgasse.

„Hunderte Autoren sorgen für Hunderte Geschichten“, sagt er. Es sind Einblicke in das andere Marburg, jenes, dass von Wissenschaftlern nicht aufgearbeitet wurde, kaum aufgearbeitet werden kann. „Das alles ist echt, das wirkliche Stadtleben von damals. Davon gibt es noch keine Überlieferungen“, sagt er.

Der spärlich bebaute Rudolphsplatz, die weiten Lahnwiesen, die karg bebauten Hänge: „Ich würde alles dafür geben, einmal 1910 durch die Stadt zu laufen“, sagt er. Die teilweise mehr als 100 Jahre alten Motive seien für ihn ein Tor in die Vergangenheit, eine Phantasie wie das Leben damals war. „Für mich geht jedesmal ein Türchen auf.“ Eine Gänsehaut bekommt er stets beim Blick auf ein bestimmtes, jahrzehntealtes Foto. „Ein Motiv der nicht brennenden jüdischen Synagoge in der Universitätsstraße. In den Büchern sieht man ja sonst nur, wie sie in Flammen steht.“

Die Unterstützung für das Projekt ist groß. Der Künstler Clemens Mitscher etwa plant Pech zufolge einen Verkauf von Bildern um den Druck eines Buchs, so es denn zustande kommt, finanziell zu unterstützen. Und die Facebook-Fahnder der 2400 Mitglieder zählenden Gruppe „Du weißt du kennst Marburg, wenn du früher ...“ sind über den Erdball verstreut. Exil-Marburger helfen von Kassel aus, in Berlin, Österreich, selbst eine Studentin in den USA teilt alle Erinnerungen aus der jüngeren und älteren Vergangenheit.

Mit einem Klick wurde Pech vor Monaten Teil der Gruppe. Einer von Hunderten, die nicht mehr wollten „als alte Fotos anzuschauen“. Doch es kribbelte ihm in den Fingern, seine Erinnerungen an so manche Stätte zu teilen. Da gab es diesen Tag, als Leute über das alte Gaswerk plauderten und er nicht mehr an sich halten konnte. „Mit der Feuerwehr hatten wir da vor zig Jahren eine Übung und löschten mit viel Wasser. Dann stand plötzlich ein völlig eingeseifter Mann in einem Fenster, dem haben wir alles Duschwasser weggenommen“. Es sind Anekdoten wie diese, die er mit derzeit 74 Mitstreitern sammelt.

Familienvater Pech ist es wichtig, dass seine zwei Kinder ebenfalls lernen und wissen, wo sie herkommen. „Marburg trieft vor Geschichte. Es lohnt sich, sie zu kennen“, sagt er.

von Björn Wisker

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