Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
Hobby-Historiker hütet Stadtschätze

Erinnerungen Hobby-Historiker hütet Stadtschätze

Erinnerungen konservieren, den alten Alltag einfangen, Veränderungen dokumentieren: Hobby-Historiker Martin Klehm plant ein Stadtmuseum. Er sammelt die Geschichten von Familien, die schon Jahrzehnte in Marburg wohnen.

Voriger Artikel
Putzfische säubern Scheiben und Blätter
Nächster Artikel
12. 890 Fahrzeuge in 24 Stunden

Wilhelm Stock (rechts) hat Hobby-Historiker Martin Klehm unter anderem alte Stadtansichten, Landkarten und Urkunden geschenkt. Mit solchen privaten Sammelstücken hofft Klehm, in der Zukunft ein Stadtmuseum einrichten zu können.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Er hat ihn schätzen gelernt, den alten Kram. All die Dinge, den Nippes, der sich in Jahrzehnten angesammelt hat. Bilder, Dokumente, Stempel. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal für das ganze Zeug von vor 100 Jahren interessiere - schon gar nicht, dass andere, Fremde das tun“, sagt Wilhelm Stock. Der 69-Jährige hat einige persönliche Erbstücke, die zur Geschichte des Alltags in der Universitätsstadt gehören, dem Hobby-Historiker Martin Klehm geschenkt.

„Marburgs Geschichte bietet so viel mehr, nicht ewig nur heilige Elisabeth, Schloss, Universität“, sagt Klehm. Er wolle das Leben normaler Leute sammeln, Eindrücke zeigen. „Das ist ein Traum von mir, seit Jahren.“

Während die Kommunalpolitik bei der Einrichtung eines offiziellen Stadtmuseums seit Jahren nicht weiterkommt, ein mögliches Eröffnungsdatum an welchem Standort auch immer sich nicht absehen lässt, sammelt Klehm längst Exponate. „Heute verbinden viele noch Erinnerungen an Schlachthof oder Luisabad, kommen mit der Vergangenheit in Berührung, wenn sie alte Bilder sehen. Relikte aus den vergangenen Jahrzehnten werden für Menschen in der Zukunft so sein, wie für uns heute Ritterrüstungen im Schloss“, sagt Klehm. „Jedesmal bin ich entsetzt, wenn ich höre, dass jemand - etwa nach dem Tod der Oma oder so - deren ganzen Hausrat weggeschmissen hat. Was könnten sich in all den Kisten für Schätze finden lassen! Wenn das alles erstmal auf dem Müll gelandet ist, kommt man nie wieder an Einzelstücke, an Erinnerungen, an Persönliches dieser Menschen heran.“

Dabei bemerke er jedes Mal aufs Neue, während der regelmäßigen historischen Stadtrundfahrten mit dem Schlossbus, wie viele Erinnerungen alteingesessene Marburger an verschiedene Orte haben - und bereit sind, diese zu teilen. „Schwimmen lernen im Luisabad, arbeiten im Schlachthof, der Schulweg mit der Straßenbahn - jeder Mensch hat individuelle Eindrücke.“ Und wenn diese anderen sichtbar gemacht werden könnten, über Bilder, gar Tagebücher, halte das „Geschichte für immer lebendig“.

„Auf den Müll? Eher spring‘ ich gefesselt in die Lahn!“

Eines dieser Einzelstücke: Der Meisterbrief von Wilhelm Stocks Großvater aus dem Jahr 1909. „Der hing in den alten Firmenräumen. Es gehörte zu seinen Eigenarten, die Meisterprüfung an seinem Geburtstag zu machen“, sagt der Nachfahre. Solche Informationen reichen Klehm schon aus. „So etwas interessiert die Leute.“

„Als ich vor einigen Monaten 69 wurde, die ominöse Zahl 7 vorne also immer näher rückt, kam ich ins Grübeln: Wenn ich die Augen für immer zumache, landen alle Ansichten, Dias, Dokumente im Container. Da mache ich mir keine Illusionen. Aber das wollte ich nicht“, sagt Wilhelm Stock. Er deutet auf ein Poster, vermutlich eine alte Werbung der Sparkasse. Sie zeigt eine Stadtkarte aus dem Jahr 1750. „Da war Marburg ein winziges Nest im Vergleich zu heute.“

Stock, gelernter Ingenieur und bekannt als Chef der bis 1983 existenten Firma Stock in der Biegenstraße, schwelgt gerne in Erinnerungen. Der marode Parkplatz hinter dem Capitol-Kino etwa, den er auf einer der nun verschenkten Stadtansichten sieht. „Das Ding war echt eine Zumutung. Da stieg man aus dem Auto und hatte sofort nasse Füße.“ Das Biegeneck habe er „nie für eine schöne Gegend gehalten“.

Klehm ist angesichts der Sammlungserweiterung glücklich: „Ich würde eher gefesselt in die Lahn springen, als so wertvolle Stücke wegzuwerfen“, sagt er. Problem: So lange die Stadt kein offizielles Museum einrichtet und eventuell Räume für eine Ausstellung zur Verfügung stellt, gibt es noch keinen Platz für eine mögliche Ausstellung.

Ein ähnliches Anliegen wie Klehm haben der Gründer und Anhänger der Facebookgruppe „Du weißt du kennst Marburg ...“ Sie sammeln im Internet Bilder und Geschichten aus den vergangenen Jahrzehnten. Banales und Rares, Alltags-Anekdoten und bekannte Ereignisse.

  • Kontakt zu Martin Klehm via E-Mail IG-NGM@web.de oder Telefon 0174 / 7364680.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr