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Hobby-Forscher forcieren Aids-Projekt

Supercomputer Hobby-Forscher forcieren Aids-Projekt

Jeder, der an seinem PC Emails schreibt, Filme schaut oder Musik hört, kann zum Aids-Forscher werden: Mini-Programme rechnen still Formeln für Medikamente durch. An der Spitze der Bewegung: der Verein Rechenkraft.

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Volle Leistung für die Forschung: Der Marburger Stefan Becker schaltet seinen Privat-PC komplexen wissenschaftlichen Projekten zu, die auf leistungsstarke Computer angewiesen sind. Kleines Bild: Supercomputer IBM Blue Gene. Fotos: Björn Wisker / Archiv

Marburg. Christian Beer, Michael Weber und Frank Strohdiek sind Pharmazeuten, Astrophysiker, Kryptografen und Raumfahrer. Alles gleichzeitig. Ihre Computer, auf denen sie sonst Briefe schreiben oder Videospiele zocken, haben die Marburger in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Sobald sie ihre Maschinen anschalten, starten diese - unbemerkt vom Nutzer - komplexe Rechenaufgaben. Mal gilt es, bei der Suche nach Medikamenten gegen Aids zu helfen, mal um die Identifizierung von Gamma-Strahlen oder die Verdichtung eines Netzwerks von Erdbeben-Sensoren. Distributed Computing nennen Experten das System, wonach Hunderte Privat-PCs gemeinsam an etwas arbeiten.

„Es ist für viele Wissenschaftler kaum möglich, öffentliche Forschungsgelder zu bekommen“, sagt Michael Weber, Vorsitzender von Rechenkraft. Doch Grundlagenforscher brauchen oft Supercomputer, müssen diese von Rechenzentren mieten, um mitunter tage- und wochenlang Formeln durchrechnen zu lassen - das ist die Basis dafür, überhaupt in der Praxis, etwa in klinischen Studien Experimente starten zu können. „Wenn jemand das Geld für die Nutzung eines Supercomputers nicht besitzt, hat auch die beste neue Idee keine Chance“, sagt Weber. Deshalb forciert er mit seiner Rechenkraft das Modell Distributed Computing.

100.000 Rechner für die HIV-Forschung 

Seit 2005 sammeln die IT-Experten - 87 Mitglieder zählt der Verein - in ihrem Internet-Forum regionale und internationale Forschungsprojekte, bei denen ein privates PC-Netzwerk die Funktion eines Supercomputers übernehmen sollen.

Für Projekte wie „FightAids@Home“ sind 100 000 Rechner für die HIV-Forschung im Einsatz. Mit vereinten Kräften vollbringen sie Kalkulationsleistungen, die selbst teure Mega-Maschinen nur mit Mühe stemmen. Die Forscher hinter „FightAids@Home“ garantieren - um Missbrauch einzudämmen - dass nur gemeinnützige, firmenunabhängige Forschungsarbeiten auf den beteiligten PCs ablaufen.

Erstmals haben Weber und Co. in Marburg ein eigenes Biologie-Projekt gestartet: RNA-World. 37 000 Maschinen schalteten sich zeitweise zu, um im menschlichen Körper neue RNA-Familien zu suchen. „Diese Masse ersetzt einen Supercomputer. Wir haben nach kurzer Zeit unzählige Ergebnisse bekommen“, sagt Weber. Ohne die Hilfe der freiwilligen Forschungshelfer vergingen Monate und Jahre ohne Fortschritte.

2001 startete Weber das als Hobby. Seine heimische PC-Armada klinkt sich seit Jahren in verschiedene Projekte ein. Bevor etwa von 2005 bis 2008 am Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz der Teilchenbeschleuniger gebaut wurde, rechneten Tausende PCs die Größe, die Stärke der Magnetenspulen und andere Details aus - die Computer des Marburgers haben den sogenannten Large Hadron Collider mitentworfen. „Das zu wissen, fühlt sich toll an“, sagt er. Andere verfolgen das Hobby, in Teams um die Wette zu rechnen. Für Internet-Ligen sammeln sie sogenannte Credits, ringen um Spitzenplätze in der Unterstützung nicht-kommerzieller oder kommerzieller Forschung.

Problem: Stromverbrauch

Auch der Marburger Mediendesigner Stefan Becker installiert Helfer-Software, lässt seinen PC für Klimaforscher laufen. Wieso? „Die Kiste ist sowieso an, da kann man nebenbei noch was Gutes tun“, sagt der 34-Jährige. Je nach Dauer der Mitarbeit lädt der Heim-PC kleine oder große Datenpakete mit Arbeitsaufgaben von einem Server, übermittelt Ergebnisse, speichert Zwischenstände ab.

Was ein Segen für die Forscher ist, wird für die Helfer zum Problem: die Stromkosten. Je nachdem, ob ein Freiwilliger seinen PC wochenlang mitarbeiten oder nur zehn Minuten am Tag eingeschaltet lässt: Der Rechner saugt mehr Strom. Der Preis für den Preis: In vielen Publikationen werden die engagiertesten Helfer namentlich erwähnt, sind somit ein Teil des Forschungs-Teams.

von Björn Wisker

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