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Historiker rettet Polens Denkmäler

Seltene Auszeichnung Historiker rettet Polens Denkmäler

Seit 32 Jahren tourt der Marburger Forscher Rudolf Lenz durch Schlesien in Osteuropa und restauriert Häuser, Portale und Statuen von besonderem kunsthistorischen Wert. Millionenwerte hat er über die Jahre gerettet.

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Rudolf Lenz (73) setzt sich dafür ein, die wertvollsten polnischen Kulturdenkmäler – wie etwa die Nepomukstatue oder das
Rybisch-Haus in Breslau (links) – zu restaurieren (Assistenin/DDolmentscherinAnna Jezierska). Privatfotos

Marburg. Erzählungen über Schlesien lösen in dem 73-jährigen Wissenschaftler Heimatgefühle aus. Dabei hat seine Familiengeschichte - im Gegensatz zu vielen Kriegsflücht-lingen nach 1945 - mit Schlesien nichts zutun. In Gießen wurde er geboren, seine Verwandschaft ist hessisch. Sein Job war es, der ihn 1981 erstmals nach Breslau führte - es war der Startschuss für eine Liebe die bis heute anhält.

„Eigentlich kam ich an die dortige Universität, um über deutschsprachige Begräbnispredigten zu forschen“, erinnert er sich. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt und das Umland wurde er mit dem Verfall der Region, vor allem der Denkmäler konfrontiert. „Das war betrüblich zu sehen“, sagt er. Viele bedeutende Kunstwerke seien ohnehin im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, der wertvolle Rest - das spürte er - musste gerettet werden. Das machte er sich zur Lebensaufgabe. „Das erste Projekt war die Restauration des Rybisch-Hauses“, sagt er. Eines Bauwerks mit einer bemerkenswerten Renaissance-fassade. Einst ein Schandfleck sorgte der Marburger dafür, dass es mittlerweile einer der Tourismus-Höhepunkte bei Stadtführungen durch Breslau ist. 34 Projekte hat er bis heute angekurbelt. „Was wir in Schlesien, einer Kulturlandschaft erste Güte, retten ist nichts Lapidares, sondern hochwertigste Kunst“, sagt er. Statuen des Nationalheiligen Nepomuk etwa. Sieben von 180 in der Region - „die qualitativ allerbesten“ - sind auf Lenz‘ Drängen hergerichtet worden. Das Geld erhält er von Sponsoren, das meiste stammt aus Deutschland. Der Bund hat beim Beauftragten für Kultur und Medien einen Fonds eingerichtet um Kunst in ehemals deutschen Siedlungsgebieten zu retten - und aus diesem Finanztopf schöpfen Lenz und seine Mitstreiter. Eine Million Euro sind bislang investiert worden. Die Werte, die Geschichte, die damit gerettet worden ist, sind Lenz zufolge mit Geld kaum zu bemessen.

In Polen sind ihm die Einheimischen dankbar für sein Engagement. So dankbar, dass ihm nun vom Staatspräsidenten der nationale Verdienstorden verliehen worden ist. Der zuständige Woiwode - eine Art Ministerpräsident - Aleksander Marek Skorupa würdigte im Dorf Nimkau Lenz‘ „herausragende Leistungen für die deutsch-polnischen Beziehungen und den Erhalt des kulturellen Erbes.“ In Breslau und Umgebung stoßen Besucher auf eine Reihe einst gefährdeter Kulturgüter, die ohne Lenz Einsatz vermutlich verfallen wären. Stattdessen haben die Denkmäler „ihren Glanz wiedergewonnen“, ergänzte der Breslauer Professor Adam Jezierski. Etwa das Dach der Universitätsbibliothek, das Portal der Sankt Vinzenz Kirche oder das Prittwitz-Mausoleum sowie Statuen von Joseph und Maria - in monatelanger Arbeit sind diese Bau- und Kunstwerke aufgepäppelt worden. Der deutsche Generalkonsul Gottfried Zeitz und der Rektor der Breslauer Uni gratulierten dem Marburger daher ebenfalls - und wiesen darauf hin, dass Ausländer diese Auszeichnung nur äußerst selten erhalten würden.

Der Fundus an Anekdoten des 73-Jährigen ist reich: Sieben Mal sei ihm in den Anfangsjahren seiner Tripps - Ende der 80er, Anfang der 90er - das Auto aufgebrochen worden. Das bekamen auch die polnischen Kollegen mit. Und da sich Lenz speziell in der Breslauer Universitätsbibliothek mit der Restauration von 10 000 Buchbänden verdient gemacht hatte, gewährte man ihm ein lebenslanges Parkrecht im Innenhof, wo das Auto diebstahlsicher steht. Es sind Geschichten wie diese, die Lenz sagen lassen, dass „Schlesien meine zweite Heimat geworden ist.“

Enttäuscht ist er nur von der zunehmenden Bürokratie im Land. Es sei über die Jahre immer schwieriger geworden die Restaurationen voranzutreiben. „Das ist lähmend. Kultur hat keine Lobby, in Polen noch weniger als in Deutschland“, sagt er. Wird er aber trotz seiner 73 Jahre weiter Schlesiens Kunstretter bleiben? „Ich jammere zwar, aber wenn ich dann etwas Gefährdetes sehe, wir es retten können, dann stehe ich wie ein kleiner Junge vor dem Weihnachtsbaum und freue mich ohne Ende“, sagt er. Ausschließen möchte er also nicht, noch das eine oder andere Denkmal restaurieren zu lassen - auch wenn die sechsstündigen Autofahrten nach Breslau immer mehr Kraft rauben. Eine passende Gelegenheit zur nächsten Sanierungs-Offensive hat der Marburger, der in der polnischen Stadt einst habilitierte, vielleicht sehr bald: Die Breslauer Uni bot ihm kürzlich eine Gastprofessur an.

von Björn Wisker

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