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Hillys Traum vom leichteren Leben

abgespeckt Hillys Traum vom leichteren Leben

Doris Hilberger aus Marburg war jahrelang stark übergewichtig. Dank einer Magenverkleinerung hat sie im vergangenen Jahr fast 50 Kilo abgenommen.

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Doris Hilberger passt mittlerweile zwei Mal in ihre Kleidung. 50 Kilo hat sie abgenommen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein paar Kilos zu viel – das kennen die meisten von uns. Mit ein bisschen Sport und der richtigen Ernährung kriegt man das meistens wieder in den Griff. Das trifft jedoch nicht auf alle zu. Prominentestes Beispiel: Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD). Er hat sich Medienberichten zufolge kurz vor Weihnachten einer Magenoperation unterzogen, weil er seit Jahren an einer „schwer einzustellenden Diabetes-Erkrankung“ leidet. Mit dem Eingriff soll nun der Insulin-Haushalt des Politikers stabilisiert werden.

Auch Doris Hilberger, die alle­ nur „Hilly“ nennen, war bis zu ihrer OP stark zuckerkrank. 153 Kilo wog sie im Januar 2016. „Ich kann mich an keinen Moment erinnern, in dem ich nicht mit meinem Gewicht gekämpft hätte“, sagt die 53-Jährige, die sich selbst als „Marburger Dippchen“ bezeichnet. Mit neun Jahren muss sie zum ersten Mal zur Kur. Damals wiegt sie bereits 45 Kilogramm. Zu ihrer Konfirmation trägt sie Kleidergröße 44 – da ist sie gerade mal 14 Jahre alt. „Natürlich wurde ich in der Schule gehänselt“, erinnert sie sich. Zurückgezogen hat sich das schon damals sehr selbstbewusste Mädchen deshalb aber nie. „Letztendlich hat es mich stärker gemacht.“  

„Ich hab jede Menge Diäten ausprobiert“

Doris bemüht sich, abzunehmen. Doch: „Je schwerer man wird, desto schwerer ist es auch, Sport zu machen“, erklärt sie. Ständig habe sie Angst gehabt, hinzufallen und sich etwas zu brechen. Ausgleich findet sie in der Musik. Insgesamt neun Instrumente lernt sie – darunter Flöte, Gitarre, Klarinette, Trompete und Klavier. Außerdem ist sie Chorleiterin im Gesangverein Germania 1873 Beltershausen.

Nach ihrem Schulabschluss lässt sie sich zur Diplom-Verwaltungsmitarbeiterin bei der Stadt Marburg ausbilden. Verbeamtet wird sie erst, als sie beweisen kann, dass sie sich ­bemüht, abzunehmen. Doch all ihre Bemühungen, Gewicht zu ­verlieren, führen zu nichts. „Ich habe jede Menge Diäten ausprobiert, meine Ernährung mehrfach umgestellt, so gut es ging Sport gemacht und trotzdem kein Gramm abgenommen“, berichtet sie.

Magen durch OP um 90 Prozent verkleinert

Im Gegenteil: Sie nimmt immer mehr zu. „Ich wohnte damals im zweiten Stock. Bis zum ersten Stock konnte ich mich noch am Treppengeländer­ entlang hangeln. Bis zu meiner Wohnung musste ich mich dann mit den Armen hochziehen. Es war demütigend.“

Ein normales Leben ist für sie kaum noch möglich. Geht sie in die Oberstadt, muss sie mehrere Pausen einlegen, um Luft zu holen. Auf die schmalen Stühlen der Straßencafés passt sie längst nicht mehr. Von den Menschen wird sie beschimpft. „Na, Ihnen schmecken die Bratwürste­ aber gut“, ist so ein typischer Satz, den sie häufig von völlig Fremden zu hören bekommt.

Hilberger schüttelt den Kopf. „Jeder magersüchtige Mensch wird bedauert, aber als dicke Person wird man ständig beleidigt. Dabei gibt es auch für uns Gründe – biologische oder psychische – , warum wir so dick sind.“
Im Sommer 2015 fährt sie in den Urlaub an die Nordsee. Sie leiht sich ein Fahrrad, fällt hin und prellt sich das Becken. Es soll eine Wende in ihrem ­Leben werden. „Der Insel-Arzt sagte mir damals: ‚Ich gebe Ihnen noch fünf Jahre zu leben, wenn Sie nichts gegen Ihr Übergewicht unternehmen.‘ Da war der Urlaub erst mal gelaufen.“

Er schlägt Hilberger vor, eine Magenverkleinerung vornehmen zu lassen. Für Sie bis dato ein absolutes Tabuthema. „Ich hatte Angst vor einer Operation, auch weil ich damals noch stark zuckerkrank war und unter Wundheilungsstörungen litt.“

"Mit wurde ein zweites Leben geschenkt"

Doch ihr ist auch klar: So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. „Alle Behinderungen, die ich damals hatte, der Diabetes, das Asthma, die Schlafapnoe, der Bluthochdruck – sie alle kamen ja durch das Übergewicht.“ Zurück in Marburg holt sie den Rat ihres Arztes ein, informiert sich im Adipositaszentrum in Fulda und lässt sich schließlich im März 2016 operieren.  

Bei der Operation wird ihr Magen um 90 Prozent verkleinert. Statt 1500 Milliliter passen nun nur noch 150 Milliliter hinein. Im Oktober erhält sie bei ­einer weiteren Operation einen sogenannten „Duodenal Switch“. Dabei wird ein weiterer großer Teil des Magens verkleinert und direkt mit dem Dünndarm verbunden. Die Nahrung wandert dadurch schneller durch den Verdauungstrakt, sodass für die Aufnahme von Nährstoffen nur wenig Zeit bleibt.

Fast 50 Kilogramm hat sie seit den beiden Operationen im vergangenen Jahr abgenommen. 105 Kilogramm wiegt sie nun. „So wenig wie jetzt wog ich zuletzt 1995“, sagt sie stolz. „Das Leben verändert sich kolossal.“ Das meint sie nicht nur im ­positiven Sinne. Durch die starke Verkleinerung ist es ihr nur noch zum Teil möglich, ausreichend Vitamine und Mineralstoffe über Obst und Gemüse­ aufzunehmen. Um den Körper optimal zu versorgen, muss sie deshalb viele Vitamin- und ­Mineralstoffpräparate zu sich nehmen. 14 Tabletten sind das am Tag.

Zurück will sie aber auf gar keinen Fall. „Mir wurde ein zweites Leben geschenkt“, schreibt sie auf ihrem Blog (www.dorishilberger.de) und auch auf Facebook gibt sie unter „Hillys neues Leben“ neueste Informationen bekannt. Inzwischen treibt sie wieder ­regelmäßig Sport; fährt Fahrrad, geht viel spazieren und besucht ein Fitnessstudio. Ende Juli möchte sie an einem Lauf teilnehmen.

„Ich nehme­ nicht mehr so viel ab, aber das ist mir egal. Das Wichtigste ist, dass ich wieder normale Zuckerwerte und keinen Bluthochdruck mehr habe. Dadurch ist meine Lebenserwartung deutlich gestiegen“, freut sich Hilberger.

Dem Arzt-Insel, der sie nach ihrem Unfall behandelt hat, hat Sie im vergangenen Sommer ­einen Besuch abgestattet. „Ich habe ihm ein Souvenir aus Marburg mitgebracht und mich dafür bedankt, dass er mein Leben gerettet hat.“  

  • Der Hessische Rundfunk hat Doris Hilberger über längere Zeit begleitet und sendet am 5. Januar um 18.50 Uhr eine Dokumentation über sie.

von Ruth Korte

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