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Hilferufe durch den Telefonhörer

"Nummer gegen Kummer" Hilferufe durch den Telefonhörer

Dieses Telefonklingeln ist ein Hilferuf - von Kindern und Jugendlichen, die keinen Ausweg finden und sich an den Kinderschutzbund wenden. Die "Nummer gegen Kummer" gibt den Halt, der den Kids im Alltag fehlt.

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Den Hörer immer griffbereit, die E-Mails im Auge: Gemeinsam mit 29 weiteren Mitarbeitern betreut Kirsten Völkel die „Nummer gegen Kummer“, das Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes

Quelle: Carsten Bergmann

Marburg. Es kostet Überwindung. Die Nummer 0800/1110333 ist zwar schnell ins Telefon getippt. Bis die ersten Worte aber gesprochen sind, müssen die Kinder und Jugendlichen eine Menge Kraft aufbringen. Oft sind es die typischen Probleme, die eine Pubertät so mit sich bringt. Dann schlüpfen die 30 ehrenamtlichen und speziell für diese Aufgabe geschulten Mitarbeiter des Kinderschutzbundes in die Rolle des Dr. Sommer. Fragen zur Sexualität gehören ebenso dazu wie das Mutzusprechen für das Date am Abend. Alles anonym. Ohne Vorurteile.

Verletzlichkeit der Anonymität

„Die Anrufer reden mit uns über die Themen, die sie sich nicht trauen, mit Eltern und Freunden zu besprechen“, sagt Kirsten Völkel, die Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons. Sie versteht ihre Aufgabe darin, die Anrufer zu entlasten, ihnen Sorgen zu nehmen, Auswege zu zeigen, gemeinsam Lösungen zu suchen. Manchmal aber auch einfach nur zuzuhören. Kirsten Völkel wie auch ihre Kollegen wissen um die Verletzlichkeit trotz der Anonymität.

„Die Hürde zu nehmen und bei uns anzurufen, das ist ein guter Schritt, um sich Hilfe zu holen“, sagt die 39-Jährige. Bundesweit gibt es 88 solcher Einrichtungen. Und wie sehr die „Nummer gegen Kummer“ benötigt wird belegen die Zahlen: 900000 Anrufe, davon 230000 Beratungsgespräche wurden gezählt. 8000 Mal klingelte es alleine in Marburg. 80 Prozent der Anrufer sind zwischen elf und 16 Jahren alt, etwa 37 Prozent davon sind von Jungs. „Oberstes Ziel ist der Schutz der Anonymität“, betont Kirsten Völkel.

Hilfe durch Vertrauen

Was aber, wenn die Anrufer von Straftaten berichten, von sexuellen Übergriffen, von Mobbing in der Schule? „Wir sind dazu da, um zuzuhören, Ratschläge zu geben, den Kindern Glauben zu schenken“, sagt Kirsten Völkel. Vertrauen aufbauen, um helfen zu können. Oft scheitert es für die Anrufer an dieser kleinen, aber so immens wichtigen Sache. Wenn sie Erwachsenen ihre Probleme schildern, so zeigt es auch die Erfahrung des Kinderschutzbundes, werden Sorgen und Nöte heruntergespielt, nicht ernst genommen. „Kinder rufen bei uns an und wollen einfach nur reden“, sagt Völkel. Die Ehrenamtlichen am Telefon sind dann mit Rat bei der Sache, wenn es darum geht, Anlaufstellen für die Hilfesuchenden zu vermitteln.

Offene Gespräche über Gewalt, Drogen und Sex

Dabei stoßen die 27 Frauen und drei Männer aus Marburg auch an ihre Grenzen. Gerade wenn es um sexuellen Missbrauch oder Gewalt geht. Immer öfter melden sich auch Jungs, die sich trauen, über Tabuthemen zu sprechen.

Meistens aber sind es die alltäglichen Probleme, die die Kids beschäftigen. Sie wünschen sich Hilfestellungen bei Suchtfragen. Dank der Anonymität trauen sich auch die „Coolen“, ihre Sorgen zu teilen. „Viele tun immer sehr aufgeklärt und machen auf cool. Oft stecken Ängste dahinter, die wir ihnen nehmen wollen.“ Ein wichtiges Standbein beim Kinder- und Jugendtelefon ist auch die Kommunikation per E-Mail. Ihre Sorgen niederzuschreiben, fällt vielen leichter, als sie am Telefon in Worte zu kleiden. Die Betreuer vom Kinderschutzbund bekommen so Einblicke in die Welt der Kids. Suizidgedanken oder -versuche, Gewalt, Drogen - im E-Mail-Dialog müssen die Ehrenamtlichen die richtige Ansprache finden, um die Jugendlichen auch zu erreichen. Auch wenn es an die eigene Belastbarkeit geht. „Wir haben Dienste zu jeweils zwei Stunden und das alle zwei Wochen. Dazu kommen dann Supervisionen, um über Erlebtes auch untereinander sprechen, sich austauschen zu können.“

Hintergrund:

  • Die Nummer gegen Kummer ist von Montag bis Samstag zwischen 14 und 20 Uhr zu erreichen. Samstags betreuen Jugendliche die Rufnummer, um noch einmal eine ganz andere Sicht auf die Dinge einzubringen. Unter den Rufnummern 0800/1110333 und 116111 können Kids anrufen. Die Kosten dafür übernimmt die Deutsche Telekom.
  • Auf der Internetseite www.nummergegenkummer.de können sich Kinder und Jugendliche anonym anmelden und ihre Sorgen per E-Mail loswerden. Dort gibt es auch weitere Informationen rund um das Projekt vom Kinderschutzbund.

von Carsten Bergmann

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