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Hilfe vom Dorf für ein ganzes Land

Sanitätshausartikel für Polen Hilfe vom Dorf für ein ganzes Land

Walter Matt ist ein Verfechter für die Verständigung zwischen Deutschen und Polen. Seine ehrenamtliche Tätigkeit ist auch Ausdruck seiner Hingabe für das Nachbarland.

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„Wenn ich nicht komme, kommt der Schrotthändler“, sagt Walter Matt (links), der bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit von Theo Braun und seiner Frau Danuta unterstützt wird.

Quelle: Dennis Siepmann

Bauerbach. Manchmal ist es nur eine verbogene Stange. Dann wieder ein ausgeschlagenes Radlager oder eine kaputte Bremse. Walter Matt schaut sich jeden Rollator, jeden Rollstuhl, jedes Bett und jeden anderen Sanitätshausartikel ganz genau an. Als ehemaliger Maschinenschlosser hat Matt noch immer Spaß am Tüfteln.

Die meisten Mängel kann er selbst reparieren. Schwierig wird es, wenn elektronische Probleme auftreten – zum Beispiel bei Mobilitätshilfen wie den sogenannten Scootern. Aber auch dafür findet Matt eine Lösung. Entweder er fuchst sich selbst in die Sache ein oder findet einen technisch versierten Helfer, der ihn unterstützen kann.

Es begann vor acht Jahren

Mittlerweile ist es kein besonderer Anblick mehr, wenn sich ein größerer Lastwagen mit polnischem Kennzeichen den Weg durch die engen Bauerbacher Gassen bahnt, um schließlich am Hof von Theo Braun haltzumachen. In dessen Scheune sieht es aus wie im Keller eines längst geschlossenen Krankenhauses.

Die Namensschilder der Kühe, die hier einst gehalten wurden, hängen noch an den Balken. Sie sind stumme Zeugen der landwirtschaftlichen Vergangenheit des Bauernhofes. Im ehemaligen Stall ist fast jeder Quadratzentimeter vollgestellt mit Dingen, die kranken Menschen das Leben erleichtern sollen.

Im Jahr 2015 seien sieben große und vier kleinere Transporte zu verschiedenen sozialen Einrichtungen nach Polen auf den Weg gebracht worden, erklärt Walter Matt: „Die Speditionen, die die Sachen hier abholen, werden von diesen Einrichtungen beauftragt und bezahlt.“

Mitinhaberin von Sanitätshaus begeistert

Angefangen hat alles vor 
etwa acht Jahren. Andrea Suntheim-Pichler erinnert sich noch gut daran, wie Walter Matt von seinem Vorhaben erzählte. Die Mitinhaberin des Sanitätshauses Kaphingst war sofort begeistert von der Idee, aussortierte Sanitätshaus-Artikel wieder aufzuarbeiten.

Aufgrund der hohen Anforderungen, besonders von Seiten der Krankenkassen, sind viele dieser Produkte für den deutschen Markt nicht mehr zulässig und müssten aufwendig recycelt werden. „Dabei geht es natürlich auch um die wertvollen Rohmaterialien“, sagt Suntheim-Pichler.

Mittlerweile gibt es im Goßfeldener Hauptlager der Firma Kaphingst eine Art „Walter-Matt-Abteilung“, in der genau die Sachen gelagert werden, die eine besondere Aufarbeitung benötigen. Der über die Jahre gewachsene Erfolg des Sanitätshauses bedeutet im Gleichschritt auch für Matt mehr Arbeit. „Je größer Kaphingst wurde, desto größer wurde auch ich“, scherzt er.

Walter Matt geht es nicht nur um materielle Hilfe

Für Suntheim-Pichler ein Glücksfall: „Man sieht einfach, dass er für diese Sache brennt, und wir sind sehr froh um die Zusammenarbeit“. Für Walter Matt geht es jedoch um mehr, als um materielle Hilfe. Im Gespräch kommt er immer wieder auf politische Zusammenhänge zu sprechen.

Auf das Verhältnis zwischen Ost und West. Zwischen Polen und Deutschen. Dann geht es auch um die klaffende Schere zwischen Arm und Reich. „Bei uns muss sich niemand für alltägliche Dinge anstellen. Es gibt alles im Überfluss“, sagt Matt.

Zustände wie vor 30 Jahren

In großen Teilen Polens sei dies jedoch nicht der Fall. Besonders viele ältere Menschen würden unter Armut leiden und die Landbevölkerung lebe teilweise noch wie vor 30 Jahren. „Da ist die Toilette draußen über den Hof noch ganz normal“, sagt Matt. Natürlich sei auch die medizinische Versorgung von diesen oft ärmlichen Verhältnissen betroffen.

Kliniken, soziale Einrichtungen und Altenheime im ganzen Land litten unter Mängeln. Und so beschränkt sich die Hilfe aus dem kleinen Bauerbach auch nicht auf eine bestimmte Region, sondern erreicht viele verschiedene Landesteile. Dankschreiben erreichen Walter Matt und seine Helfer aus Posen, Breslau, Warschau und vielen anderen Orten.

Kontake kommen von langjährigen Beziehungen

„Die Kontakte zu den sozialen Einrichtungen in Polen schöpfen wir aus den langjährigen Beziehungen“, erklärt Matt. Zum einen ist da Magdalena Potrykus-Stieglitz, die ursprünglich aus Koscierzyna, der Partnergemeinde von Cölbe, stammt und nun in Niederweimar lebt. Eine besondere Aufgabe übernimmt der Langensteiner Heinrich Mrowka.

Der frühere Mitarbeiter des Herder-Instituts ist zuständig für die Kommunikation. Regelmäßig übersetzt er den Schriftverkehr und die Dankesschreiben.

Nach dem letzten Transport im Januar übermittelte Mrowka folgenden Text aus dem polnischen Tschen­stochau:

„Im Namen der Schwestern und Kinder der Heil- und Erziehungsanstalt danken wir Herrn Walter Matt sehr herzlich für die Geschenke, die wir in Form von orthopädischen und Reha-Geräten erhalten haben. Sie erleichtern vielen Schwestern die Arbeit und den Kindern ihr Leiden und ermöglichen eine richtige Spezialbetreuung und die physische Entwicklung derer, die diese Geräte nützen dürfen. Möge der erbarmungsvolle Gott mit seiner Gnade Ihre Arbeit und das Gute, das Sie uns gegeben haben, segnen und Sie jeden Tag im Leben begleiten.“

Briefe wie dieser ermutigen Matt, mit seiner Arbeit weiterzumachen, auch wenn es am Ende keine finanzielle Entlohnung für seine Mühen gibt. Daran, dass der Bauerbacher wirklich mal in Rente geht, will Suntheim-Pichler gar nicht denken: „Der Aufwand, den Herr Matt betreibt, ist enorm und ich glaube kaum, dass jemand seine Arbeit einmal weiterführen wird.“

von Dennis Siepmann

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