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Hilfe für gewalttätige Männer

Neues Programm Hilfe für gewalttätige Männer

Wut, Streit, Schläge: Häusliche Gewalt ist ein Teufelskreis, der aggressive Menschen immer wieder dazu bringen kann, ihre Liebsten zu verletzen. Mit dem Programm „Stop“ sollen Männer lernen, den Kreis zu durchbrechen.

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Mit „Stop“-Training soll häusliche Gewalt verhindert werden.

Quelle: Julian Stratenschulte (Archiv)

Marburg. Es ist keine neue Idee, sondern ein Projekt, das in Marburg bereits vor zehn Jahren seinen Anfang nahm: Im Programm „Stop“ - angesiedelt bei der Jugendkonflikthilfe (Juko) - üben Männer in Gruppentrainings, den Teufelskreis der Gewalt zu erkennen und zu beenden. „Sanktionen bei häuslicher Gewalt sind richtig“, sagt Oberbürgermeister Thomas Spies. „Aber die präventive Wirkung ist überschaubar.“

Die Juko versuche daher, mit ihrem Projekt die Täter „auf den Weg der Tugend zurück zu bringen“ - über Einsicht und eine aktive Änderung der eigenen Verhaltensweisen bei den schlagenden Ehemännern und Familienvätern. Das Programm sei also eine Art Opferschutz durch Prävention.

In zehn Jahren hat die Juko schon einige Gruppentrainings angeboten. Aktuell läuft laut Stop-Trainer Carsten Degner die 19. Gruppe, rund 150 Männer wurden beraten. „Unsere Zielgruppe sind Männer, die häusliche Gewalt ausüben - oder befürchten, es zu tun“, erklärt er. Dabei missachte die Juko nicht die Tatsache, dass es auch Frauen gibt, die ihre Männer schlagen. „Unser Konzept richtet sich aber nur konkret an Männer.“ Wenn Anfragen von Frauen kommen, würden die in Einzelgesprächen und in Kooperation mit „Frauen helfen Frauen“-Beratungen stattfinden. Viele Männer kommen über Auflagen von Gerichten zu dem Juko-Programm, wie Degner ausführt. Einige Männer würden auch über Jugendamt oder Familienhilfe kommen. „Wir haben aber auch eine wachsende Anzahl an Selbstmeldern, die sich oftmals auf sanften Druck ihrer Anwälte oder Partner hin bei uns melden“, erklärt der Stop-Trainer.

Die Teilnehmer kommen laut Degner aus allen Altersklassen und sozialen Schichten: Sie seien zwischen 18 und 70 Jahren alt, seien Analphabeten oder auch Akademiker. Sie treffen sich über bis zu sechs Monate hinweg in Gruppen, um gemeinsam den Teufelskreis Gewalt verstehen zu lernen und selbst zu erleben.

„Wir versuchen, die Momente der Selbsterfahrung immer weiter zu verstärken. Das kann sehr emotional werden“, sagt Degner. Nach dem „Stop“-Programm gebe es Einzelgespräche und gemeinsam würden weiterführende Therapieangebote ausgesucht. „Viele Teilnehmer gehen anschließend zu einem Therapeuten.“ Nur so könne eine nachhaltige Wirkung erzielt werden.

Marburger Juko gibt es seit mittlerweile 30 Jahren

„Und die Männer haben erkannt, dass sie selbst weiter etwas tun müssen“, freut sich Degner über den Erfolg. Rund zwei Drittel der Teilnehmer absolvieren den Kurs. Der Rest hört vorher auf oder wird ausgeschlossen. „Das ist kein Wattebäuschchen schmeißen. Es gibt klare Regeln. Wer immer zu spät kommt oder weiterhin seine Partnerin schlägt, wird ausgeschlossen.“

Die Juko und die Stadt Marburg ziehen also eine positive Bilanz nach zehn Jahren „Stop“. Nach deren Wunsch solle das Projekt aber noch viele Jahre weitergehen. „Die Finanzierung dafür ist mittlerweile fest im Haushalt des Landes verankert“, sagt Juko-Geschäftsführerin Maria Flohrschütz. Auch Landkreis und Stadt finanzieren das Projekt mit.

Die Juko feiert derzeit aber auch ihren 30. Geburtstag: „Das Jugendstrafrecht sieht Hilfe statt Strafe vor“, erklärt Marianne Wölk vom Vorstand der Juko. „Damals gab es aber oft keine Alternative zur Strafe. Die wenigen Projekte, die es gab, waren immer voll.“ Das habe sie bewogen, sich in der Juko zu engagieren. „Diese ambulante Jugendstraffälligenhilfe hat in Marburg 1986 schnell eine Vorreiterrolle angenommen“, sagt Flohrschütz. „Wir hatten ausdifferenzierte Angebote und konnten die Justiz schnell dazu bewegen, Jugendliche zu uns zu schicken.“

Der Juko sei es dabei wichtig, Taten nicht zu bagatellisieren - stattdessen sollen die Täter sich in ihre Opfer hineinversetzen. „Der stärkste Präventions-Moment ist immer der Täter-Opfer-Ausgleich“, ergänzt Degner. Rund 120 Jugendliche erreiche die Juko in Marburg jedes Jahr mit ihren Angeboten. Dabei mussten die Ideengeber immer mit einem großen Problem kämpfen: der Finanzierung. „Das ist immer wieder ein ,dicke-Bretter-Bohren‘ für uns“, sagt Flohrschütz. „Der Gewaltschutz ist eine zentrale politische Aufgabe. Da dürfen wir keine Abstriche machen“, betonte der Oberbürgermeister.

von Patricia Grähling

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