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Hilfe aus Marburg wirkt dauerhaft

Terra Tech Projekte auf Haiti Hilfe aus Marburg wirkt dauerhaft

222000 Tote, mehr als 300000 Verletzte, 1,5 Millionen Menschen obdachlos, 6,2 Milliarden Euro Schaden. Das war die Bilanz des Erdbebens, das sich am 12. Januar 2010 auf Haiti ereignete.

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Die Schreinerei in Chantal ist ein Segen für die Wohnheimbewohner. Sie konnten sich selbst tolle Holzbetten bauen, zum anderen können sie so Einnahmen für ihr Zuhause erzielen.

Quelle: Christian Schmetz

Marburg. Haiti ist weit weg. Doch kein Ort auf der Welt ist so weit weg, als dass er nicht in Notsituationen Hilfe aus aller Herren Länder erwarten könnte. So war es für den in Marburg ansässigen Verein Terra Tech Förderhilfe schon fast eine Selbstverständlichkeit, sich mit gezielten Projekten am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen. Schon wenige Tage nach dem Beben lief auch Hilfe aus Marburg an.

Gemeinsam mit der Münchener Organisation Demir betrieb Terra Tech eine Zeltklinik in ­einem Auffanglager, das auf einem Golfplatz eingerichtet wurde. Darüber hinaus suchte sich Terre Tech ganz gezielt Einzelprojekte heraus, und zwar für Menschen, deren Belange nach solchen Katastrophen meist nur unzureichend berücksichtigt werden können: geistig wie auch körperlich behinderte Menschen.

„Dazu muss man wissen, dass Behinderte in Haiti gesellschaftlich bis in die jüngere Zeit hinein kaum integriert waren“, sagt Christian Schmetz von Terra Tech. Doch habe er bei seinem jetzigen Besuch in Haiti feststellen dürfen, dass diesbezüglich langsam ein Umdenken erfolgt. In der Organisation ­L‘Arche Haiti hat Terra Tech einen kompetenten und verlässlichen Partner vor Ort gefunden, mit dem sich die Projekte nachhaltig verwirklichen ließen. Nachhaltig insofern, dass es gelungen ist, dass auch behinderte Menschen ihren Beitrag zum Erhalt und Fortgang der unterstützen Einrichtungen leisten können.

L‘Arche Haiti betreibt zwei Wohnheime für Behinderte und nicht behinderte Helfer, die dort in größeren Wohngemeinschaften zusammenleben: einmal in Carrefour, unweit der Hauptstadt Port-au-Prince, und in Chantal, im Süden des Landes. Beide Wohnheime verfügen auch über eine angegliederte Schule, in die nicht nur Bewohner des Wohnheims gehen, sondern auch Kinder, die die übrige Zeit in ihren Familien leben. „Dass behinderte Kinder in ihren Familien leben, ist ein sehr großer Fortschritt“, sagt Schmetz, der das Wohnheim- und Schulleben direkt kennengelernt hat. Zu den Schulen gehören auch kleinere Werkstätten, in denen die Wohnheimbewohner arbeiten. Sie fertigen so Produkte zum Verkauf an und finanzieren damit einen Teil ihres Lebens selbst. Zum einen wird Erdnussbutter hergestellt, zum anderen in Chantal Möbel- und Gebrauchsstücke aus Holz.

Solaranlagen sichern die eigene Stromversorgung

Gut ausgerüstet mit elektrischen Sägen und Schleifmaschinen können sie sogar örtlichen Schreinern ihre Zuliefererdienste anbieten.

Terra Tech finanzierte zudem für beide Einrichtungen eigene Solaranlagen, um die eigene Stromversorgung sicherzustellen. „Bei allem Bemühen ist das öffentliche Stromnetz recht anfällig für Ausfälle“, sagt Schmetz. In der Holzwerkstatt konnten die Wohnheimbewohner auch eigene Betten herstellen, die auf ihre Belange abgestimmt sind. Diese stattete Terra Tech schließlich mit entsprechenden orthopädischen Matratzen aus. In Chantal freuen sich die Menschen auch über behindertengerechte Toiletten und Duschen sowie über zwei in Stand gesetzte Klassenräume. Da die Infrastruktur nicht so gut ist gab es praktisch zu Weihnachten noch ein ganz wichtiges Extra: einen Kleinbus für den Standort in Chantal, um Menschen in Not schneller zum Arzt oder in ein Krankenhaus bringen zu können. In Carrefour wurde ein an die Schule angeschlossener Therapieraum nutzbar gemacht. Schmetz, der bereits 2012 vor Ort war, konnte sich jetzt bei einem weiteren Besuch vom Erfolg der Projekte überzeugen. „Wir bleiben mit unserem Partner in Kontakt, sehen aber die Projekte jetzt erst einmal als abgeschlossen an“, sagt er. Sein Eindruck vom jüngsten Besuch des Inselstaates ist generell positiv, doch liege noch ein weiter Weg vor dem Land. „Es wird mehr getan als vor dem Erdbeben, die Menschen sind zusammengerückt, aber es gibt auch noch viele Probleme. Mein Eindruck ist, dass die Medien doch etwas zu negativ berichten, wenn man selbst hier ist, sieht man schon, dass sich was getan hat.“ Schmetz nennt auch konkrete Beispiele. So versuche Haiti nun auch mehr für den Tourismus zu ­machen, ein neues Hotel steht kurz vor der Eröffnung. Die Gäste am Flughafen werden sogar alle mit einer Sim-Karte empfangen, die man nur noch aufladen muss.

„Haiti möchte gerne ein so sicheres Reiseland werden wie die benachbarte Dominikanische Republik“, so der Terra-Tech-Mitarbeiter. In Port-au-Prince werde jetzt auch eine Brücke gebaut, von der eigentlich niemand mehr geglaubt habe, dass sie tatsächlich mal Wirklichkeit wird. Schmetz verschließt nicht die Augen, auch er sieht Armut und Elend, sieht aber auch die positiven Fakten: Wenn auch noch 50 Prozent der Bevölkerung als unterernährt gilt, verließ der Inselstaat im Welthungerindex immerhin den drittletzten Platz.

von Götz Schaub

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