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Hightech-Forschung und Knochenarbeit

Ebola Hightech-Forschung und Knochenarbeit

Wenn Hightech-Wissenschaft zur Anwendung kommt, kann das manchmal auch harte Knochenarbeit sein. Der Kampf gegen Ebola in den betroffenen Gebieten ist das auf jeden Fall.

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Hochsicherheitstechnik im Labor des Instituts für Virologie der Universität Marburg unter der höchsten Biologischen Schutzstufe 4 (oben) und in Guinea im Kampf gegen die Ebola-Seuche: Hier muss es eine durchsichtige „glove box“ tun.

Quelle: Thomas Strecker

Marburg. Wenn Virologe Dr. Thomas Strecker von seinen Einsätzen in Westafrika erzählt, muten die Umstände manchmal an wie Klischees aus einem Urwaldfilm der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts: ewig lange Anfahrten per Pick-up auf sandigen, von Schlaglöchern übersäten Pisten, tropische Regenfälle, die die Mitarbeiter binnen Minuten bis auf die Haut durchnässen, Hilfstransporte, die im Schlamm steckenbleiben, Wellblechhütten, die nur mit Dachpappe geschützt sind, giftige Mamba-Schlangen, die von Bäumen auf die Köpfe der Menschen fallen oder Myriaden von Wanzen und anderem unappetitlichen Ungeziefer, die die Menschen bis aufs Blut peinigen.

Unter diesen Umständen arbeitete der Marburger Wissenschaftler Dr. Thomas Strecker bereits zweimal in diesem Jahr in Guinea, um in einer abgelegenen Waldregion Blutproben von Kranken auf den tödlichen Ebola-Virus zu untersuchen.

Gewöhnt ist Dr. Strecker eigentlich das genaue Gegenteil: die Arbeit im Marburger Hochsicherheitslabor auf den Lahnbergen, in dem Wissenschaftler seit Jahren unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen Impfstoffe und Schnelltests gegen hoch ansteckende und tödliche Viren testen. Luftdichte Schutzanzüge, Unterdruckschleusen - die Luft absaugen - und Desinfektionsduschen gehören zu Streckers Alltag in Marburg.

Forschung an Impfstoff nicht zu Ende geführt

In Guéckédou in Guinea besteht das Hochsicherheitslabor aus einer durchsichtigen Box, in der Unterdruck herrscht und in die Wissenschaftler, mit eingenähten Handschuhen geschützt, hineinfassen. In der Isolierstation muss das medizinische Personal Schutzanzüge tragen - und darin Temperaturen von knapp unter 50 Grad aushalten.

All das berichtete Strecker am Donnerstag Stipendiaten der von Behring-Röntgen-Stiftung - angehenden Medizinern, die in Gießen oder Marburg studieren oder als wissenschaftlicher Nachwuchs spannende Forschungsprojekte vorzuweisen haben.

Rein mit den Mitteln der Forschung und der Medizin, das ist die Botschaft von Strecker an diesem Tag, ist der Kampf gegen Ebola nicht zu gewinnen. Zwar ging die Zahl der Neuerkrankungen laut Weltgesundheitsorganisation WHO seit Anfang des Jahres zurück, aber in der vergangenen Woche verzeichneten die Hilfsorganisationen vor Ort wieder einen leichten Anstieg. Strecker mahnt zur Wachsamkeit: Die internationale Hilfe dürfe nicht nachlassen, und im Umgang mit der Bevölkerung in den westafrikanischen Staaten Guinea, Sierra Leone und Liberia müssten die gleichen Prinzipien gelten wie bisher. „Der Kampf gegen Ebola ist erst gewonnen, wenn nachweislich null Fälle neu auftreten“, sagt Strecker.

Eine der wesentlichen Mittel der Mediziner um die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist die Stärkung der örtlichen Gesundheitsstrukturen, erklärt Strecker. Das reicht vom Aufbau mobiler Diagnoselabore über Schulungen zur Infektionskontrolle bis zur ausreichenden Versorgung der Hilfskräfte mit Schutzanzügen. Vor allem aber: „Der Aufbau von Vertrauen in der Bevölkerung ist eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen Ebola.“

Psychologie spielt eine entschiedende Rolle bei der Bekämpfung

Ein Schwerpunkt der Helfer ist es deswegen, der Stigmatisierung von Erkrankten oder auch Genesenen entgegenzuwirken. „Psychologie spielt eine entscheidende Rolle zur Steigerung der Akzeptanz der Bekämpfungsmaßnahmen in den betroffenen Gebieten“, gibt Strecker seine Erfahrungen weiter.

Kleines Beispiel: Genesene erhalten von den Medizinern der Behandlungszentren Entlassungszertifikate, die bestätigen, dass der Entlassene keine Ebola-Keime mehr hat.

Dass international anerkannte Wissenschaftler wie das Marburger Virologen-Team einen Teil ihrer Zeit damit verbracht haben, beispielsweise Anleitungen für das richtige Anlegen der persönlichen Schutzausrüstungen zu schreiben, mag für angehende Mediziner ungewöhnlich anmuten. Für andere ist das, was Strecker und seine Kollegen leisten, ein Paradebeispiel für die viel beschworene Forschung im Dienste des Patienten.

Apropos Forschung: Seit zehn Jahren schon, berichtete Strecker den Nachwuchsmedizinern, gebe es Erfolg versprechende Entwicklungen von Impfstoffen, die im Tiermodell wirksam gewesen seien. „Man ist aber den nächsten Schritt nicht gegangen und hat mit klinischen Studien begonnen“, kritisierte er.

Professor Hans-Dieter Klenk, ehemaliger Leiter des Instituts für Virologie und Vizepräsident der von Behring-Röntgen-Stiftung, haut in dieselbe Kerbe. Eine der Lehren aus der gegenwärtigen Ebola-Epidemie müsse sein, die Forschung an Impfstoffen zu Ende zu führen. Hätte man dies vor zehn Jahren getan, hätte man vielleicht vielen Menschen das Leben retten können.

von Till Conrad

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