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Kochbuch Hier gibt es eine gemeinsame Sprache

Am Ende steht als Ergebnis ein Kochbuch. Was vielleicht nicht besonders spannend klingt, ist jedoch eine Erfolgsgeschichte. Denn dieses Buch ist Zeichen einer kulturübergreifenden Verständigung.

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Abteilungsleiterin Cordula Weber hält den Kochbuch-Titel in Händen: „Eine Prise Heimat“ unter der Leitung von Fränze Malzahn ist das Ergebnis der regelmäßigen Treffen von deutschen und geflüchteten Frauen (eingeklinkte Bilder) in Marburg. Fotos: Dennis Siepmann / Privat

Marburg. Wenn es nach orientalischen Gewürzen duftet und die Töpfe in der Küche klimpern, dann geht es auch immer um Heimat. Denn die Gerichte, die in diesem ganz speziellen Kochkurs auf den Tisch kommen, beinhalten auch immer eine persönliche Geschichte. Mit dem ersten Bissen sind sie da: Die Erinnerungen an die Zeit mit der Familie und die vertraute Umgebung.

Es sind Frauen aus Afghanistan, Syrien, Tschetschenien und anderen fernen Ländern, aber auch deutsche Frauen, die ihre Rezepte in den Räumlichkeiten des Bistro Juko (Jugend- und Konflikthilfe) am Tanneberg austauschen und die typischen Speisen ihrer Heimat füreinander zubereiten.

Cordula Weber nennt diese Art der zwanglosen Zusammenkunft, die unter dem Namen „Eine Prise Heimat“ firmiert, „furchtbar integrativ“. Die Abteilungsleiterin, die für den Verein Arbeit und Bildung tätig ist, sagt: „Natürlich gibt es zwischen den Frauen kulturelle Unterschiede, aber mindestens ebenso viele Gemeinsamkeiten“.

Gestik und Mimik helfen bei Verständigung

Im Kurs selbst sei es mehr um die gemeinsam verbrachte Zeit gegangen, als um einen hochintellektuellen Austausch. Dass Kochen verbindet, ist eine Binsenweisheit. Dass Kochen aber auch nonverbal funktioniert, ist in diesem Fall ein riesengroßer Vorteil. Denn viele der Kursteilnehmerinnen können nur ihre eigene Sprache. Viele nicht richtig Lesen und Schreiben. Doch es gibt eine gemeinsame Sprache, die alle sprechen: Sie funktioniert über über das Beobachten des Gegenübers, über Gestik und Mimik.

Aller Anfang war aber auch in diesem Fall schwer. Zunächst gestaltete sich die Suche nach Teilnehmerinnen problematischer als gedacht, berichtet Weber. Zum einen seien weniger Frauen als Männer aus den Krisengebieten nach Deutschland gelangt, zum anderen gehöre es in vielen Kulturen dazu, dass eher Männer die „Gänge nach draußen“ unternehmen würden.

Fast zwei Monate lang habe das Team um Weber bei Vereinen und bekannten Einrichtungen angefragt: „Wir haben alles eingeschaltet, was wir kennen.“ Flyer wurden unter anderem in Treffpunkten und Cafes verteilt.

Zum ersten Treffen im Mai seien dann immerhin zwölf Frauen erschienen. Weber und Projektleiterin Fränze Malzahn dachten gut vorbereitet zu sein. Immerhin hatten sie auch drei Übersetzer dazu eingeladen. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatten, war die Zahl der Kinder, die ihre Mütter zu dem Treffen begleiteten. Immerhin 18. Dazu waren auch zwei Herkunftsländer bei den Frauen vertreten, für die es keinen Übersetzer gab. Am ersten Tag gab es dann Waffeln. Ein besonderer Spaß, besonders für die Kinder, die teilweise mehr oder weniger im Teig verschwunden seien, wie Weber sagt. Damit war der Anfang vollbracht.

"Das Essen wird mehr zelebriert"

Zu den wöchentlichen Treffen seien ab diesem Zeitpunkt dann regelmäßig 14 bis 16 Frauen erschienen, berichtet Malzahn. Das Verhältnis zwischen Flüchtlings- und deutschen Frauen habe dabei stets etwa 50:50 betragen.

„Während des Kochens haben wir dann schon überlegt, was es in der nächsten Woche geben soll“, sagt Malzahn.

Laut Weber sei es bei dem Projekt vorrangig darum gegangen, den Frauen einen „Schonraum“ zu bieten, in dem sie sich völlig sicher fühlen können. Denn viele hätte sehr unterschiedliche Gewalterfahrungen auf ihren Reisen gemacht. Der Treffpunkt sei eine Möglichkeit, nur unter Frauen zu sein und über ihre Leben als Mütter, Töchter, Versorgerinnen oder Berufstätige zu sprechen.

„Das Essen wird einfach mehr zelebriert“, antwortet Malzahn auf die Frage, was ihr während der gemeinsamen Stunden aufgefallen sei. Besonders die arabisch-stämmigen Frauen legten sehr viel Wert auf die Optik der angerichteten Speisen. „Da wird der Reis zum Beispiel auch mal mit Kurkuma eingefärbt“, sagt Malkzahn. Auch nähmen sich die Frauen aus persischen und arabischen Ländern viel mehr Zeit. „Essen ist dort nicht bloß ein Produkt, sondern ein Ereignis. Dann kommen auch mal 20 Leute zusammen“, erklärt die 24-Jährige.

Immerhin 48 Seiten und 20 Rezepte der deutschen und internationalen Küche umfasst das Kochbuch „Eine Prise Heimat“. Die Inhalte für das liebevoll gestaltete Heft wurden dabei während des Kochens notiert.

von Dennis Siepmann

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