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Heuschreckenplage nach Hitzewelle

Forschung Marburg: Extremes Wetter im Mittelalter Heuschreckenplage nach Hitzewelle

Der Marburger Historiker Dr. Thomas Wozniak erforscht für sein Habilitationsprojekt extreme Witterungs-Ereignisse in der Zeit zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert.

Marburg. Im Jahr 873 zogen riesige Heuschreckenschwärme über ganz Europa. „Heuschrecken mit vier Flügeln und sechs Füßen kamen vom Osten her und bedeckten wie Schnee die gesamte Oberfläche des Landes, wo sie alles, was auf Äckern und Wiesen grün war, verzehrten“, heißt es in den Fuldaer Annalen aus diesem Jahr. Fast zwei Monate lang hätten die nach Westen fliegenden Tiere „ein schreckliches Schauspiel“ geboten. Doch wie kam es damals in Mitteleuropa zu dieser eigentlich eher aus Ländern wie Ägypten bekannten biblischen Plage? „Aufgrund der notwendigen Kombinationen der besonderen klimatischen Bedingungen traten in Mitteleuropa während des Früh- und Hochmittelalters Heuschreckenplagen nur etwa einmal alle 300 Jahre auf“, erläutert der Marburger Historiker Dr. Thomas Wozniak im Gespräch mit der OP.

Genau diese Tatsache macht das ganz spezielle Naturereignis  für Wozniak aber so interessant.  Denn für sein Habilitationsprojekt erforscht er extreme Witterungs- und Naturereignisse im frühen und hohen Mittelalter – von Erdbeben über Hochwasser oder besonders warme Jahre mit großer Trockenheit bis hin zu extrem kalten Wintern. Dieses Thema war bis dato von den Historikern so gut wie nicht bearbeitet worden.
Der Marburger Forscher macht aber klar, dass man anhand der lückenhaften Quellenlage keine durchgängige Klimazeitleiste rekonstruieren könne. Zwar hat er bisher rund 5 000 Quellenstellen aus 600 Jahren ausgewertet. Dennoch schätzt er, dass in dieser Zeit nur rund 10 Prozent der Wetterereignisse dokumentiert worden seien. Das sei sowohl in der Antike als auch im Spätmittelalter und in der Neuzeit ganz anders gewesen. So begannen die täglichen Wetteraufzeichnungen bereits im 14. Jahrhundert.

Bisher gibt es folgende Theorie für einen globalen Klimawandel: Nach der Völkerwanderung    mit ein paar kalten Jahrhunderten sei es zum Mittelalterlichen Wärmeoptimum gekommen. Darauf sei die „Kleine Eiszeit“ gefolgt“ und derzeit gebe es die vor allem durch menschliches Zutun  bedingte Klimaerwärmung. Doch weil ­Wozniak in seiner Arbeit Witterungsextreme analysiert, kann er keine  präzisen Untermauerungen dieser Klimawandel-Debatte aus den Chroniken herauslesen, macht  der Historiker deutlich.

Als vielfältig nutzbringend könne sich seine wissenschaftliche Recherche aber dennoch erweisen, wenn es um die Auswirkungen und Folgen des Extremwetters gehe. Das gelte beispielsweise für die Erklärung von lokalen Konflikten aufgrund von  Naturereignissen. So könne schlechtes Wetter zu Ernteverlusten und Unzufriedenheit bei der  Bevölkerung wegen schlechter Versorgungslage und in der Folge auch zu einem auslösenden Faktor von Eroberungszügen werden.

Ein anderes Beispiel zeigt, dass der Winter auch zum Verbündeten im Krieg werden kann. So berichtete der Chronist Widukind darüber, dass König Heinrich I. im Jahr 946 im Kampf gegen die Slawen bei seiner Belagerung der Burg Brennaburg (Brandenburg) auf der gefrorenen Havel sein Lager aufgeschlagen habe. In dem sehr harten Winter habe er schließlich mit Hilfe von „Hunger, Schwert und Kälte“ die Burg eingenommen.
Aber auch die in rund 20 zeitgenössischen Chroniken und Annalen dokumentierte Heuschreckenplage ist für den Forscher ein spannendes Naturereignis. Denn der Flug der Tiere hatte eine meteorologische   Vorgeschichte im Sommer 872 und ein Nachspiel im Winter 873/74.

Im Jahr vor der Heuschreckenplage wurde in den Nachrichten zum Wettergeschehen  ein „sehr trockener und heißer Sommer“ verzeichnet, berichtet Wozniak. Dabei scheinen die Temperaturdifferenzen sehr hoch gewesen zu sein.
 Dass die Heuschreckenschwärme es dann im darauffolgenden Jahr massenhaft von dem angestammten subtropischen Klimabereich bis in die gemäßigten Regionen geschafft hätten, das habe dann auch an einer „besonderen witterungstechnischen Konstellation über Afrika und Europa“ gelegen. Besonders viele warme Luftmassen aus der Sahara hätten das norditalienische Festland erreicht und dabei auch Aerosole mitgeführt, die beim Abregnen durch eine blutig-rote Färbung aufgefallen seien, was zum sogenannten „Blutregen“ geführt habe.

Auch die Vielzahl von Sommergewittern habe im Jahr  872 auf höhere Durchschnittstemperaturen in Europa hingedeutet. Diese hätten wohl die Brutbedingungen für die Heuschrecken so sehr verbessert, dass das „massive Anwachsen der Population“ ermöglicht worden sei, folgert der Marburger Historiker.

Anhand der unterschiedlichen   Berichte darüber, an welchen Orten die Heuschrecken überall  gesichtet wurden, konnte Wozniak eine Übersichtskarte anfertigen.

Vom Schwarzen Meer aus an der Donau entlang zogen die Schwärme in drei Hauptrichtungen nach Westen, bis hinauf nach Flandern, Großbritannien und Irland.

Der Winter nach der Heuschreckenplage war besonders extrem, was in zahlreichen Quellen hervorgehoben wurde.

von Manfred Hitzeroth

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