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Herrscher als Richter und Schlichter

Forschung Marburg: Könige im Mittelalter Herrscher als Richter und Schlichter

Die Konfliktbewältigung durch die deutschen Könige in der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert ist das Thema der preisgekrönten Doktorarbeit des Mittelalter-Historikers Hendrik Baumbach.

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Dieser Holzschnitt zeigt eine Sitzung des königlichen Hofgerichts Rottweil. Links sieht man den königlichen Richter mit Richterstab auf einem erhöhten Stuhl sitzen. Ganz rechts ist die Kanzlei zu sehen, in der Gerichtsbriefe geschrieben werden. Die Abbildung stammt aus der ersten gedruckten Ausgabe der Rottweiler Hofgerichtsordnung von 1535.

Quelle: Archiv

Marburg. Richter, Schiedsrichter, Vermittler, Schlichter: Vielfältig waren die Rollen, die ein König im späten Mittelalter im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ausfüllte. „Man muss sich folgende Ausgangssituation vorstellen: In einer Welt ohne Telefon, Internet oder Autos reist ein Mann auf seinem Pferd durch ein weitverzweigtes Reich, das regiert werden muss“, erläutert Baumbach. Die Vielzahl von Streitigkeiten, die im Deutschen Reich an die Könige herangetragen worden seien, hätten dafür gesorgt, dass deren Schreibtische immer voll mit Bittgesuchen gewesen seien.

Was machte ein König mit 100 Streitfällen und welche Ordnungsprinzipien benutzte er im Spätmittelalter, um seinen übervollen Schreibtisch effektiv abzuarbeiten? Auf die Spur dieser Fragestellungen begab sich der Marburger Historiker Hendrik Baumbach in seiner Dissertation, an der er dreieinhalb Jahre arbeitete.

Der Marburger Geschichtswissenschaftler hat für die Zeit zwischen 1212 bis 1495 die unterschiedlichen Formen der königlichen Gerichtsbarkeit untersucht. Dafür wertete Hendrik Baumbach insgesamt 50000 Dokumente aus der Regierungszeit von 21 deutschen Herrschern aus (siehe Artikel unten). Baumbach machte drei Hauptstrategien der Könige aus:

  • 1) Vom reisenden zum residierenden Hof: Nach diesem Motto bereisten die Könige nicht mehr so häufig das Reich, sondern regierten zunehmend vom ortsfesten Hof aus. Damit zog nicht mehr der König durch das Reich zu den Konflikten, sondern die Streitenden mussten zu ihm kommen.
  • 2) Strategie der Konfliktverwaltung: Die Könige mussten nicht immer die streitenden Parteien zu einer Lösung bringen. Sie konnten auch den Konflikt an andere Gerichte verweisen und so trotzdem ein Verfahren zur Konfliktklärung in die Wege leiten.
  • 3) Die dritte Möglichkeit bestand in der Nutzung von Delegation oder Stellvertreterschaft. Dann regelten beispielsweise königliche Landvogte, Landrichter oder Ob- und Hauptmänner im Auftrag des Königs die Angelegenheit, oder der König setzte am Hof seinen Hofrichter ein.

„Konflikte zu bewältigen, war und ist eine zentrale Herausforderung in historischen wie in modernen Gesellschaften“, betont Hendrik Baumbach. Im mittelalterlichen deutschen Reich sei vor allem der König mit einer „endlosen Reihe immer neuer Streitfälle“ konfrontiert worden. Diese hätten die Könige durch die Streitenden persönlich, aber auch auf mit Hilfe von auf schriftlichem Wege oder per Mittelsmännern vorgetragenen Klagen oder Hilfsbitten erreicht. Um den Schreibtisch des Herrschers von der steigenden Last dieser Begehren um Konfliktschlichtung kontinuierlich zu befreien, benötigte die königliche Verwaltung eine ganze Reihe von Verfahren; die persönliche Streit-Entscheidung genauso wie eine schiedsrichterliche oder gütliche Vermittlung des Herrschers aber auch die Einsetzung von Stellvertretern zum Zweck der Konflikt-Schlichtung.

Hinwendung zum römischen Recht

Besonders im 15. Jahrhundert an der Schwelle zur Neuzeit seien so viele Verfahren auf den Herrscher eingestürmt, dass sie nicht mehr bearbeitbar gewesen seien. Persönlich habe sich der Herrscher dann nur noch um rund 5 Prozent der Konflikte gekümmert - und zwar um diejenigen, die für die königliche Politik mitentscheidend gewesen seien. Für alle anderen Verfahren wurde das Personal am Hof dann deutlich erweitert: So wurden beispielsweise die ­Hofämter verdoppelt und die Buchführung des Königlichen Gerichts ausgeweitet.

Abgesehen von der Möglichkeit, sich an den König zu wenden, standen den streitenden Konfliktparteien zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert auch noch einige andere Verfahrenswege zur Verfügung.

So konnten sie sich an den fürstlichen Landesherren, an die städtische und an die dörfliche Gerichtsbarkeit wenden. Doch ein Urteilsspruch des Königs, der beispielsweise auch in der Ächtung einer der beiden Parteien bestehen konnte, hatte natürlich ungleich stärkeres Gewicht, erläutert Baumbach.

Während die von Baumbach untersuchte Zeitspanne in ihrer Gesamtheit bisher wenig untersucht worden war, gibt es für die darauffolgenden Perioden eine deutlich höhere Forschungsdichte.

Zwar habe es auch ab dem 16.Jahrhundert noch Gerichtssitzungen mit dem König als Vorsitzendem gegeben, und politisch brisante Fälle seien auf den Reichstagen verhandelt worden.

Gekennzeichnet wurde die Neuzeit dann aber in Deutschland von einer Hinwendung zur Gerichtsbarkeit nach dem Vorbild des römischen und kirchlichen Rechts, die im Spätmittelalter ausgebildet wurde und noch das heute gültige Rechtssystem prägt.

Die Grundprinzipien der Konfliktlösung verlaufen dessen ungeachtet heutzutage ähnlich wie damals, erläutert Baumbach. So seien beispielsweise die Verhandlungen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Ukraine-Konflikt vergleichbar mit den Vermittlungsversuchen eines königlichen Rats im Mittelalter.

von Manfred Hitzeroth

50000 Quellen dienten als Grundlage für Studie

Hendrik Baumbach sichtete für seine Dissertation über die Geschichte der Konfliktbehandlung im Spätmittelalter rund 50000 Quellen.

Die Zahl der für einen einzigen Forscher noch erfassbaren Dokumente wurde fast schon überschritten, macht Hendrik Baumbach deutlich. Der 29-jährige Marburger Historiker gelangte während der Arbeiten für seine Dissertation an die Grenzen seiner Belastbarkeit.

Insgesamt 50000 Quellen wertete er aus. Rund die Hälfte davon konnte er direkt für die Auswertung im Rahmen seiner „Geschichte der Verfahren und Delegationsformen zur Konfliktbehandlung“ benötigen.

Dass er so eine vergleichsweise hohe Zahl an Quellen in seine Doktorarbeit mit einbezog, lag vor allem an der Regierungszeit des letzten Herrschers aus dem Spätmittelalter, die Baumbach noch in seine Doktorarbeit mit einbezog. Denn allein aus dem Archiv zu Friedrich III. mussten noch einmal 20000 Dokumente ausgewertet werden. Einen größeren Teil davon fand der Marburger Historiker bei einem Forschungsaufenthalt in Wien im Haus-, Hof- und Staatsarchiv.

Nicht jede seiner Quellen schaute er allerdings im Original an. Bei einem Teil der Dokumente reichte es zudem auch, die kursorischen Zusammenfassungen durchzusehen.

Die große Herausforderung bei der Sichtung der Archivalien lag darin, ein System zu entwickeln, mit dem alle notwendigen Informationen für das Thema gesammelt werden konnten. Wichtig war es für Hendrik Baumbach, zunächst das Streitmotiv sowie den Gegenstand der Auseinandersetzung aufzulisten. Dann musste erfasst werden, in welcher Form sich der jeweilige König mit dem Konflikt beschäftigte. Fällte er persönlich ein Urteil oder delegierte er den Fall? Und wer beschäftigte sich mit der „Konfliktverwaltung“, wenn der König dies nicht mehr als seine Aufgabe ansah?

Dabei ging es Baumbach nicht um eine rechtshistorische Aufarbeitung der Konfliktfälle, sondern eher um eine Kategorisierung der unterschiedlichen Formen der Konfliktbearbeitung.

Dem König zur Streitschlichtung vorgetragen wurden unter anderem Landfriedensdelikte wie Raub, Brandschatzungsdelikte, Straßenraub oder Fehden, aber auch andere Klagen über Erbschaft sowie Streitigkeiten um Güter oder Liegenschaften.

Mit seinen gesammelten Informationen fütterte der Historiker selbsterstellte Datenbanken. Dabei nutzte Baumbach die in seinem Mathematik-Studium an der Uni Marburg erworbenen Kenntnisse von statistischen Methoden. Die Auswertung der so gewonnenen Statistiken aus drei Jahrhunderten half Baumbach dann bei der Analyse.

 
Hintergrund
Für seine Dissertation erhielt Hendrik Baumbach zwei Auszeichnungen. Am 6.Juli wurde in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistung die Dissertation „Königliche Gerichtsbarkeit und Landfriedenssorge im deutschen Spätmittelalter. Eine Geschichte der Verfahren und Delegationsformen zur Konfliktbehandlung“ mit dem Mittelalterpreis der Universität Marburg ausgezeichnet. Die 1965 von Otto Kellner zum Andenken an seinen Sohn Dr. Wolf Erich Kellner errichtete unselbständige „Wolf Erich Kellner-Stiftung“ an der Philipps-Universität Marburg wurde im Jahre 2005 in einen jährlich zu verleihenden Preis für hervorragende Abschlussarbeiten in mittelalterlicher Geschichte umgewandelt. Am gestrigen Donnerstag erhielt er mit vier weiteren Nachwuchswissenschaftlern der Uni Marburg im Deutschen Sprachatlas einen der mit 1000 Euro dotierten Promotionspreise der Universität. Baumbachs von seinem Doktorvater Professor Andreas Meyer betreute Dissertation wurde im Sommer 2015 am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Uni Marburg angenommen und am 17.Juli vergangenen Jahres verteidigt worden. Die Buchveröffentlichung im Böhlau-Verlag ist für März 2017 geplant. Dann darf Baumbach auch offiziell seinen Doktortitel führen.
 
Zur Person
Hendrik Baumbach (29, Foto: Hitzeroth) wurde in Arnstadt (Thüringen) geboren. Er studierte von 2006 bis 2011 Geschichte und Mathematik an der Marburger Universität. Im Sommersemester 2015 legte er die Doktorprüfung im Fach Mittelalterliche Geschichte ab. Seit 2016 ist er Postdoktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mittelalterliche Geschichte. Baumbach ist wissenschaftlicher Koordinator des Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden bis 1250 an der Uni Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des römisch-deutschen Königtums und des Reiches vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, die Verwaltungs- und Rechtsgeschichte des Spätmittelalters sowie das Thema „Landfrieden und ­Einungen“.
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