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Herero fordern Rückbau des Kriegerdenkmals

Deutsche Kriegsverbrechen in Namibia Herero fordern Rückbau des Kriegerdenkmals

Dr. Olga Karumuao (57) ist eigens nach Marburg gereist, um das Denkmal zu sehen, mit dem auch der Soldaten gedacht wird, die an dem Völkermord an den Herero 1904 bis 1908 beteiligt waren.

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Karsten Engewald zeigt Dr. Olga Karumuao aus Namibia das Kriegerdenkmal in Bortshausen. Sie ist entsetzt.

Quelle: Thorsten Richter

Bortshausen. Olga Karumuao ist tief erschüttert. Sie steht neben dem Kriegsdenkmal der Marburger Jäger in Bortshausen – dort wird auch der Jäger gedacht, die zwischen 1904 und 1908 an der Ermordung von Herero, Nama, Okarara und San im damaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt waren. „Würden diese Menschen heute noch leben, würden sie wegen Kriegsverbrechen im Gefängnis sitzen“, ist sich der Gast aus Namibia sicher.

Der Stein in Bortshausen, seit Jahren ein Quell politischen Streits, gedenkt der Angehörigen der Marburger Jäger, die in den Kriegen gefallen sind.Unter anderem jenen mindestens 23 Angehörigen des Kurhessischen Jäger-Bataillons Nr. 11, auf dessen Geschichte und Tradition sich die „Kameradschaft Marburger Jäger“ noch heute bezieht. Sie hatten sich freiwillig zum Feldzug im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ gemeldet.

Der verniedlichend als „Aufstand der Herero und Nama“ bezeichnete Kolonialkrieg zwischen den deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama während der Jahre 1904 bis 1908 mündete nach der Niederschlagung des eigentlichen Aufstandes in einen Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht. Zwischen 80 und 85 Prozent der Herero starben in dieser Zeit, den Völkern der Nama und  der San erging es nicht besser.

Zufall: Karumuao lebte kurzzeitig in Marburg

Olga Karumuao (57) ist die Enkelin eines deutschen Farmers und einer Herero. „Ihr Mann hat sie auf seiner Farm gehalten, damit sie möglichst viele Kinder produziert“, berichtet sie - scheinbar emotionslos - von ihrer Familiengeschichte. Karumuao selbst floh vor den damaligen (weißen) Machthabern aus dem benachbarten Apartheidstaat Südafrika 1977 ins benachbarte Botswana. Von dort aus gelangte sie an ein Stipendium, das ihr ein Studium in Europa ermöglichte.

Dass Karumuao 1982 schon einmal, und zwar für ein paar Monate, in Marburg lebte und beim Lessing-Kolleg die deutsche Sprache erlernte (Abschlussnote: gut), gehört zu den Zufällen der Weltgeschichte. Anschließend jedenfalls studierte und promovierte sie in London, arbeitete dort eine Weile und ging nach der Unabhängigkeit Namibias und der Regierungsübernahme durch die frühere Befreiungsbewegung Swapo zurück in ihre Heimat.

Sie lehrte an der Namibia-Universität in Windhuk und engagiert sich seit ihrer Pensionierung vor zwei Jahren für die Rechte der Herero.Dass sie in Bortshausen nur einen Tag nach dem Mittwoch ankommt, an dem in der Berliner Charité die Gebeine von vor 110 Jahren ermordeten Herero an Vertreter Namibias zurückgegeben worden sind, ist kein Zufall.

Schwierigkeiten das Visum zu bekommen

Eigentlich wollte sie schon in der vergangenen Woche kommen, die deutsche Botschaft in Windhuk konnte aber das Visum nicht rechtzeitig ausstellen: „Ich gelte als troublemaker“, vermutet sie als Grund.„Troublemaker“, also Unruhestifter für die deutsch-namibischen Beziehungen ist Olga Karumuao insofern, als sie zu denjenigen gehört, die Entschädigung für den Völkermord an den Herero, den San und den anderen Völkern Namibias fordert.

Mehr als 100 Jahre nach den Gräueltaten der deutschen Kolonialmacht hat die Berliner Universitätsklinik Charité die Gebeine von 21 Afrikanern am Mittwoch zurückgegeben. „Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts“Die Schädel und Knochen, die damals als Forschungsobjekte nach Berlin geschickt worden waren, sollen nun in Namibia bestattet werden. Die Berliner Zeremonie war am Mittwoch vom stillen Protest afrikanischer Gruppen begleitet, die von Deutschland eine Entschuldigung für das brutale Vorgehen im einstigen „Deutsch-Südwestafrika“ und Wiedergutmachung verlangen.

Namibias Kultusminister Jerry Ekandjo bezeichnete in Berlin die Gräueltaten der Deutschen in ihrer Kolonie bei der Zeremonie als „den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“. Sie seien rassistisch motiviert gewesen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.  Er forderte Museen und Sammlungen auf, ihre Bestände nach weiteren Spuren dieses dunkelsten Kapitels der deutsch-namibischen Geschichte zu durchsuchen und Funde zurückzugeben.

Namibische Knochen auf deutschen Dachböden

Auch Privatleute könnten immer noch im Besitz von Trophäen sein, die aus menschlichen Überresten bestünden. Afrikanische Gruppen forderten bei der Zeremonie auf Transparenten „Entschuldigung sofort“ und „Keine Amnestie für Genozid“. Das Auswärtige Amt betont, dass alle Bundesregierungen seit der Unabhängigkeit Namibias 1990 die historische, politische und moralische Verantwortung Deutschlands zum Ausdruck gebracht hätten. Dazu gehöre auch das „tiefe Bedauern“ über den grausamen Kolonialkrieg, sagte ein Sprecher.

Auch für Olga Karumuao ist das aber noch nicht genug. Nur eine Entschädigung der Bundesrepublik an die Nachfahren der Ermordeten erkenne das ganze Ausmaß des Unrechtes an, das ihren Vorfahren angetan wurde.  „Ich glaube, dass es in Namibia Demonstrationen geben wird, wenn die Gebeine unserer Vorfahren in ihrer Heimat bestattet werden“, sagt sie im Gespräch mit der OP.

In diesem Zusammenhang ist der Herero-Frau der Umgang der Stadt Marburg mit dem Kriegsdenkmal der Marburger Jäger besonders wichtig. Und nicht nur ihr: Sie hat Briefe der Häuptlinge einiger Völker aus Namibia in ihrem Reisegepäck, die den Rückbau des umstrittenen Monuments fordern.

Mit dem Blut der Herero und der Nama besudelt

So schreibt Chief Jooste Vihanga, der Häuptling der Okarara, „das Monument ehrt diejenigen, deren Hände mit dem Blut der Völker der Herero und der Nama besudelt sind“. Er drückt seine Solidarität mit der Initiative „Kein Kriegsdenkmal in Bortshausen“ aus und regt an, dass anstatt für das Denkmal besser für die angegriffenen Dörfer, etwa für Schulen und Entwicklungsprojekte Geld ausgegeben werden sollte. Beispielsweise für das Projekt von Olga Karumuao.

Das ist nämlich der zweite Grund für ihren Besuch in Deutschland: Die Lehrerin trifft sich am Wochenende in Berlin mit Vertretern verschiedener Nichtregierungsorganisationen, um die von ihr gegründete Schule vorzustellen. Das „Kavitundem Board of Trustee“ liegt westlich von der Hauptstadt Windhuk in der Nähe der Grenze zu Sambia; nur wenige Kilometer weg von der Kalahari-Wüste, in die sich 1904 die Herero (vergeblich) zurückgezogen haben, um nach der Schlacht am Waterberg der Tötungsmaschinerie der deutschen Reichswehr unter dem berüchtigten General von Trotta zu entkommen.

Die deutschen Truppen schnitten den Herero den Weg aus der Wüste zurück ab; viele Herero verdursteten schlicht und einfach.Ein Versöhnungsprojektals PerspektiveIn dem „Kavitundem Board of Trustee“ werden, so berichtet Olga Karumuao, Angebote für Kinder und Jugendliche verschiedener namibischer Volksstämme gemacht. Unter anderem für die Bushmen.

Die Bushmen oder San leben teils noch als Nomaden oder Halbnomaden. Der „Kavitundem Board“ soll für sie ein wichtiger Anlaufpunkt werden. Die San gelten als eine der ältesten bekannten Kulturen, manche Forscher halten das von ihnen früher besiedelte Gebiete für die „Wiege der Menschheit“.Ein Engagement für den „Kavitundem Board“ können sich Mitglieder der Initiative gegen das Kriegerdenkmal in Bortshausen gut vorstellen. „Vielleicht ergibt sich hier eine neue Verbindung nach Namibia, die von einem ganz anderen Geist beseelt ist“, hofft etwa Jan Schalauske.

von Till Conrad

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Die Ostermarschierer 2012 besichtigten das Kriegsdenkmal in Bortshausen; auch der Osterspaziergang in diesem Jahr richtet sich unter anderem gegen den umstrittenen Stein

Das "Marburger Bündnis gegen den Krieg" will am Ostersamstag in einem "Osterspaziergang"! für Frieden und eine solidarische Welt demonstrieren.

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