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Herausragender Unternehmer, großherziger Mäzen

Dr. Reinfried Pohl gestorben Herausragender Unternehmer, großherziger Mäzen

Dr. Reinfried Pohl ist tot. Der Marburger Ehrenbürger und Ehrensenator der Philipps-Universität Marburg starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren.

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Marburg. Als Gründer der Deutschen Vermögensberatungs-AG (DVAG) machte Reinfried Pohl ein Vermögen. Das Manager Magazin führte ihn im Jahr 2012 auf Platz 33 der reichsten Männer in Deutschland. Den Grundstein für seinen geschäftlichen Erfolg legte Pohl 1969, als er sein Konzept entwickelte, das Angebot und die Dienstleistungen von Banken, Versicherungen, Bausparkassen und sonstigen Kapitalanlagegesellschaften vertrieblich zusammenzuführen. Das „Allfinanzangebot“ war geboren.

1975 lieh sich Pohl  100000 D-Mark von der Bank, baute die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) auf und schuf gleichzeitig einen neuen Beruf: den des Vermögensberaters. Sein Motto: „Immer etwas besser, etwas fleißiger, etwas erfolgreicher sein als die Konkurrenz.“

In den 35 Jahren seit der Unternehmensgründung hat Reinfried Pohl die Deutsche Vermögensberatung zu einem der führenden deutschen Finanzvertriebe ausgebaut. Nach eigenen Angaben betreut die DVAG sechs Millionen Kunden. Partner wie die Deutsche Bank Gruppe oder die AachenMünchener Gruppe arbeiten eng mit der DVAG zusammen.

Unumstritten war dies nie. „Strukturvertrieb“, „Schneeballsystem“ oder „Drückerkolonnen“ sind Vokabeln, mit denen das Geschäftsmodell der DVAG immer wieder kritisiert wird. Pohl haben solche Angriffe immer auch persönlich getroffen. Auch in seinem letzten großen Interview mit der Oberhessischen Presse reagierte er verletzt auf solche Vokabeln und wies die Kritik an seinen Geschäftsmethoden zurück.

1928  im nordböhmischen Zwickau (heute Cvikov) als jüngster Sohn eines Finanzbeamten geboren, gerät er schon früh mit der Politik in Berührung: Pohls Biograph Hugo Müller-Vogg berichtet in seiner Biografie „Reinfried Pohl - Der Doktor, der Kämpfer, der Sieger“, dass der Vater als Mitglied der „Sudentendeutschen Partei“ aus dem tschechischen Staatsdienst entlassen wurde. Der junge Reinfried Pohl habe sich als Deutscher Anfeindungen der tschechischen Minderheit ausgesetzt gesehen.  Damals, so berichtet Möller-Vogg, habe Pohl „das Kämpfen gelernt“.

Enge Verbundenheit zu seiner Heimatstadt

Noch als Jugendlicher musste Pohl als Soldat an die Ostfront.  Er kam anschließend 1948 als Flüchtling aus der Sowjetischen Besatzungszone nach Marburg und bleibt der Stadt zeitlebens treu. Er studierte Jura an der Philipps-Universität, engagierte sich politisch in der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDP) und war ab 1954 für einige Jahre Stadtverordneter. Und: Er heiratet 1958 die Konditorentochter Anneliese Klingelhöfer.   „In Anneliese Klingelhöfer hat Reinfried Pohl die Liebe seines Lebens gefunden;   sie wird zudem zur idealen Frau an der Seite dieses nach Erfolg strebenden Mannes“, schreibt Müller-Vogg.

Pohl hat bei jeder Gelegenheit die Liebe zu seiner Heimatstadt Marburg betont. In gleichem Maße fühlte er sich der Philipp-Universität Marburg verbunden, an der er 1953 zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert hatte. Im Jahr 1998 ernannte ihn die Philipps-Universität zum Ehrensenator. Die Stadt Marburg ernannte ihn 2006 zum Ehrenbürger.

In fast allen gesellschaftlichen Bereichen hat sich Pohl als Sponsor und Mäzen für seine Heimatstadt betätigt. Seit 2001 haben nach Angaben der DVAG rund 40 Vereine und ebenso viele universitäre und städtische Institutionen von seinen Zuwendungen profitiert. „Niemand soll mir später nachsagen, dass ich meinen Pflichten als Bürger einer Stadt, die mir die Ehrenbürgerschaft angetragen hat, nicht erfüllt habe“, sagte Pohl einmal.

Die Krebsforschung am Fachbereich Medizin wäre ohne seite millionenschweren Zuwendungen in dieser Form nicht denkbar. Nach seinen Visionen für das Jahr 2020 befragt, sagte Pohl, er wolle, dass Marburg mehr als bisher als Universitätsstadt, vor allem dass der Medizinstandort an Bedeutung gewinne.

Nicht alle waren von Pohls Mäzenatentum begeistert. Seine umfangreiche Investitionstätigkeit im Bahnhofsviertel  stieß auch auf Argwohn und Kritik. Pohl wolle die Stadt „kaufen“, sagten Kritiker. Diese Haltung hat ihn tief verletzt. „In dieser Stadt müssen Sie Geschenke verkaufen“, haderte der Unternehmer zum Beispiel mit der Art und Weise, wie das Parlament und Teile der Öffentlichkeit mit seiner Spende für einen Aufzug zum Schloss umgegangen sind. Er würde noch viel mehr machen und investieren „wenn ich die öffentliche Debatte darum nicht fürchten müsste“, so Pohl.

Pohl ist zeitlebens ein politischer Mensch gewesen. 1969 trat er nach der Bundestagswahl aus der FDP aus, um ein Jahr später der CDU beizutreten. Mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl verband ihn eine jahrelange, enge Freundschaft, die auch durch die CDU-Spendenaffäre und die ungeklärte Rolle Kohls keinen Schaden nahm. Im Gegenteil, Pohl ließ aus Protest gegen den Umgang der CDU mit Helmut Kohl seine Mitgliedschaft ruhen.

Pohl hat in der Zeit seit dem Jahr 2000 namhafte Beträge an die CDU (1,7 Millionen) und an die FDP (1,1 Millionen), sowie kleinere Beträge an die SPD (15000) und an Bündnis 90/Die Grünen (10000) gestiftet. „Ich träume davon, dass ich meinen Söhnen, meinem Unternehmen, aber auch der Stadt und der Universität noch eine möglichst lange Zeit hilfreich sein kann“, sagte Pohl vor einem Jahr in der OP. Das ist ihm nicht vergönnt gewesen. Vielleicht ist ihm aber vergönnt, dass ihm sein zweiter großer Wunsch erfüllt wird. „Als Zeichen persönlicher Wertschätzung wünsche ich mir, dass mein Handeln frei von Neid beurteilt wird.“
von Till Conrad

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Reaktionen auf den Tod des Ehrenbürgers

Der Marburger Ehrenbürger Dr. Reinfried Pohl ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Entsprechende Informationen der OP wurden aus dem Nahbereich Pohls bestätigt.

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