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Hemmschwellen überwinden

Kleinwüchsigen-Treffen Hemmschwellen überwinden

Betroffene müssen wegen ihrer Körpergröße mit vielen Einschränkungen leben. Pflegeleistungen stehen ihnen zwar zu, allerdings gibt es oft Probleme bei der Beantragung.

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Referent Dieter Kurth diskutierte mit Teilnehmern.

Quelle: Nico Arnold

Wehrda. Der Landesverband kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien (LKMF) diskutierte über die Einschränkung durch Kleinwuchs und die Beantragung von Pflegeleistungen. Im Mittelpunkt des Treffens im Kinderzentrum Weißer Stein stand ein Vortrag von Pflegeberater Dieter Kurth. Er arbeitet seit 2010 beim Pflegestützpunkt Marburg-Biedenkopf. Kurth klärt Pflegebedürftige auf, welche Leistungen ihnen zustehen und gibt Hinweise zu Anträgen. Wenn ein Mensch Pflege benötigt, müsse er dies bei seiner Pflegeversicherung anmelden, erklärte Kurth. Daraufhin fertige der medizinische Dienst der Krankenkassen ein Gutachten an, in dem die betroffene Person in eine Pflegestufe eingeordnet wird.

Knackpunkt an diesem Verfahren sei oft das Gespräch mit dem Gutachter. Manche Pflegebedürftige machten dort relativierende Angaben zu ihrer Situation, da ihnen diese peinlich sei. Besonders ältere Menschen schämten sich dafür, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. „Dieses Denken ist weit verbreitet. Ich habe Deutschland wieder aufgebaut, ein Haus errichtet und fünf Kinder großgezogen. Ich brauche keine Unterstützung. Solche Sätze höre ich öfter“, sagte Kurth. Allerdings könnten die Angehörigen, je nach Fall, ganz unterschiedliche Unterstützungen beantragen. Neben Sachleistungen, Tages- und Kurzzeitpflege sei vor allem die sogenannte Verhinderungspflege nur wenigen bekannt. Bei diesem Konzept können pflegende Angehörige für einen begrenzten Zeitraum Dritte mit der Pflege beauftragen und die entstandenen Kosten abrechnen lassen.

"Kleinwüchsige Menschen sollten sich nicht verstecken"

Die Mitglieder des LKMF diskutierten anschließend vor allem über ihre Erfahrungen mit den Gutachtern des medizinischen Dienstes, die oft kompliziert und anstrengend seien. „Manchmal hat man das Gefühl, sie sind Gegenspieler. Viele sehen aber die Mühen, die bei der Behandlung Kleinwüchsiger vorhanden sind“, sagte Karin Hoffmann, Vorsitzende des LKMF. Kurth empfahl, beim Gutachtergespräch kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sämtliche alltäglichen Einschränkungen aufzuzeigen. Der LKMF setzt sich für Menschen mit Wachstumsstörung ein. Neben der Inklusion kleinwüchsiger Menschen sei es ein zentrales Anliegen, ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln. „Zwischen Kleinwüchsigen und anderen Personen gibt es oft eine visuelle Hemmschwelle, die wir überwinden wollen“, sagte Hoffmann. „Kleinwüchsige Menschen sollten sich nicht verstecken.“ Für dieses Ziel sei vor allem öffentliche Präsenz wichtig.

Als kleinwüchsig bezeichnet man im Allgemeinen ausgewachsene Menschen mit einer Körpergröße zwischen 70 und 150 Zentimetern, erklärte Stephanie Hinrichs, Zweite Vorsitzende. Die Wachstumsstörung könne ganz vielfältige genetische Gründe haben. Auch Kinder von Eltern mit normaler Körpergröße können betroffen sein. „In der Regel fangen die Kinder in der Grundschule an, ein Bewusstsein für ihre Einschränkung zu entwickeln“, sagte Hinrichs. Im Alltag müssen Kleinwüchsige mit verschiedenen Einschränkungen leben. Hinrichs nennt als Beispiel Toiletten, die oft für kleine Menschen zu hoch angebracht sind.

Dieter Kurth hatte als Pflegeberater in Marburg bisher noch keinen Kontakt zu kleinwüchsigen Menschen: „Bisher noch nicht. Aber Einschränkungen und Pflege können jeden treffen, egal, ob 1,90 Meter groß oder kleiner.“

  • Der LKMF unterstützt Menschen mit Kleinwuchs und ihre Angehörigen. Informationen gibt es bei Karin Hoffmann, Telefon 05674/5959 oder karin.hoffmann@bkmf.de

von Nico Arnold

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