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Hellenen wählen mit Verzweiflung

Griechenland-Wahl Hellenen wählen mit Verzweiflung

Die Umfragen für die Wahl in Griechenland sagen voraus, dass das Land einen Regierungswechsel erleben wird. Marburger Griechen berichten vom Wechselbad ihrer Gefühle.

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Die Marburgerin Areti Kelekidou (64) verfolgt in diesen Tagen gespannt griechische Nachrichtensendungen. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Eleftherios Giallouros wird am Sonntag in Griechenland zur Minderheit gehören. Davon ist der 27-Jährige überzeugt. Der Augenarzt kam vor vier Jahren von Athen nach Marburg, wo er arbeitet und lebt. Zur vorgezogenen Parlamentswahl in Griechenland fliegt er in seine Heimat. Er werde die amtierende Partei Nea Dimokratia wählen, nicht weil er überzeugt sei, aber um eine Stimme gegen Syriza abzugeben. Das Linksbündnis mit Alexis Tsipras an der Spitze liegt Umfragen zufolge vorne.

Auch Giallouros ist sicher: Syriza wird Wahlsieger. Ob es am Ende für eine Alleinregierung reicht, mag der Augenarzt nicht beschwören. „Viele werden überhaupt nicht wählen gehen, weil sie sowieso keinem mehr zutrauen, das Land retten zu können“, sagt er. Ähnlich äußert sich auch ein anderer Arzt, der Nieren-Spezialist Dr. Hristos Karakizlis.

Der 36-Jährige ist in Deutschland geboren, mit einer deutschen Frau verheiratet, aber in diesen Tagen kreisen seine Gedanken oft um die Familie, Freunde in Griechenland. Auch er „fürchtet“, dass Syriza gewinnt. „Es gibt für viele Menschen keine Alternative zu Syriza. Der frühere Mittelstand leidet unter den enormen Einschnitten und da kommt jemand wie Tsipras, der etwas Linderung verspricht.“ Karakizlis verfolgt griechische Medien, liest Umfragen, sammelt Eindrücke seiner Verwandten in einem nordgriechischen Dorf. „Der Landbevölkerung geht es derzeit besser als den Städtern. In den Dörfern tauschen die Menschen Waren und müssen nicht hungern“, so der Internist.

„Die meisten Griechen, die Tsipras wählen werden, sind keine Syriza-Anhänger. Das sind enttäuschte, frustrierte Bürger. Eine Wahl der Verzweiflung“, sagt der 27-jährige Giallouros. Die Tsipras-Wähler, die eigentlich keine Syriza-Anhänger sind, nie Sozialisten waren, wollen keine linke Regierung, sondern erhoffen sich einen Aufschwung, so der junge Arzt. „Am Ende werden sie aber folgendes feststellen: Tsipras wird nicht mal einen Bruchteil seiner Versprechen einhalten können.“

Tauziehen der linken Kräfte

„Auch wenn Tsipras selbst den Kurs seines Vorgängers weitergehen will, wird einen Tag nach der Wahl der radikale Teil der Partei ihn daran hindern“, meint Giallouros. Tsipras werde auf der einen Seite die EU-Auflagen befolgen wollen und müssen und auf der anderen Seite die sozialistischen, rückwärtsgewandten Kräfte in seinem Bündnis. Ziehen diese das Tau stärker, gerate Hellas ins Trudeln. Und dann käme das böse Erwachen. Ohne den Euro, ohne die EU gehe es nicht, betont der 27-Jährige.

Trotz der düsteren Prognosen, die er für sein Land hat, Eleftherios Giallouros möchte gern einmal zurückkehren. „Ich weiß, dass ich ökonomische Kompromisse eingehen müsste.“ Er wird zynischer: „Eine Rückkehr wäre eine sozialistische Entscheidung.“ Und dann berichtet er nachdenklich von dem schlechten Gewissen, das er manchmal habe. 300.000 Euro, so viel habe die Durchschnittsausbildung der Mediziner in seinem Jahrgang in Athen gekostet. So viel habe der griechische Staat in ihn investiert, habe er doch keine Studiengebühren und Lehrmaterialien zahlen müssen. Und nun habe er diesem Staat, der ihm ein gutes Studium ermöglicht habe, zunächst den Rücken gekehrt, weil er seine berufliche Zukunft, seinen Facharzt, im Blick habe.

Euro-Austritt undenkbar

„Die Jugend ist unsere Hoffnung“, sagt Areti Kelekidou (64). Sie kam vor 46 Jahren nach Deutschland. Die Marburger Rentnerin würde am Sonntag zur Mehrheit in Griechenland gehören: Sie würde Syriza wählen. Früher habe sie immer eine der beiden Volksparteien, mal die sozialdemokratische Pasok, mal die konservative Nea Dimokratia, befürwortet. „Doch die haben Griechenland kaputt gemacht“, sagt sie heute. Vetternwirtschaft, Korruption, falsche Ausgabenpolitik: All dies gehe auf das Konto der etablierten Parteien. Viele ihrer Verwandten und Freunde in Griechenland hungern und schämen sich zugleich, dies zuzugeben, berichtet Kelekidou. Auf den ersten Blick sehe man Armut in Griechenland nicht, die Menschen sind gastfreundlich wie immer.

Wer genauer hinschaut, sehe pure Not. „Meine Schwester läuft mit Watte im Mund herum, weil sie sich die Zahnarztbehandlung nicht mehr leisten kann“, erzählt die Marburgerin. „Ich habe zu Tsipras Vertrauen. Er ist jung und bietet die Chance für einen Neuanfang.“ Keiner müsse befürchten, dass der mögliche Wahlsieger Tsipras das Land von der EU abkoppele, im Gegenteil: Auch er werde mit der EU kooperieren, ist sich die Marburgerin sicher.

„Aber ganz wichtig ist, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt. Sonst sind wir ganz arm dran“, so die ehemalige Gastronomin. Griechenland importiere sehr viele Waren aus der EU, könnte diese gar nicht mehr mit einer schwachen eigenen Währung zahlen. „Tsipras will ja auch den Euro behalten, er will und wird auch Schulden zurückzahlen. Die Bedingungen dafür müssen nur geändert werden“, sagt sie.

von Anna Ntemiris

 
Hintergrund
Die Linkspartei Syriza um Alexis Tsipras (40) will einen Schuldenschnitt, das Ende des rigiden Sparkurses in Athen, einen Stopp der Privatisierungen. Bei der am Freitag veröffentlichten Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Marc im Auftrag des Privatsenders Alpha kam Syriza auf 32,2 Prozent der Stimmen. Die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia unter Premier Antonis Samaras lag bei 26 Prozent. Es folgen die Kommunisten und die pro-europäische Partei der politischen Mitte To Potami und die sozialdemokratische und einstige Volkspartei Pasok. Die rechtsradikale Goldene Morgenröte und die neue Partei Kidiso von Ex-Premier und Ex-Pasokchef Georgios Papandreou haben laut Umfragen keine Chance auf einen Einzug ins Athener Parlament. Möglich wäre, dass Syriza die absolute Mehrheit erringt. Denn der Erstplatzierte erhält – egal wie viel Prozent er erzielt – einen 50-Mandate-Bonus im 300 Sitze zählenden Athener Parlament. So sieht es das griechische Wahlrecht vor. Für den Einzug ins Parlament gilt eine Drei-Prozent-Hürde.
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