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Helfer wollen mehr Menschen betreuen

Flüchtlinge Helfer wollen mehr Menschen betreuen

Flüchtlingshelfer aus der Universitätsstadt sorgen sich angesichts sinkender Belegungszahlen in der Cappeler Erstaufnahmeeinrichtung um dessen 
Zukunft – und sie kritisieren die grundsätzliche Ausrichtung der Politik.

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Deutschlandweit sinkende Flüchtlingszahlen wirken sich auch auf Marburg aus: Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge entlang der Umgehungsstraße ist derzeit zu zwölf Prozent ausgelastet.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. In einem offenen Brief an Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker plädieren die Ehrenamtlichen auf einen dauerhaften Erhalt der Erstaufnahme entlang der Umgehungsstraße. „Standorte, die gut ausgestattet sind und durch den Einsatz von einer großen Zahl Ehrenamtlicher mitgetragen werden, so wie das in Marburg der Fall ist, sollten unbedingt erhalten bleiben“, heißt es von den Verfassern. Zu den Autoren zählen mehrere Sprachlehrerinnen, die Ombudsleute Shaima Ghafury und Karl Otto Beckmann sowie Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner.

Ihrer Ansicht zufolge sei in der Universitätsstadt „eine große Zahl ehrenamtlicher Helfer täglich im Einsatz und trägt wesentlich mit dazu bei, dass die Situation der geflohenen Menschen erträglich“ werde. Marburg stehe in der Flüchtlingsarbeit mit seinen Angeboten „vorbildlich da, wahrscheinlich bundesweit“. Seit mehreren Monaten zähle die Erstaufnahme aber nur noch wenige Bewohner. Die für weit mehr Menschen ausgelegten Kapazitäten würden „längst nicht genutzt“.

Nach europaweiten Grenzschließungen speziell entlang der sogenannten Balkanroute, sind die Flüchtlingszahlen in Hessen rapide gesunken: Im März kamen 1 700 Asylbewerber, im Januar waren es 6 800, im Folgemonat 5 200, teilte das Landessozialministerium mit.

Am Mittwoch gab die Landesregierung im Rahmen des neuen Standortkonzepts die Schließung der Notunterkünfte in Kirchhain, Wenkbach und Friedensdorf – in denen nach ihrer Einrichtung nie ein Flüchtling gelebt hat – bekannt.
Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer kritisieren diese Entwicklung: Während das Marburger wie auch andere Flüchtlingscamps nur gering belegt seien und die „reichlich vorhandenen Betreuungsangebote nicht genügend genutzt werden, drängen sich geflohene Menschen zum Beispiel in Griechenland unter unwürdigsten Bedingungen, werden festgehalten und abgeschoben. Das macht uns fassungslos.“

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) versteht den Appell; die Stadt mit ihrer Infrastruktur und den mehr als 1 000 Helfern sei „in der Lage, mehr Menschen aufzunehmen und zu unterstützen als zurzeit nach Marburg kommen“. Die Schließung der Balkanroute sieht er mit Sorge: „Wenn Menschen aus Kriegsgebieten flüchten und dann in Gebieten, in denen Frieden und Wohlstand herrscht, mit Grenzzäunen, teilweise mit Gummigeschossen und Wasserwerfern zurückgehalten werden, ist das nicht hinnehmbar.“

Zwei Millionen Euro für
 Kommunen im Landkreis

Aktuell sind nach Angaben des Regierungspräsidiums Gießen (RP) 105 Flüchtlinge in Cappel untergebracht. Im November 2015, dem Monat, in dem hessenweit am meisten Plätze belegt waren, befanden sich demnach mindestens 530, zur Spitzenzeit 636 Menschen im Marburger Camp.

Nach RP-Angaben bleibt Marburg einer von 19 hessischen Standorten, die eine Gesamtkapazität von 20 000 Plätzen vorhalten. Die auf dem ehemaligen Sportplatz gebauten Holzhäuser bieten Platz für mehr als 1 000 Menschen. Eine Vereinbarung zwischen Magistrat und Landesregierung besagt aber, dass nicht mehr als 864 Plätze gleichzeitig belegt werden – vor allem, um Familien eine gewisse Privatsphäre zu gestatten.

Auch mittelfristig ist laut Magistrat nicht davon auszugehen, dass sich an der Nutzung des Geländes etwas ändern werde. Sollte die Erstaufnahme irgendwann geschlossen werden, ist laut OB Spies eine Umfunktionierung der Holzhäuser zum Wohnquartier für Studierende oder „als Hilfe-Einrichtung für auf dem Wohnungsmarkt Benachteiligte denkbar“. Wie das genau umgesetzt werden könnte, werde „zu gegebener Zeit beraten“.

Eine Prognose, ob und wann die Flüchtlingszahlen wieder steigen und wie dies künftige Belegungszahlen auch in Marburg betrifft, ist nach Angaben von RP-Sprecherin Gabriele Fischer nicht möglich.

Die Landesregierung überweist indes 575 000 Euro an die Universitätsstadt. „Die Leistungen, die vor Ort erbracht werden und die Belastungen, die damit einhergehen, erkennen wir an: nicht nur in Sonntagsreden, sondern mit zusätzlichem Geld“, sagt Landesfinanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU). Die Stadt könne entscheiden, was sie benötigt – 
das Geld müsse nicht zweckgebunden für Flüchtlingsarbeit eingesetzt werden.

Möglich sind nach Angaben des Finanzministeriums etwa auch Investitionen in den Bau bezahlbarer Wohnungen, beispielsweise für Studierende oder kinderreiche Familien. Unterstützt würden auch der Ausbau der Ganztagsbetreuung an Schulen, die Sanierung von Straßen- und Gehwegen und der Bau von Radwegen sowie ebenso Investitionen in schnelleres Internet oder die Elektromobilität.

Im Landkreis bekommen darüber hinaus Stadtallendorf 576 000 Euro und Neustadt 1,2 Millionen Euro. Die Erstaufnahme in Gießen erhält mit der Summe von vier Millionen Euro den größten Anteil am 25-Millionen-Paket des Landes.

von Björn Wisker

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