Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Gewitter

Navigation:
Helfer stoßen an das Leistungslimit

Marburger Tafel Helfer stoßen an das Leistungslimit

Die steigende Zahl der Flüchtlinge in der Universitätsstadt belastet die Marburger Tafel. Immer mehr Bedürftige kommen in die Ernst-Giller-Straße, um Gratis-Lebensmittel zu erhalten. Nun ist das Maximum erreicht.

Voriger Artikel
Glasfaser lässt Internet sechsmal schneller werden
Nächster Artikel
Nordstadt-Verkehr behindert Pflegedienstarbeit

Freiwillige Helfer der Marburger Tafel sortieren Lebensmittel in dem Lager der Organisation.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Wir merken auf jeden Fall, dass Flüchtlinge kommen“, sagt Florian Berlinger, Sprecher der Marburger Tafel. Alleine seit Anfang Oktober seien mehr als 150 Flüchtlinge, die nicht in der Cappeler Erstaufnahme lebten, bei der Tafel aufgenommen worden.

Die Zahl an Menschen, die von der Organisation versorgt würden, sei in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. 2013 seien circa 1250 Bedürftige von den ehrenamtlichen Helfern versorgt worden, 2014 seien es 1375 gewesen und im Laufe dieses Jahres sei die Zahl bereits auf 1500 finanzschwache Menschen gestiegen – diese Summe ist Berlinger zufolge die Obergrenze. „Nur so viele können wir gleichzeitig versorgen, sodass wir die Rationen beibehalten. Die Menge bleibt bestehen, wir verkleinern die Rationen nicht und es geht auch kein Kunde leer aus“, erklärt er. Berlinger verweist auf eine Richtlinie die besagt, dass bei zu viel Andrang einige Kunden ein Jahr aussetzen müssten, sodass auch andere Bedürftige die Dienste der Tafel in Anspruch nehmen könnten. Das sei allerdings noch nicht eingetroffen.

Jedoch habe die Spendenbereitschaft in Marburg zuletzt abgenommen. „Es ist aber nicht klar, ob das mit dem Flüchtlingscamp zusammenhängt“, sagt Berlinger. Bei Supermärkten habe es sich eben etabliert, stärker zu rationieren. Von einem Lieferanten wisse er jedoch, dass er weniger an die ­Tafel spende, weil er mittlerweile direkt in die Erstaufnahme-Einrichtung liefere.

„Wir werden Arme nicht gegen Arme ausspielen“

Die Tafel in der Universitätsstadt hat Berlinger zufolge derzeit rund 190 ehrenamtliche Helfer, diese seien seit Beginn der Flüchtlingskrise nicht weniger geworden. „Es kommen eher mehr“, sagt er.

Die Flüchtlings-Zahlen verschärfen die Arbeit der Tafeln deutschlandweit. Zusätzlich zu rund 1,5 Millionen Menschen, die auf Lebensmittelausgaben des Vereins angewiesen sind, kommen derzeit mehr als 200 000 Flüchtlinge. Der Tafel-Bundesverband hat die Regierung nun erstmals in seiner 20-jährigen Geschichte um finanzielle Hilfe gebeten. „Wir brauchen dringend Unterstützung“, sagt der Vorsitzende Jochen Brühl.

Neben Sprachschwierigkeiten gebe es bei den Ehrenamtlichen auch Unsicherheit im Umgang mit Traumatisierten. Um die Situation zu verbessern, seien Schulungen und Dolmetscherdienste nötig.

Ängste, weniger Essen zu bekommen, besorgen Tafelmitarbeitern zufolge die bisherige Klientel: Alleinerziehende, Rentner und kinderreiche Familien. Mehr als die Hälfte der Kunden bezieht nach Bundesverbands-Angaben Hartz IV, rund je ein Viertel sind Rentner, Kinder und Jugendliche. Das Flüchtlingsthema dürfe herkömmliche Formen der Armut nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängen. „Wir werden nicht Arme gegen Arme ausspielen“, sagt Brühl.

 von Björn Wisker
und Rike Werner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr