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Helfer sollten Alternativen zum Suizid aufzeigen

Palliativmedizin Helfer sollten Alternativen zum Suizid aufzeigen

Er ist ein Gegner jeglicher Lebensverkürzung und weist auf die vielfältigen Möglichkeiten der Palliativmedizin hin: Dr. Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung.

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Dr. Thomas Sitte.

Quelle: Björn-Uwe Klein

Marburg. Thomas Sitte (57), der als Palliativmediziner in einem Hamburger Kinderhospiz arbeitet, ist ein streitbarer Mensch. Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) lehnt er strikt ab. Ebenso die organisierte Beihilfe zum Suizid. Seinen Standpunkt verdeutlichte Sitte in einem Vortrag, zu dem 60 Interessierte ins Gemeindehaus St. Peter und Paul gekommen waren. Eingeladen hatte der Förderverein des Ambulanten Malteser Hospiz- und Palliativ-Pflegedienstes.

Knapp ein Drittel der Anwesenden gab auf Nachfrage von Sitte per Handzeichen zu erkennen, in der Hospiz- und Palliativ-Arbeit tätig zu sein. Der Referent räumte zunächst mit einem Irrtum auf. Aktive Sterbehilfe sei in der Bundesrepublik Deutschland nicht erst seit kurzem verboten, sondern bereits seit 1949. Passive Sterbehilfe auf Wunsch des Patienten sei erlaubt, allerdings nicht in geschäftsmäßiger Form. Diese sei im vergangenen Jahr per Gesetz verboten worden.

Generell stuft die Palliativstiftung den Begriff „Sterbehilfe“ als beschönigend und daher problematisch ein. Sitte wünscht sich eine gesellschaftliche Debatte, in welcher der Fokus nicht auf Lebensverkürzung, sondern auf den „palliativen“, also den leidenslindernden Möglichkeiten der Medizin liegt. Nahezu alle Leiden ließen sich lindern. Laut einer Umfrage von Mai 2015, vorgenommen unter 42 Palliativmedizinern, habe es bei 8000 gestorbenen Palliativpatienten keinen einzigen auf unbehandelte Symptome zurückgehenden Suizid gegeben. „Wir als Partner und Helfer sollten ein Klima schaffen, in dem geredet wird“, betonte Sitte. „Alternativen zum Suizid aufzeigen“, darauf komme es an. Sitte wollte zwar nicht ausschließen, dass es Fälle gebe, in denen die Palliativmedizin an ihre Grenzen gerate und Suizidassistenz als einzige Lösung im Sinne des Patienten erscheine. Dies aber seien Einzelfälle. Und sie seien so selten, dass es dafür keines Gesetzes in Richtung organisierter Suizidassistenz bedürfe.

Die Beispiele Belgien, Niederlande, Luxemburg und Schweiz zeigten, dass entsprechende Angebote in Sachen aktiver Sterbehilfe beziehungsweise organisierter „Suizidassistenz“ auch zu einer höheren Inanspruchnahme dieser Möglichkeiten führten - mit fatalen Folgen für das gesellschaftliche Klima.

Problematischer Begriff „Freitod“

Denn der Grat zwischen der eigenen Entscheidung zum Tod und der Fremdbestimmung in dieser Frage sei sehr schmal. Wo erst einmal Sterbehilfe oder organisierte Suizidassistenz möglich sei, werde kranken Menschen das Weiterleben häufig ausgeredet. Deshalb sei auch der Begriff „Freitod“ problematisch. Und die Argumente, die von den Befürwortern organisierter Suizidassistenz oder Sterbehilfe in Talkshowdebatten vorgebracht würden, seien die gleichen, mit denen die NS-Euthanasie begründet worden sei.

Was aber, wenn ein Mensch jegliche weitere Behandlung ablehnt und sterben möchte? Dann, so Sitte, sei es zum Beispiel immer noch ein „himmelweiter Unterschied“, ob man jemandem eine Todesspritze gebe, also die verbotene aktive Sterbehilfe leiste, oder auf Verlangen so lange Schlafmittel, bis der Tod durch Verhungern oder Verdursten eintrete.

„Wo ist der Unterschied?“, lautete eine Frage aus dem Publikum. Sitte erklärte, dass nicht die Schlafmittel zum Tod führten. Der Tod trete ein, weil der Patient aus eigener Entscheidung auf etwas verzichte - und nicht, weil er vergiftet werde.

von Björn-Uwe Klein

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