Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Helfer lehren, Trauer zu ertragen

Begleitung Helfer lehren, Trauer zu ertragen

Seit zehn Jahren bietet die Trauergruppe Emily Kindern, Jugendlichen und deren Angehörigen Beratung, Trauerbegleitung und einen Raum, um mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen umzugehen.

Voriger Artikel
Wasserrecht: Naturschützer verbuchen Erfolg
Nächster Artikel
An der Seite von Single-Eltern

Trauerarbeit in Gesprächskreisen und in persönlichen Gesprächen: Die Betreuer der Trauergruppe Emily, Pfarrer Armin Wehrmann und Lehrerin Heather Unway, stehen in Wehrda Menschen bei, die geliebte Angehörige verloren haben. Foto: Ina Tannert

Marburg. Ein Tag im Jahr 2002 veränderte alles im Leben von Heather Unway und ihrer Familie. Es war der Tag, als sie erfuhr, dass ihre 17-jährige Tochter Emily bei einem Autounfall in Spanien - im lange herbeigesehnten Urlaub - gestorben war. Die Tragödie kam plötzlich, der Schmerz, die Trauer wollten lange nicht weichen.

Die Familie suchte Halt und Hilfe in den USA, wo sie zeitweise lebte. In einem Zentrum für trauernde Kinder lernten die Unways mit ihren Gefühlen umzugehen und ebenfalls Verständnis für die Trauer der Anderen zu entwickeln. Dieses Erlebnis wollte Heather Unway nach ihrer Rückkehr nach Marburg an andere Betroffene weitergeben. Sie absolvierte einen Vorbereitungskurs als Hospizhelferin bei den Johannitern und fand in Pfarrer Armin Wehrmann einen Gleichgesinnten, dem das Thema Trauern für Kinder ebenso wichtig war.

2004 gründeten sie die „Trauergruppe Emily“, die bis heute Zuspruch zahlreicher Betroffener findet. „Meiner verstorbenen Tochter war es immer wichtig, anderen Menschen helfen zu können“, sagt Heather Unway. Daher trägt die Trauergruppe ihren Namen als Symbol für die Hinwendung zum Leben nach einem schweren, tragischen Verlust. Ziel ist es Menschen und Angehörige jeden Alters, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, zu helfen, mit ihrer Trauer und der von anderen Angehörigen umzugehen.

Alle 14 Tage treffen sich im Gemeindehaus der evangelischen Martinskirche in Wehrda die verschiedenen Trauergruppen, begleitet werden sie dabei von vier ehrenamtlichen Betreuern. Innerhalb der Gruppen finden zu jedem Treffen gemeinsame Gespräche oder Aktivitäten wie Kochen oder Ausflüge statt.

Für Kinder und Jugendliche stellt die Einrichtung ein offenes Gruppenangebot, in dem sie ihre Trauer auf individuelle Art und Weise verarbeiten können. Dies geschehe nicht im Sinne eines therapeutischen Stuhlkreises, in dem nur über Verstorbene oder gezielt über Gefühle gesprochen werde, erklärt Wehrmann. Die Räumlichkeiten der Gemeinde bieten viel eher eine Vielzahl verschiedenster „Plattformen“ für eine individuelle Umgangsweise mit dem eigenen Verlust. „Dass Kinder trauern, wird oft vergessen oder übersehen“, sagt Unway. Von Kindern werde bei einem Todesfall häufig zu viel erwartet und den Jüngsten eine zu hohe Verantwortung übertragen. Typische, eher lapidar daher gesagte Verpflichtungen wie „du musst jetzt auf deine Mutter, deinen Vater aufpassen“ oder „du bist jetzt der Mann in der Familie“, seien nach Ansicht der Experten „ein Graus“.

Daher versuchen sie ebenfalls ein Bewusstsein für kindliche Trauer zu vermitteln.

Für Erwachsene sei die Trauerarbeit eines Kindes nicht immer ersichtlich oder verstörend. „Viele wissen nicht mit der kindlichen Wut, Aggression, Rückzug und anderen Auffälligkeiten umzugehen, die auf einen Todesfall folgen können.“ Dabei seien bestimmte Verhaltensweisen ganz normal, sagt Wehrmann. „Kinder trauern einfach anders als Erwachsene. Es gibt kein Rezept für die Trauer“, betont Unway. Es sei daher nicht verwerflich, wenn ein Kind, dass ein Elternteil verloren habe, auf eine Party gehe, Fußball spiele, laut lache. „Spielen und trauern heben sich nicht gegenseitig auf“, sagt Unway.

In den Räumen der Trauergruppe gibt es daher neben mehreren vornehmlich ruhigen Räumen, ebenfalls bunte Tobe- und Spielzimmer, einen Musikbereich, eine Werkstatt und nicht zuletzt einen massiven Boxsack, an dem jeder aufkommende Aggressionen als Teil seiner Trauer offen ausleben kann.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Trauerbegleitung ist die Gruppe, in der die Kinder Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig stützen können, um nicht alleine mit dem Verlust eines Angehörigen dazustehen.

Für die Erwachsenen findet parallel zur Jugendgruppe stets ein begleitender Gesprächskreis statt, in dem die Angehörigen Halt und Trost finden können, sich in einer geschützten Umgebung mit der eigenen Trauer auseinandersetzen können und in der auch „Unaus-sprechliches gesagt oder Unfassbares gedacht werden darf“. Dabei ist kein Teilnehmer verpflichtet etwas zu sagen oder über seinen Verlust zu sprechen. Es gilt die goldene Regel: Alles was während eines Treffens gesagt wird, bleibt innerhalb der Gruppe. Zu ihrem eigenen Schutz entscheiden die Kinder selber, ob und was sie ihren Familien aus den Jugendgruppen erzählen und was nicht.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr