Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Helfer empfangen Freiwillige mit offenen Armen

Neue Arbeitsfelder Helfer empfangen Freiwillige mit offenen Armen

Dass die Schließung der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Cappel ein Schlag ins Gesicht der ehrenamtlichen Helfer sei, wie es OB Dr. Thomas Spies (SPD) äußerte, können mehrere Hilfsorganisationen nicht nachvollziehen.

Voriger Artikel
Geschichte zum Sehen und Anfassen
Nächster Artikel
Signal zu Kompromiss im Gebührenstreit

Das Deutsche Rote Kreuz hat die Kleidungsausgabe an Flüchtlinge in Cappel organisiert. Auch nach der Schließung des Camps habe der DRK-Verband Bedarf an ehrenamtlichen Helfern, erklärte der Vorstand.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Marburg. Der offene Brief der ehrenamtlichen Helfer, die die Schließung des Flüchtlings-Camps kritisierten und die aktuelle öffentliche Debatte rufen Reaktionen bei den örtlichen Gruppen mehrerer Hilfsorganisationen hervor. „Wenn wir hören, dass Marburger beklagen, dass sie sich nicht mehr engagieren können, dann kann ich nur sagen: Kommt zu uns.

Uns fehlen überall ehrenamtliche Kräfte“, sagt Jörg Linne vom Technischen Hilfswerk (THW). Offenbar gerate in Vergessenheit, dass dem THW oder anderen Katastrophen- und Hilfsorganisationen ehrenamtliche Helfer fehlen, sagt er.

Ähnlich äußert sich auch der Feuerwehr-Kreisverbandsvorsitzende Lars Schäfer. „Es entsteht in der öffentlichen Diskussion das Bild, dass für die Flüchtlingshelfer keine Arbeit mehr da ist. Es gibt doch so viele Institutionen, die soziale Arbeit leisten und dringend weitere Helfer benötigen“, sagt Schäfer.

Feuerwehr-Vereine sollten auch verstärkt Zugewanderte integrieren – in diesem Zuge würden auch Menschen benötigt, die vermitteln und Erfahrungen in Integrationsarbeit haben. „Wir haben in den vergangenen Jahren den Fehler gemacht, dass wir nicht das Sprichwort: ,Tue Gutes und rede darüber‘ beachtet haben“, so Schäfer.

Über Jugendfeuerwehren kommt zu wenig Nachwuchs

Seitdem es keine Zivildienstleistenden mehr gibt, fehlen noch mehr Nachwuchskräfte. Oft sei der Zivildienst der Einstieg für ein späteres Ehrenamt gewesen, so Linne. „Bei uns kann jeder anfangen, es muss keine Vorkenntnisse geben. Wir bringen die Kenntnisse bei“, ergänzt er. „Wir sind auf Quereinsteiger angewiesen.

Über die Jugendfeuerwehren kommt zu wenig Nachwuchs“, sagt Schäfer. Wenn nur zehn von tausend Flüchtlingshelfern in Marburg – diese Zahl nannte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies – sofort eintreten würden, wären Linne und Schäfer schon froh.

Christian Betz, Vorstand des DRK, Kreisverband Marburg-Gießen, sagt: „Auch wir finden es bedauerlich, dass sich die vielen Ehrenamtlichen zukünftig im Camp Cappel nicht mehr engagieren können, aber die Flüchtlingshilfe unterliegt ständigen Veränderungen. Unser Kreisverband hat auf diese Änderungen reagiert und neue Projekte ins Leben gerufen.“

Dazu gehöre zum Beispiel das Patenschaftsprogramm, in dem das DRK Flüchtlinge und Ehrenamtliche zusammenbringe. „Wir würden uns freuen, wenn dort der eine oder andere ein neues Betätigungsfeld finden könnte. Alternativ bietet auch der Bereich Katastrophenschutz immer eine Möglichkeit, sich zu engagieren“, so Batz.

Um eine politische Kommentierung der Camp-Schließung geht es ihnen nicht, betonen die Vorstände.

„Camp-Schließung ist 
nur konsequent“

Aus dem bürgerlichen politischen Lager kommt unterdessen Kritik: CDU und FDP können den Brief von Oberbürgermeister Spies an Hessens Ministerpräsident nicht nachvollziehen.
Angesichts der deutlich rückläufigen Flüchtlingszahlen „ist die Schließung des Camps folgerichtig“, heißt es aus der Marburger CDU.

Das Ganze sei sogar ein positive Entwicklung, da die nunmehr eintreffenden Flüchtlinge viel schneller eine „regelhafte Unterbringung erfahren und sich die Wartezeiten in den provisorischen Unterkünften deutlich verkürzen“.

Im Übrigen entspreche „die Rückkehr von der Ausnahmesituation in die Regelsituation auch den Absichtserklärungen zu Beginn der Flüchtlingskrise, als das Camp in Cappel unter hohem Zeitdruck entstanden ist“, sagt Parteichef Dirk Bamberger.

Die FDP sieht das ähnlich. „Die Schließung ist nur konsequent“, kommentiert die FDP. Es dürfe nicht vergessen werden, dass die Erstaufnahmeeinrichtung immer nur eine vorübergehende Einrichtung sein sollte und so auch damals den Cappelern kurzfristig kommuniziert wurde.

Hohes Versorgungsniveau nicht künstlich aufrechterhalten

Daran ändere auch die in Eigeninitiative der Stadt errichteten Holzhäuser und das gekaufte Portal Gisselberg nichts. „Flüchtlinge können doch kein Selbstzweck für die Stadt Marburg und einige Beteiligte sein“, sagt FDP-Parteichef Christoph Ditschler. Die Marburger Bürgerliste (MBL) argumentiert ähnlich: „Wie man in Zeiten der Not der Situation Rechnung tragen muss, gilt es auch im Fall der Normalisierung, der geänderten Lage wieder gerecht zu werden“, sagt Dr. Götz Schönherr.

Das hohe Versorgungsniveau für Flüchtlinge solle nicht „künstlich aufrechterhalten werden“.

OB Spies habe „nichts verstanden“, wenn er in seinem Brief an die Landesregierung von einem Schlag ins Gesicht der engagierten Marburger schreibe. Wenn im Rahmen eines Gesamtkonzepts des Landes die Entscheidung falle, die Erstaufnahme zu schließen, so könne man nicht argumentieren, das sei ein Schlag ins Gesicht der für die Flüchtlingshilfe engagierten Menschen.

„Es ändert sich nur die Problemstellung, und man muss sich der neuen Situation mit ihren neuen Anforderungen stellen“, heißt es von der MBL. Denn nun sei die Zeit gekommen, diejenigen zu integrieren, die hier sind oder ihnen, sofern sie wollen, bei der Rückkehr nach Hause zu helfen.

von Anna Ntemiris 
und Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr