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Helfer der Vergessenen

Biografie von Tom Mutters Helfer der Vergessenen

Pionier, Held, Visionär: Für Tom Mutters gibt es viele Bezeichnungen. Wenige Monate nach seinem Tod ist eine Biografie über den Gründer der Lebenshilfe erschienen. Eine Rezension.

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Tom Mutters starb am 2. Februar 2016.

Quelle: Michael Bause

Marburg. Tom Mutters war für viele ein Held. Nach den schrecklichen Euthanasie-Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus gab er Menschen mit Behinderung eine Stimme und setzte sich zeitlebens dafür ein, dass sie einen Platz in der Gesellschaft bekamen.

In Kooperation mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe hat der Daedalus-Verlag nun eine Biografie mit dem Titel „Tom Mutters: Pionier - Helfer - Visionär“ herausgebracht. Auf 152 Seiten gehen die Autoren Markus Becker und Klaus Kächler, angefangen bei Mutters Kindheit in Amsterdam, auf die wichtigsten Stationen in seinem Leben ein.

Angereichert sind die Texte mit alten Bildern und Zitaten aus Gesprächen mit Tom Mutters. „Ich wollte den Menschen helfen“, wird er zitiert, als er über seinen Einsatz im Kindersuchdienst der Internationalen Refugee Organisation (IRO) berichtet, über den er 1949 nach Marburg kommt.

Die im Zweiten Weltkrieg kaum zerstörte Stadt an der Lahn ist damals Hafen für Flüchtlinge und Vertriebene. Als „Child Search Officer“ ist Mutters dafür verantwortlich, verwaiste Kinder in Flüchtlingsheimen zu identifizieren und nach ihren Familien zu suchen. In Marburg lernt er auch seine Frau Ursula kennen, eine Frau, ohne die „das Lebenswerk, das untrennbar mit dem Namen Mutters verbunden ist, nicht denkbar“ wäre. Nach ihrer Heirat im Jahr 1951 zieht das junge Ehepaar zunächst nach Goddelau im Kreis Groß-Gerau und kümmert sich dort um eine Gruppe geistig und mehrfach behinderter Flüchtlingskinder.

„Diese Kinder waren die Vergessenen, die einfach Beiseitegeschobenen, ohne Rechte“, so Mutters. „Ich wollte und musste versuchen, für sie und darüber hinaus für andere Menschen mit geistiger Behinderung die Anerkennung der Menschenrechte einzufordern.“

Mutters integrierte Behinderte in den Alltag

Damals wurden Menschen mit geistiger Behinderung als „Deppen“ und „Idioten“ bezeichnet, die als unheilbar krank galten und weggeschlossen werden sollten. Doch Mutters ermöglicht es ihnen, eine neue Welt kennenzulernen.

Lebendig schildern die Autoren, wie er einen Spielplatz vor der Anstalt bauen lässt und Räder unter die Patientenbetten montiert, so dass selbst die gelähmten Kinder auf die Terrasse gefahren werden konnten. Auf diese Weise werden sie erstmals von den Menschen wahrgenommen - auch weit über die Stadtgrenzen Goddelaus hinaus. Immer wieder macht Tom Mutters in Zeitungs- und Medienberichten auf die Probleme behinderter Kinder aufmerksam.

Auch eine schwedische Theologiestudentin erfährt von Mutters und seinem Einsatz für die Kinder. Kerstin Bjerre hospitiert mehrere Monate bei ihm und ist so ergriffen von seinem Umgang mit geistig behinderten Kindern, dass sie, zurück in ihrem Heimatland Schweden, um Unterstützung von Mutters Vision wirbt, ein kleines familienorientiertes Heim in Marburg zu gründen.

Trotz Widerstand wird 1964 das Kerstin-Heim gegründet

1964 soll sein Wunsch in Erfüllung gehen: Das Kerstin-Heim wird gegründet - nicht ohne Widerstand aus dem Kreise vermeintlicher Unterstützer. Leiter des Heimes, wie es zunächst angedacht war, wird Mutters allerdings nie. Etwas anderes bahnt sich an.

1958 schreibt er sich für das Fach Psychologie an der Philipps-Universität Marburg ein und setzt sich fortwährend dafür ein, dass behinderte Kinder statt in einer Anstalt, wie damals üblich, im familiären Umfeld aufwachsen oder in kleinen Wohngruppen betreut werden.

Darüber hinaus war es sein Wunsch, geistig behinderten Kindern dieselben Hilfen anzubieten, die sie für ihre Entwicklung brauchen wie nichtbehinderte Kinder, also Kindergärten und Schulen.

Am 23. November 1958 gründet er zusammen mit 15 Fachleuten und Eltern die Lebenshilfe in Marburg als Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e.V. 1974 weiht die Lebenshilfe einen großen Neubau in Cappel ein. Im Januar 2006 richtet die Bundesvereinigung Lebenshilfe ein Hauptstadtbüro ein, die Bundesgeschäftsstelle Berlin wird im April 2009 eröffnet.

„Werte, die heute in den Begriffen ‚Inklusion‘ und ‚Teilhabe‘ ausgedrückt werden, waren von Anfang an in ihm drin“, ist sich Markus Becker sicher. Eigentlich wollte er nur eine Reportage über eine Behindertenwerkstatt in Wetzlar schreiben, damals, 2008, als die Lebenshilfe ihr 50-jähriges Jubiläum feierte. Doch dann lernte Becker den Gründer des Hilfswerks für Menschen mit geistiger Behinderung persönlich kennen.

Biografie basiert auf Gesprächen und Zeitzeugen

„Ein charismatischer Mann, immer positiv gestimmt“, erinnert er sich. Fünf Jahre später, Becker ist inzwischen Leiter der Lokalredaktion Marburg im MAZ-Verlag, möchte er ein Portrait über Mutters schreiben. „Während unseres Gesprächs, an dem auch seine Frau teilnahm, wurde schnell klar, dass daraus mehr werden sollte als eine Zeitungsseite.“

Die biografischen Kapitel über Tom Mutters‘ Leben wechseln sich mit Beiträgen von Zeitzeugen ab. Zum Beispiel von Klaus Lachwitz, ehemaliger Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe und seit 2010 Präsident von „Inclusion International“. Er bewundere Mutters dafür, dass er „mit seinen Gedanken und Plänen seiner Zeit immer ein Stück voraus“ war.

1964 AKtion Sorgenkind auf den Weg gebracht

Die Behindertenbeauftragte der Hessischen Landesregierung, Maren Müller-Erichsen, hebt die Bedeutung der „Aktion Sorgenkind“ hervor, die Mutters 1964 gemeinsam mit dem ZDF auf den Weg gebracht hat und heute eine der größten und erfolgreichsten Soziallotterien der Welt ist. Mit diesen Sendungen sei das Thema Behinderung erstmalig in den Medien enttabuisiert worden. Ohne sie hätten „viele, viele Projekte und Einrichtungen nicht verwirklicht werden können“.

Auch sein Schwiegersohn, Modedesigner Guido Maria Kretschmer, kommt in dem Buch zu Wort. „Er war es, der seinen Sohn Frank und mich dazu ermutigte, eine eingetragene Partnerschaft und damit eine vor dem Gesetz gültige Verbindung, einzugehen“, schreibt er. „Es war sein Wunsch: ‚Vor dem Hintergrund unserer Geschichte erleben zu dürfen, dass dies möglich ist, erfüllt mich mit Freude und Zuversicht‘.“ Tom Mutters starb am 2. Februar 2016 im Alter von 99 Jahren in Marburg.Doch sein Erbe lebt weiter.

  • Das Buch „Tom Mutters: Pionier - Helfer - Visionär“ von Markus Becker und Klaus Kächler ist im Daedalus-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

von Ruth Korte

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