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Helfende Hände in Finanznot

Bund setzt Rotstift an Helfende Hände in Finanznot

„Ohne Valentina wäre ich verloren.“ Der 88-jährigen Edith Jung kullern Tränen über die Wange. Die Frau vom Richtsberg wüsste nicht, wie sie den Alltag ohne die „Helfende Hand vom Berg“ bewältigen soll. Allerdings: Ende des Jahres soll Schluss sein.

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Stolze Preisträger: Im historischen Rathaussaal übergeben die Vertreter der „Helfenden Hände vom Berg“ die Urkunde an Oberbürgermeister Egon Vaupel und Bürgermeister Franz Kahle. Ob das Sozial-Programm noch einmal einen Preis erhalten wird, das steht in den Sternen.

Quelle: Carsten Bergmann

Marburg. Es ist eine etwas skurrile Veranstaltung im historischen Rathaussaal. Anfang diesen Jahres wurde das Projekt, das von der Bürgerinitiative für Soziale Fragen (BSF) koordiniert und eng mit Partnern vor Ort wie AWO und Alzheimergesellschaft umgesetzt wird, mit einem begehrten Preis ausgezeichnet. Wegen des vorbildlichen und innovativen Engagements bekam das Team um Geschäftsführerin Karin Ackermann-Feulner die Urkunde „Preis Soziale Stadt 2012“ überreicht. Voller Stolz gab es die Ehrung an Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) weiter.

Allerdings: Trotz aller Verdienste ist mit dem gekrönten Projekt Ende des Jahres Schluss. Die Finanzierung mit Bundesmitteln läuft aus. Das Team vom Richtsberg wird noch bis Ende 2013 aus den Töpfen vom bundesweiten Projekt „Soziale Stadt“ unterstützt. Das Ministerium von Peter Ramsauer (CSU) kürzte die Mittel um die Hälfte und übernimmt nur noch die Kosten für Investitionen.

„Das heißt: Ein neues Haus könnte die Bürgerinitiative mit Fördergeldern bauen. Es aber mit Leben füllen, nicht“, sagt OB Egon Vaupel und kritisiert scharf die Politik in Berlin. „Diese Entscheidung ist politisch idiotisch. Die Entscheidungsträger wissen nichts von den Bedürfnissen in der Stadt.“

Gerade im Brennpunkt Richtsberg mit seinem multikulturellen Erscheinungsbild habe die Initiative die so oft geforderte Integration gelebt. Viele Nationen kommen in dem größten Stadtteil Marburgs, der offiziell zur Kernstadt zählt, zusammen. Anonymität bestimmt in den großen Häusern das Leben. Nebeneinander statt miteinander. Der Richtsberg gilt oft als erster Berührungspunkt für Migranten, die nach Marburg kommen. „Der Stadtteil wird von außen anders gesehen wie er von innen gelebt wird“, sagt Vaupel. Er muss es wissen, hat er doch mehr als 20 Jahre dort gewohnt, gelebt, Eindrücke gewonnen.

Die „Helfenden Hände“ kommen aus diesem Umfeld. Sie kennen ihren Richtsberg, oder „Ritchie“, wie sie ihn auch gerne nennen. Vor allem aber wissen sie um die Bedürfnisse der Anwohner. Insgesamt 30 Marburger wurden von der BSF für das Sonderprojekt ausgebildet. In einem fünfstufigen Programm entwickelte die Initiative den Ansprüchen der Anwohner entsprechende Leistungen. Das beinhaltet neben Sprachtraining und kulturellem Austausch auch die individuelle Schulung der Helfer auf dem Gebiet Altenpflege. 30 Marburgern wurde somit eine Perspektive geboten. Viele fanden auch dank der Ausbildung neue Arbeitsstellen. „Das ist ein wichtiger Schritt für Integration und Inklusion“, sagt Shaima Ghafury, die Projektkoordinatorin.

Michael Junk, Sohn von Edith, wohnt seit 1970 am Richtsberg. Als seine Mutter krank wurde, etliche Operationen über sich ergehen lassen musste, suchte der Sohn Hilfe. Die Doppelbelastung mit Beruf und Pflege der Eltern, das gibt Michael Junk offen zu, hätte er alleine nicht schaffen können. „Das war nur mit Hilfe der Helfenden Hände möglich“, sagt er.

Es seien nicht die großen Dinge, die entscheiden. Die vielen kleinen - sei es der Einkauf, seien es Sachen vom Boden aufzuheben oder aus den oberen Regalen zu holen oder sei es, einfach nur jemandem zum Reden zu haben - machen den Unterschied, erhöhen die Lebensqualität, sagt er.

Wie aber soll es nun weitergehen? Aktuell sind 20 Helfer aktiv im Dienst, kümmern sich um rund 20 Hilfsbedürftige vom Richtsberg. Außerdem helfen sie in Einrichtungen der AWO und dem Roten Kreuz. Die BSF-Geschäftsführerin hat eine erste Idee. „Wir werden in diesem Jahr 40 Jahre. Wir bitten alle, uns keine Geschenke zu geben, sondern für dieses Projekt zu spenden, damit wir es am Leben erhalten können“, sagt Karin Ackermann-Feulner.

Der Rahmen ist überschaubar. Rund 18000 Euro kostet das gesamte Projekt pro Jahr. Vom Land kamen in der bisherigen Laufzeit von vier Jahren 40000 Euro an Fördergeldern. „Mit weniger als 100000 Euro haben wir ein so tolles Projekt gestemmt. Das muss weitergehen“, sagt Vaupel. Von der Stadt, so verspricht auch Bürgermeister Franz Kahle, ist die Unterstützung sicher.

Die BSF hat noch eine zweite Karte, auf die sie setzt: die Politik, besonders in Zeiten der Bundestagswahl. Wie wenig Rückendeckung die Änderung der Förderrichtlinien hat, das zeigt die Resonanz des Bündnisses „Soziale Stadt“. In Marburg schlossen sich Bürgermeister aus zahlreichen hessischen Städten und Gemeinden über Parteigrenzen hinweg zusammen, um gegen die Vorgaben aus Berlin ein Zeichen zu setzen und für den Erhalt der Förderungen einzutreten.

„Die Bürgerinitiative hilft dann, wenn Hilfe gebraucht wird. Wir möchten gute Nachbarschaften“, sagt Egon Vaupel. „Keine neugierigen, sondern aufeinander achtende Nachbarschaften.“ Das müsse unterstützt und gefördert werden. Und wie diese Arbeit aussehen sollte, dazu gebe es „kein besseres Beispiel als die Helfenden Hände“. Sätze, die Edith Jung gerne hört. Sie schöpft Hoffnung. Verliert ein wenig die Angst. „Ich freue mich jeden Tag, wenn Valentina kommt. Sie macht mein Leben schöner. Ohne sie, das will ich mir nicht vorstellen.“

von Carsten Bergmann

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