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Heißt Hilfe in Not auch Hilfe zum Tod?

Sterbehilfe-Diskussion Heißt Hilfe in Not auch Hilfe zum Tod?

Im November will der Bundestag ein Gesetzespaket zur Sterbehilfe sowie Palliativ- und Hospizversorgung verabschieden. Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand informierte und diskutierte darüber in Kirchhain.

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Bundestagsabgeordneter Michael Brand, Koordinator der CDU/CSU-Fraktion zum Gesetzentwurf zur Sterbebegleitung, sprach vor und mit etwa 50 Teilnehmer in Kirchhain über ethische und rechtliche Grenzfragen der Sterbehilfe.

Quelle: Manfred Schubert

Kirchhain. Ab dem 21. September sollen die parlamentarischen Anhörungen zu dem neuen Gesetzespackt stattfinden. „Dass wir alle sterben müssen, das wissen wir. Dass wir am Ende des Lebens womöglich schwerkrank leben und leidensvoll sterben müssen, stellen immer mehr Menschen in Frage. Gibt es Situationen am Lebensende, in denen es geboten erscheint, angesichts einer ausweglosen Krankheit etwa, das Sterben selbst in die Hand zu nehmen?“, fragte Dekan Hermann Köhler einleitend.

Gäste bringen sich mit Beiträgen ein

Der Evangelische Kirchenkreis Kirchhain hatte zu einem Vortrag und einer Diskussion über ethische und rechtliche Grenzfragen zur Sterbehilfe unter dem Titel „Heißt Hilfe in der Not auch Hilfe zum Tod?“ eingeladen. Etwa 50 Teilnehmer waren ins Evangelische Altenhilfezentrum Haus Elisabeth gekommen, eine Reihe von ihnen brachte sich mit zum Teil sehr persönlichen Beiträgen ein.

So berichtete ein Mann, dass die letzten zwei Lebensjahre mit seiner krebskranken Frau, die er während sechs Chemotherapien und schließlich beim Sterben begleitete, die schönsten zwei Jahre ihrer Ehe gewesen seien. Sehr wichtig dabei sei die angebotene Unterstützung gewesen, auch wenn er sie letztlich nicht gebraucht habe: Mehrere Ärzte hätten ihm ihre Privatnummern für den Notfall gegeben, Vertreter des Hospizes seien von allein zu ihnen gekommen.

Die engagierte Beteiligung des Publikums war ganz im Sinne des Referenten, des CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand aus Fulda, der betonte, man brauche eine breite Diskussion in der Gesellschaft zu diesen Themen. Daher habe sich der Bundestag auch von vornherein viel Zeit genommen, um seit eineinhalb Jahren die Neuregelungen zu Sterbehilfe und Sterbebegleitung sowie Palliativ- und Hospizversorgung vorzubereiten, unabhängig von Koalitionen und Fraktionen.

Mittlerweile liegen vier verschiedene Gesetzentwürfe vor, die von einem völligen Verbot bis zu einer geregelten Freigabe von Beihilfe zum Suizid reichen. Brand gehört einer fraktionenübergreifend zusammengesetzten Gruppe an, die einen mittleren Weg beschreitet und bisher die meisten Unterstützer unter den Abgeordneten hat. Die Beihilfe zur Selbsttötung soll demnach straffrei bleiben, lediglich die geschäftsmäßige, organisierte Suizidbeihilfe, will man verbieten. Das sei dann der Fall, wenn Sterbehilfevereine oder Einzelpersonen den so genannten „assistierten Suizid“ in einer Form anböten, die auf Wiederholung ausgelegt sei, erläuterte Brand den von ihm mitentwickelten Entwurf.

Köhler hatte eingangs darauf hingewiesen, dass es bereits ausführliche Stellungnahmen der evangelischen Kirche zu dem Thema gebe. „Wenn wir uns als Kirche mit dem Thema beschäftigen und öffentlich dazu äußern, tun wir das nicht als Wächter, die von oben herab Menschen bevormunden wollen, wie sie leben oder sterben sollen. Wir tun das als Teil einer demokratischen Zivilgesellschaft, in die wir vom Standpunkt des Glaubens aus unsere Überzeugung einbringen, dass der Mensch ein Geschöpf Gottes ist, dass wir unser Leben aus seiner Hand empfangen und dass sich für uns daraus die Würde des Menschen ableitet, die es unterschiedslos zu achten gilt“, erklärte er.

Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck habe im Frühjahr in einer Stellungnahme die Bundestagsabgeordneten gebeten, kommerzielle und geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung zu verbieten und auf weitergehende gesetzliche Regelungen zur Sache zu verzichten. Weiter solle die Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen durch Seelsorge, Palliativversorgung und Hospizarbeit so ausgebaut werden, dass Menschen die Selbsttötung nicht als letzten Ausweg sehen müssen.

Hilfen ausbauen, Missbrauch stoppen

Angetan waren die Zuhörer davon, dass Brand auch seinen persönlichen Zugang zu der Thematik sowie einiger anderer Abgeordneter aus seiner Gruppe verdeutlichte und damit zeigte, wie es Köhler ausdrückte, dass da nicht einfach ein Gesetz „am grünen Tisch“ entstehe. 1973, im Jahr seiner Geburt, sei sein Vater an Krebs erkrankt. „Bei uns zu Hause saß Tod und Krankheit immer mit am Tisch. Gott sei Dank traf die Prognose der Ärzte, die ihm nur Monate gaben, nicht ein, mein Vater hat noch mehrere Jahrzehnte, vom Krebs gezeichnet, gelebt“, berichtete er. Und seine Frau arbeite seit 25 Jahren als Altenpflegerin, so dass er Vieles in diesem Bereich erlebt habe.

Brand betonte, dass er eine Lanze für die in den Pflegeeinrichtungen Arbeitenden brechen wolle, denn die Meisten würden mit viel Herzblut ihre Arbeit tun, in den Medien würde aber fast nur über die Einzelfälle berichtet, in denen etwas schiefgegangen sei.

Brands überfraktionelle Gruppe will die Hilfen stark ausbauen und Missbrauch stoppen. Es gebe noch viele „weiße Flecken“ in Deutschland, was die Palliativ- und Hospizversorgung angehe. Was die Palliativmedizin mittlerweile leisten könne, habe er bei seinem vor sechs Jahren an Krebs erkrankten Schwiegervater erlebt, wobei nicht nur das rein Medizinische wichtig sei: „Es müssen Ärzte und Pfleger sein, die ein Herz haben, die einen begleiten und auffangen können.“

Die Hilfen zu stärken, stehe für ihn im Vordergrund, die Diskussion um die Sterbehilfe sei für ihn eher der „Büchsenspanner“, um dies zu erreichen. Unter Strafe stellen wolle man geschäftsmäßige Suizidbeihilfe aus Gewinnsucht, aber auch ohne Gewinnerzielungsabsicht mit Absicht auf Wiederholung angelegte Hilfen.

Gegen die Öffnung zum ärztlich assistierten Suizid wehre sich die erdrückende Mehrheit der Ärzte und ihre Verbände. „Es muss klar sein, dass ein Arzt hin zum Leben arbeitet, dass er Leiden und Schmerzen nimmt, nicht das Leben“, unterstrich Brand.

Jährlich 100000 Suizidversuche

In der Diskussion werde der Begriff der Selbstbestimmung oft ins Feld geführt. Aber aktive Sterbehilfe und die Diskussion darüber übe, bewusst oder unbewusst, Druck auf Schwache und Kranke aus, die nicht so selbstbestimmt seien. Diese gerieten unter eine Art Rechtfertigungszwang, das könne nicht Sinn der Sache sein und führe zu weniger Selbstbestimmung.

Jährlich versuchten in Deutschland rund 100000 Menschen, Suizid zu begehen. Davon endeten 10000 Versuche tödlich, 90 Prozent scheiterten. Davon würden über 90 Prozent keinen zweiten Suizidversuch unternehmen. Diese Zahlen brächten zum Ausdruck, dass die Betreffenden eigentlich nicht sterben wollten, sondern der Suizidversuch sei oftmals ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit. „Deswegen darf unsere Antwort nicht sein, möglichst effizient ein Sterbehelfersystem in Deutschland zu organisieren. Ich glaube, Verzweifelnden darf man nicht das Leben nehmen, sondern man muss ihnen die Verzweiflung nehmen“, erklärte Brand.

von Manfred Schubert

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