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Heiße Handwerkskunst

Glasbläserei Heiße Handwerkskunst

Wer die kleine Werkstatt in der Marburger Oberstadt entdeckt hat, taucht in eine fast vergessene Welt ein. Es ist das Reich von Glasbläser Karl Heller, der aus unscheinbaren Glasrohren Wundervolles entstehen lässt.

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Die fertige Kugel muss abkühlen; damit das nicht zu schnell geht und die Kugel platzt, verwendet Glasbläser Karl Hellerin eine Flamme.

Quelle: Frank Rademacher

Marbrug. Es ist eine heiße Kunst, der Karl Heller nachgeht. Bis zu 3000 Grad beträgt die Temperatur des so genannten geräuscharmen Brenners, immerhin 1500 Grad heiß ist die aus Erdgas, Sauerstoff und Luft gespeiste Flamme der Glasbläserlampe, an der Karl Heller an diesem Morgen sitzt. Ein Kunde aus Kiel hat ihm eine ganze Reihe unterschiedlich großer Christbaumkugeln in verschiedenen Farbkombinationen in Auftrag gegeben.

Die erste Vorarbeit hat der 65-Jährige bereits geleistet, indem er auf einem Rollbock aus 1,50 Meter langen Glasrohren die Rohlinge für seine Kugeln gezogen hat. Dazu wird das Glas an einer Stelle drehend erhitzt und dann abgezogen. Übrig bleibt ein Glasrohr mit einer Blase, einer geschlossenen Spitze und einem offenen Ende.

Das so genannte AR-Glas bezieht Heller von einem Hersteller im Bayerischen Wald, wo das Handwerk der Glasbläser noch vergleichsweise verbreitet ist. Im Landkreis ist der Marburger der einzige, der sich auf das Kunsthandwerk versteht.

Die erste Christbaumkugel, die in den nächsten Tagen an die Ostsee geliefert wird, soll 55 Millimeter dick sein und eine dunkelrote Farbe mit grünen Einsprengseln aufweisen. Dafür hat Karl Heller die passenden Kristallfarbgläser ausgesucht. Die knapp einen Millimeter großen Glasstückchen, die es in der Marburger Werkstatt in rund 100 Farbtönen gibt, kommen aus einer 150 Jahre alten Glashütte in Reichenbach in der Oberlausitz.

Die kleinen farbigen Glasstückchen werden zunächst in den Rohling gefüllt, ehe die Glasbläserlampe das Werkstück auf 1080 Grad erhitzt. Dabei muss das Rohr permanent mit der Hand gedreht werden. Weil Glas ein schlechter Wärmeleiter ist, drohen keine Verbrennungen. „Man kann fast bis an die spätere Kugel mit den Fingern ran“, versichert Karl Heller und ein Blick auf seine Finger verrät, dass es damit seine Richtigkeit hat.

Und immer gilt: drehen, drehen und weiter drehen

Durch eine spezielle Glasbläserbrille, die den hellen Schein der Flamme ausblendet, so dass man den Korpus der heißer werdenden Kugel genau sehen kann, kontrolliert Heller, dass sich die Farbglaspartikel gleichmäßig auf der Innenseite des AR-Glaskolbens verteilen, sich mit diesem verschmelzen.

Und weiter gilt: drehen, drehen und weiter drehen. Die geschlossene Spitze und ein wenig des überstehenden Rohrrestes hat Karl Heller bereits mit Hilfe einer Pinzette abgezogen, so dass der mit dem Farbglas gefüllte Kolben jetzt an der Spitze des Rohres klebt. Dort wird es immer heißer, das Glas zunehmend flüssig.

Dann, für den Laien nicht erkennbar, ist der Zeitpunkt gekommen, der dem Kunsthandwerker zu seinem Namen verhilft: Karl Heller zieht das Rohr mit dem glühenden Glasklumpen an der Spitze aus der Flamme und bläst in das Rohrende. „Man darf nicht gleich fest hineinblasen. Erst ganz vorsichtig, aber der Druck muss stetig zunehmen. Innerhalb von wenigen Sekunden bläht sich die glühende Spitze zu einer farbigen Kugel auf, anfangs noch glühend, dann aber sehr schnell auskühlend. Anfassen ist trotzdem nicht angesagt - 700 bis 800 Grad hat die Kugel auch jetzt noch, und ehe sie in einem Sandbett abgelegt wird, dreht Heller sie noch kurz in der Gasflamme - zum langsamen Abkühlen.

Schnelle Temperaturwechsel werden auch im späteren Leben der Christbaumkugel zu den Dingen gehören, die ihr nicht bekommen. „Die können Sie auch im Garten aufhängen, winters wie sommers“, versichert der 65-Jährige. „Aber wenn man sie im Januar aus der Kälte reinholt, dann nicht gleich in die warme Stube, erst mal im Hausflur akklimatisieren lassen“, empfiehlt der Glasbläser, um länger etwas von dem guten Stück zu haben.

Kugeln „entspannen“ zum Abschluss nochmal im Ofen

Am Nachmittag, wenn alle Kugeln geblasen sind, wandern diese noch einmal in den Ofen. Über einen Zeitraum von etwa fünf Stunden wird der Ofen auf 518 Grad erhitzt. 20 Minuten bleibt die Temperatur konstant und wird dann langsam auf 420 Grad abgesenkt, ehe der Ofen ganz ausgeht und langsam mit seinem Inhalt auskühlt. Diese Erhitzung ist nötig, um die kunstvollen Glasstücke zu entspannen.

Als letzter Arbeitsschritt wird das Rohr, das immer noch wie ein Stiel an der Kugel hängt, abgeschnitten und ein Haken in die Glaskugel eingesetzt. Die Schmuckstücke sind jetzt fertig. Filigran, ganz nach den Wünschen der Kunden gefertigt und keines wie das andere, jedes ein Unikat, das es nirgendwo sonst zu kaufen gibt.

Die zaghaft gestellte Frage nach dem Preis für die einzigartigen Kunstwerke endet mit einem Schock: 1,50 bis 1,60 Euro koste eine solche Kugel - und um dem ungläubigen Blick des Fragestellers zu begegnen, versichert der Marburger, dass das sicher auch nur gehe, weil er keine Miete für seine Werkstatt zahlen müsse.

Karl Heller geht in seinem Handwerk auf. Das können auch viele Schüler der Emil-von-Behring-Schule bestätigen, an der der Kunsthandwerker über Jahre seine Profession vermittelte. Und Bilder und Karten an den Wänden der Werkstatt belegen dies. Es sind Dankesschreiben von Kunden, denen Heller wie selbstverständlich die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst einmal als Glasbläser zu versuchen.

Neben den Christbaumkugeln sind es auch kunstvolle Teelichte, Lampenschirme oder Kerzenständer aus Glas, über die sich Kunden aus ganz Deutschland, aus Italien, Spanien und Frankreich freuen. Wenn in den nächsten Tagen der große Weihnachtsbaum in der Benediktiner-Abtei in Kaufbeuren geschmückt wird, dann hängen Glaskugeln aus Marburg daran.

von Frank Rademacher

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