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Heiraten im Dienst der hohen Politik

Forschung Marburg: Dynastische Ehen Heiraten im Dienst der hohen Politik

Die Heiratspolitik von hohen Herrscherhäusern und deren Auswirkung auf Krieg und Frieden in der Frühen Neuzeit ist das Thema eines Forschungsvorhabens an der Uni Marburg.

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Familienporträt des Hauses Hessen-Kassel: Auf dem gerahmten Gemälde im Bild ist die Hochzeit von Friedrich I. von Hessen-Kassel mit der Schwester des schwedischen Königs zu sehen.

Quelle: Gemäldegalerie Kassel

Marburg. Wenn Angehörige aus Königshäusern oder Familien des europäischen Hochadels der Vormoderne sich vermählten, dann ging es bei diesen Ehen in den seltensten Fällen um Liebe. Die arrangierten Fürstenehen waren Haupt- und Staatsaktionen, wichtige Verhandlungsergebnisse wurden in Eheverträgen festgehalten: So reisten Sondergesandte mit den Vertragsentwürfen hin und her. Etwa um die Höhe der Mitgift und mögliche Erbverzichtserklärungen wurde zwischen den Regierungen heftig gerungen. „Eheverträge spielen im Vertragsrecht der Frühen Neuzeit eine wesentliche Rolle und sind bisher noch kaum umfassend untersucht worden - und das trotz ihrer enormen Bedeutung für Krieg und Frieden“, erläutert Professor Christoph Kampmann.

Wenn eine dynastische Heirat einmal bekanntgegeben war, konnte sie  kaum noch abgesagt werden. Denn ein „Korb“ konnte sich im Extremfall  sogar zu einem Kriegsgrund ausweiten. Aus der Sicht des Marburger Frühneuzeit-Historikers passte die Bearbeitung des Themas ideal in das Konzept des von ihm geleiteten Sonderforschungsbereichs bei dem Forscher aus Marburg und Gießen gemeinsam arbeiten (siehe „HINTERGRUND“). Eheverträge, an denen Herrscherhäuser beteiligt waren, wurden nach Darstellung von Professor Kampmann in zweifacher Weise wirksam: Einerseits konnten sie ein Instrument darstellen, um andere Verträge abzusichern und so für mehr Frieden zwischen dynastischen Staaten zu sorgen. Andererseits erwuchsen aus dynastischen Ehen häufig zusätzliche Konflikte, wenn es zum Beispiel um die Durchsetzung von Erbansprüchen der Sprösslinge dieser Ehen ging. Erst seit einigen Jahren erlangen die dynastischen Ehen in der Frühen Neuzeit mehr Beachtung bei den Historikern.

Frage nach Krieg und Frieden

Lange Zeit sei dies eher ein Thema der Mittelalter-Forschung gewesen, erläutert Kampmann. Doch inzwischen sei unbestritten, dass die Dynastie für den Staat auch in der Neuzeit große Bedeutung besessen hätte. Darüber hinaus habe die Frage nach Krieg und Frieden in der Frühen Neuzeit wieder zentrale Bedeutung in der Forschung erlangt.

Worin bestand die politische Funktion der Eheverträge nun konkret? Das wird in unterschiedlichen Einzelprojekten untersucht. So wird beispielsweise die dynastische Ehepolitik der dänisch-norwegischen Monarchie zwischen 1523 und 1700 in den Blick genommen. Bereits erfolgreich abgeschlossen ist ein zweites Projekt: Philip Haas hat seine Dissertation zu dynastischen Ehen des Hauses Hessen-Kassel zwischen 1645 und 1740 auf europäischer Ebene vollendet. Die Arbeit wird als Buch erscheinen.

Exemplarisch hat sich Haas für seine Studie ein mittelgroßes Fürstentum herausgegriffen, um hieran Grenzen und Möglichkeiten der frühneuzeitlichen Ehepolitik zu untersuchen. Mittels eines kulturgeschichtlichen Ansatzes wertete er neben den Eheverträgen auch die Berichte über die Hochzeitsfeiern sowie aus diesem Anlass entstandene Gedichte, Münzen und Bilder aus. Eine Schlussfolgerung von Haas: Die dynastischen Ehen dienten nicht per se der Durchsetzung von Frieden oder der Stimulation von Kriegen, sie waren vorwiegend als Mittel zu Durchsetzung politischer Interessen gedacht. Mit Hilfe der Ehepolitik habe beispielsweise Landgraf Karl (1677 bis 1730) versucht, für seine Dynastie an einen europäischen Königsthron zu gelangen. So heiratete Karls Sohn, Friedrich I. von Hessen-Kassel die Schwester des schwedischen Königs und konnte hierdurch die Krone Schwedens erlangen. Doch die Ehe blieb kinderlos, weshalb Hessen-Kassel und Schweden nur über eine Generation in Personalunion regiert wurden und nicht wie Hannover und Großbritannien etwa 150 Jahre lang.

Für die Einheirat in Königshäuser hatte Hessen-Kassel übrigens auch ein großes Faustpfand zu bieten: ein Heer von 20000 Soldaten, die als Miettruppen verliehen werden konnten. Sie gehörten bei Verhandlungen um mögliche Ehen häufig mit zur  Verhandlungsmasse. Ein solches Arrangement hatte vor allem zwei Effekte: Das hessische Herrscherhaus wurde zum attraktiven Heiratspartner und der hessische Landgraf  musste weniger Geld aufwenden für den teuren Unterhalt seines stehenden Heeres.

von Manfred Hitzeroth

Flächendeckende Erfassung der Verträge

Der Aufbau einer Datenbank, in der rund 700 dynastische Eheverträge der Frühen Neuzeit erfasst werden, ist ein Hauptbestandteil des von Professor Christoph Kampmann geleiteten Projekts.

Ein wichtiges Hilfsmittel zur Analyse der dynastischen Eheverträge ist die umfassende Erschließung dieser Verträge. Zu diesem Zweck wird seit dem Start des Forschungsprojektes von Historikern der Uni Marburg im Jahr 2014 eine Datenbank aufgebaut. Bis zum Ende des Projekts, das spätestens für 2025 avisiert ist, sollen darin rund 700 dynastische Eheverträge aus ganz Europa dokumentiert werden, erläutert Professor Christoph Kampmann. Sie hatten zumeist einen Umfang von etwa 30 Seiten.

Derzeit sind schon knapp 200 Eheverträge in der Datenbank erfasst. Es geht um Eheverträge zwischen den Repräsentanten von fürstlichen Dynastien im Zeitraum zwischen 1500 und 1815. Berücksichtigt werden sämtliche Eheverträge, an denen Mitglieder königlicher Häuser als Heiratspartner beteiligt waren. Kampmann erläuterte im Gespräch mit der OP, dass die Erfassung nicht gleichbedeutend mit der Edition der Dokumente sei, also nicht die vollständige Wiedergabe der häufig in lateinischer oder französischer Sprache vorliegenden Texte umfasse. Stattdessen geht es darum, den Inhalt und die Hintergründe zu dokumentieren. Links zu den Archiven und zu zeitgenössischen Drucken ermöglichen es, die Originalurkunden rasch zu erschließen. Zusätzlich wird erfasst, inwieweit es rund um den jeweiligen Ehevertrag zu Kriegen kam.

Integriert werden auch die seit dem 16. Jahrhundert immer häufiger werdenden Erbverzichtserklärungen. Festgehalten wird zudem, ob Konfessionsklauseln in den Eheverträgen enthalten waren. Diese Klauseln regelten die in der Frühen Neuzeit bedeutungsvolle Frage, ob mögliche Kinder einer Fürstenehe bei unterschiedlichen Konfessionen der Eltern der Religion des Vaters oder der Mutter angehören sollten. Ein wichtiger Bestandteil von frühneuzeitlichen Eheverträgen war generell, dass die finanzielle Absicherung der Braut darin klar geregelt sein musste.

Aber neben Passagen, die so ähnlich auch in den üblichen Eheverträgen von Adeligen oder Bürgern der Zeit zu finden waren, enthielten dynastische Eheverträge noch weitere Spezialklauseln. Dies gilt auch für die Klauseln, die die finanzielle Versicherung der Braut absicherten.

Überhaupt war in den Verträgen zu klären, was genau Privat- und was Staatseigentum war – ein wichtiger Punkt in der Entwicklung des modernen Staates. Wenn das Datenbankprojekt umfassend realisiert werden kann, dann wären hier alle dynastischen Eheverträge europäischer Königshäuser erfasst und systematisch erschlossen.

Es wäre überdies überhaupt die erste vollständige Vertragssammlung für die Frühe Neuzeit, erklärt Kampmann. Ziel des Marburger Projektes ist es auf jeden Fall, die so erhobenen Daten der Forschung zur Verfügung zu stellen.

 
Ehevertrag im Parlament
Was passiert eigentlich, wenn sich in einem noch überwiegend männerdominierten Zeitalter eine Königstochter und Thronerbin mit einem mächtigen ausländischen Fürsten verheiraten will? Mit dieser Frage beschäftigt sich Professor Christoph Kampmann in seinem Einzelprojekt. „Man musste dafür sorgen, dass die Frau die Herrschaft behält“, erläutert Kampmann. In diesem Fall ging es um die Heirat von Maria Tudor, der ersten regierenden Königin der englischen Geschichte, die nach ihrer Thronbesteigung 1554 den späteren spanischen König Philipp II. heiratete. Weil in England die Angst groß war, auf Dauer zu einer spanischen Provinz herabgestuft zu werden, gab es gegen diesen Eheplan sogar einen blutigen Aufstand. Dass die Heirat dann trotz der großen Sorgen doch zustande kam, lag wesentlich am Ehevertrag, mit dem die Rechte des Ehemanns massiv eingeschränkt wurden. Unter anderem besaß er kein eigenes Einkommen, und ihm wurde kaum Einfluss auf die Regierungsgeschäfte eingeräumt. Familienoberhaupt war faktisch seine Frau, was nicht alltäglich war. „Dieser bemerkenswerte Ehevertrag war der erste, der durch ein Parlament verabschiedet wurde“, erklärt Kampmann.
 
Hintergrund
Der Sonderforschungsbereich (SFB) „Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit 2014 mit 10 Millionen Euro gefördert – zunächst für vier Jahre und dann mit der Möglichkeit der zweimaligen Verlängerung um je vier Jahre. In dem Projekt kooperieren 65 Geistes- und Sozialwissenschaftler aus Marburg und Gießen. „Wie gelangten Sicherheitsvorstellungen in der Geschichte in den politischen Prozess und wie verändert sie ihn?“, sind die Grundfragen in dem SFB.
 
Zur Person

Professor Christoph Kampmann (55, Fotos: Manfred Hitzeroth) ist seit 2002 Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Uni Marburg. Kampmann ist auch Sprecher des 2014 eingerichteten Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“. Sein Studium der Geschichte, Philosophie, Lateinischer Philologie und des Staatsrechts in Bonn, Köln und Oxford schloss er 1991 mit einer Dissertation an der Uni Bonn ab. 1999 folgte die Habilitation. Seine Forschungsschwerpunkte sind zwischenstaatliche Beziehungen sowie Leitbegriffe politischen Handelns in der Frühen Neuzeit.

Philip Haas (30) wurde in Bad Soden-Salmünster geboren. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ an der Philipps-Universität. Von 2007 bis 2012 studierte er Geschichte, Latein, Altgriechisch und Deutsch an der Uni Marburg und der Uni Innsbruck. Seine Dissertation mit dem Titel „Fürstenehe und Interessen“ schloss er Ende 2016 ab.

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