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Heimatfront: "Eine Welt ohne Männer"

100 Jahre Erster Weltkrieg Heimatfront: "Eine Welt ohne Männer"

Die Veranstaltung der Marburger Lichtspiele am 30. Juni 1916 klingt wie die Beschreibung des Alltag während des Ersten Weltkrieges in der Stadt: Aufgeführt wird ein"Schwank in 4 Akten" mit dem Titel "Eine Welt ohne Männer".

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Deutsche Soldaten überqueren die Grenze nach Frankreich. Auch aus dem Landkreis musste eine ganze Generation junger Männer an die Front.Archivfoto

Marburg. Es sind derartige Anzeigen und Berichte aus der Oberhessischen Zeitung, die ein Bild davon vermitteln, wie die Stadt und Landkeis die Zeit erlebten, in der zeitgleich Millionen von Soldaten in den Schützengräben lagen. Täglich zeigen Todesanzeigen mit eisernen Kreuzen auf, welche Auswirkungen der grausame Krieg auf das Leben in Marburg und Umgebung hatte. Symptomatisch für die Stimmungslage ist daher auch das „vielfältige schöne Beiprogramm“, mit dem die Lichtspiele in der Anzeige werben. Es verspricht „Neue Kriegsberichte aus Ost und West“.

Die Lage an den Fronten war, so scheint es, das alles bestimmende Thema dieser Tage. Die Oberhessische Zeitung, damals meist aus 4 bis 5 Seiten bestehend, berichtete auf den ersten 3 Seiten meist über die tagesaktuellen Entwicklungen im militärischen Bereich. Lokale Berichte hingegen folgen in der Rubrik „Marburg und Umgegend“ erst im hinteren Teil der damaligen Ausgaben. Und selbst dort schlägt sich das alles beherrschende Thema nieder.

„Der deutsche Feldpostverkehr nimmt bedauernd und in einem Verhältnis zu, wie es der gewöhnliche Postverkehr nicht kennt“, schreibt die OZ etwa am 9. Januar 1915. Zwischen Mitte September bis Mitte Dezember des Jahres 1914 habe sich die Feldpost um 150 Prozent vermehrt. „Der eingeschränkte Friedensfahrplan“ der Reichsbahn durch den Kriegsausbruch trete jedoch bereits am 2. November 1914 wieder außer Kraft, heißt es am 26. Oktober. Schon am 8. August, unmittelbar nach dem Kriegsausbruch werden die Marburger Bürger dazu ermuntert Ferngläser „für unsere ins Feld ziehenden Jäger“ zur Verfügung zu stellen. Das Geschäft Wilhelm Moeser preist die von ihm vertriebenen Zigarren als „willkommenste Gabe für unsere tapferen Soldaten“ an und der Laden M. Blumenfeld und Cie verspricht, dass seine gestrickten Kriegswesten „bei kalter Witterung für Feld- und Garnisonsdienst unentbehrlich“ seien. Und trotz allem gibt es sie - die ganz banalen, alltäglichen Nachrichten. „Aus Anlaß des heutigen Jahrestages der Gründung des Deutschen Reiches tragen einige öffentliche Gebäude Flaggenschmuck“, vermeldet die OZ am 17. Januar 1915.

Was zu Beginn aber keiner ahnt: der Krieg entwickelt sich zur Katastrophe in bisher unbekannten Ausmaßen. Auf den Schlachtfeldern sterben junge Männer zu Tausenden und der erhoffte schnelle Sieg stellt sich nicht ein. Die Schützengräben werden mehr und mehr zu Massengräbern, was auch an den Daheimgebliebenen nicht spurlos vorbei geht.

Mit lokalpatriotischem Stolz ist am 17. Januar 1915 zu lesen, dass bei der Gefangennahme des Gouverneurs von Warschau „auch ein Sohn aus unserer Gemeinde“ (Cölbe) beteiligt war. „Es ist Sergeant D. Peter, Sohn des hiesigen Einwohners Heinrich Peter“, erfährt der Leser. Publik gemacht wird zudem ein Feldpostbrief von Mitgliedern des „Landturms“, der sich zunächst sehr rührseelig liest: „Weihnachten, das herrliche Fest, lernt man erst in seiner ganzen Größe kennen, wenn man hier fern von der Heimat in Feindesland ist, zumal wir Landturmleute, die wir doch alle Väter sind“, schreiben die Männer. Martialischer fällt jedoch der zweite Teil des Briefes aus: „Denkt man zurück an vergangene Weihnachten, wo man im trauten Heim im Kreise seiner Familie sich erfreuen konnte an den strahlenden Blicken unserer lieben Kleinen, so muß man unwillkürlich in die Worte ausbrechen: Gott strafe England“.

Obstkerne sammelngegen den Hunger

Derartige Angriffslust ist in den späteren Kriegsjahren jedoch kaum noch zu spüren. „Die verschiedenen sozialen Probleme haben in der Kriegszeit erhöhte Wichtigkeit erlangt“, verrät die Oberhessische Zeitung schon am 15. März 1916. Am 8. August 1917 fordert eine Anzeige die Bürger auf: „Sammelt Obstkerne. Annahmestelle Bahnhofshotel“. Der Marburger Hausfrauenverein reagiert ebenfalls auf die sich verstärkende Lebensmittelnot und trifft sich am 16. Juli 1917 zu einer Mitgliederversammlung mit dem Tagesordnungspunkt „Einmachen“. Auch die Geschäftsanzeige der Drogerie Hermann Quentel passt in diese Reihe: Sie wirbt mit „Kaffee-Ersatz-Mischungen“. Mit einer überdimensionalen Anzeige verweist die „deutsche Presse aller Parteien“ am 6. Oktober 1917 auf eine moralische „Zeichnungspflicht“ der 7. Kriegsanleihe. Die Universitäts-Buchdruckerei Joh. Aug. Koch wirbt indes in regelmäßigen Abständen damit „Trauerbriefe und Karten schnellstmöglich“ anzufertigen und die Gothaer Lebensversicherungsbank vertreibt am 3. April 1918 „Kriegsversicherungen mit alsbaldiger Auszahlung im Todesfalle“.

Das „normale“ Leben muss dennoch weitergehen und so erfährt der OZ-Leser beispielsweise, dass am 6. November 1917 um „9 1/2 Uhr“ die „Landwirtschaftliche Winterschule Marburg“ beginnt, oder das Liselott und Conrad Berner am 15. März 1918 „fast durchweg allgemeinen Beifall fanden“ mit einem Biedermeierabend, der eine „reichhaltige Vortragsfolge mit Gesängen und Kompositionen des 18. Jahrhunderts“ beinhaltet habe. Nichtsdestotrotz spielen selbst große lokale Themen in der Berichterstattung nur eine kleine Rolle. Erst auf Seite 4 findet sich etwa am 18. Januar 1916 ein Bericht zu einem schweren Sturm: „Das herrschende Unwetter der letzten Tage, das mancherlei Schaden in den Obstanlagen und an Gebäuden anrichtete, brachte gleichzeitig starke Überflutung unseres Wiesengrundes. Das Hochwasser steht am Mühlentor und am Amöneburgertor bis an die ersten Häuser der Stadt und reicht von der Brüdermühle bei Amöneburg bis nach Klein- und Großseelheim hin. Auch in dem elektrischen Leitungsnetz innerhalb der Stadt gab es Störungen in der Haus- und Straßenbeleuchtung“. Selbst in der Rubrik „Marburg und Umgegend“ scheinen eine Rote Kreuzmedaille und eine Beförderung zum Leutnant allerdings wichtiger zu sein und erscheinen in der Artikelfolge weiter oben.

Eins ist jedoch tatsächlich wie immer - die Jugend hat ihre eigenen Interessen. So schreibt die OZ am 12. Mai 1916: „Es liegt Veranlaßung vor, auf polizeiliche Bestimmungen hinzuweisen, wegen deren Übertretung in der letzten Zeit öfters Bestrafungen eintreten mussten. Jugendlichen, das heißt männlichen und weiblichen Personen unter 18 Jahren, ist untersagt, sich von 6 Uhr Abend ab in Wirtschaften, Konditoreien, sogenannten Bierkonzerten usw. aufzuhalten. Das Biertrinken, Rauchen sowie der Genuß von Kau- oder Schnupftabak, der Besuch des Kinotheaters, der unnötige Aufenthalt und das Herumtreiben in der Stadt und außerhalb der Stadt vom Eintritt der Dunkelheit ab“.

von Peter Gassner

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