Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
„Heimat ist Humus fürs Miteinander“

Brauchtum und Integration „Heimat ist Humus fürs Miteinander“

Sich fürs Brauchtum und zugleich für die Integration von Flüchtlingen einzusetzen, das gehört für Volkstänzer und Trachtenpfleger zusammen - schon seit Jahrzehnten, wie die Gäste beim HVT-Neujahrsempfang erfuhren.

Voriger Artikel
Sexting-Fall am Philippinum
Nächster Artikel
Darf‘s ein Stückchen mehr sein?

Die Volkstanz- und Trachtengruppe „Die Burgwaldskälwer“ aus Oberrosphe begeisterten mit ihrer schwungvollen Darbietung.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Es ging bunt und fröhlich zu, als die früher dem Bauernstand vorbehaltenen Trachten beim ersten Neujahrsempfang der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege, Bezirk Mitte, den Fürstensaal des Landgrafenschlosses eroberten.

„Mit diesem Abend wollen wir Ihnen etwas schenken: ein großes Stück Volkskultur“, versprach Erich Frankenberg, Vorsitzender der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT), Bezirk Mitte, den etwa 200 geladenen Gästen. „Volkstanz, dieses Träumen mit den Füßen“ und die Trachten fürs Auge, Volksmusik, Volkslieder und Mundart für die Ohren, so umschrieb er das Programm.

Trachtentanz zurVölkerverständigung

Die Stadtkapelle Wetter, dirigiert von Mario Eberling, machte den Auftakt und spielte zum Abschluss des 100-minütigen offiziellen Teils. Die Kindergruppe und die Jugendgruppe des Trachtentanz- und Heimatvereins Lixfeld unter Leitung von Nadine Buchmann und Tanja Ewertz zeigten mit ihren fröhlichen Tanzvorführungen, dass man mit entsprechendem Engagement auch heute noch den Nachwuchs für den Trachtentanz begeistern kann. Der Verein stellt in diesem Jahr mit Jonas und Sina Schmidt auch das repräsentative Paar beim Landeskindertrachtentreffen am 27. und 28. Juni in Herborn.

Der Trachtenchor der HVT-Mitte sang unter der Leitung von Peter Müller Lieder wie „Lass doch der Jugend ihren Lauf“ und „Die Gedanken sind frei“. Stefanie Klein und Erika Jabelonski von der Volkstanz- und Trachtengruppe Halsdorf trugen einen heiteren Mundartsketch vor, und die Volkstanz- und Trachtengruppe „Die Burgwaldskälwer“ aus Oberrosphe begeisterten mit ihren schwungvollen Darbietungen.

Die 200 Gäste hörten aber auch nachdenkliche Worte aus dem Munde von Erich Frankenberg sowie vom Festredner Knut Kreuch. Frankenberg verwies vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussionen um die Flüchtlingsproblematik auf die Wahlsprüche „Altes erhalten und Neues gestalten“ und „Volkstanz verbindet“.

In diesem Jahr stelle man im Bezirk Mitte die Integration, für welche sich die Trachtenfreunde schon nach dem Zweiten Weltkrieg engagiert habe, in den Mittelpunkt - davon zeuge auch die Wahl der ungarndeutschen Tracht zur Tracht des Jahres. Am Zustandekommen vieler Städte- und Gemeindepartnerschaften im Landkreis seien die Trachtenfreunde maßgeblich beteiligt gewesen. Sie seien, als die Politiker wegen der Teilung in Ost und West es noch nicht konnten, in die europäischen Nachbarländer gereist, hätten Tore geöffnet und den Weg zu mehr Völkerverständigung und Verständnis für andere Kulturen geebnet, sagte Frankenberg.

Heute würden etliche Trachtenfreunde Menschlichkeit und Empathie wörtlich nehmen und Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten der Erde mit leidenschaftlichem Engagement eine Willkommenskultur bieten, ohne großes Aufsehen darum zu machen. Dies neben der Pflege des „Geschenks Volkskultur“, das die Verpflichtung beinhalte, das Erbe der Vorfahren zu wahren und weiterzuvermitteln, auch unter den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen. „Tracht, Volkstanz und Laptop geht sehr wohl“, sprach er vor allem den Vertretern der 50 Mitgliedsvereine unter den Zuhörern Mut zu und forderte auf, den Abend zu Austausch und Kontaktpflege zu nutzen.

Kreuch, Präsident des Deutschen Trachtenverbandes und Gothas Oberbürgermeister, sprach zum Thema „Heimat ist Zukunft und Zukunft braucht Herkunft“. In seine Rede packte er viele ernsthafte Gedankenanstöße, würzte diese aber auch mit einer angenehmen Prise Humor. Heimat sei die Seele des Lebens, „Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns“, sagte er. „Wer wie wir die Zukunft schon auf dem Körper trägt, der meistert alle vor uns liegenden Aufgaben“, wandte er sich an die Trachtenfreunde.

Tracht bedeutet, „Heimat auf dem Leibe tragen“

Umfragen zeigten, dass Ausländer uns fremd seien, wir nichts mit ihnen zu tun haben wollten. „Komisch, denn der Deutsche isst am liebsten Eis vom Italiener, holt Döner beim Türken trinkt griechischen Wein, eimerweise spanische Sangria, Earl Grey Tea aus England, knackt Toblerone aus der Schweiz und keine Nation trinkt soviel Kaffee aus Äthiopien oder Kolumbien wie die Deutschen. Ärzte in deutschen Krankenhäusern kommen aus Polen oder Afghanistan, der freundliche Nachbar, der die Mülltonne holt, hat oft jugoslawischen Akzent. Heimat in „Old Germany“ hat oft internationale Impulse“, verdeutlichte er. Sicher sei, dass man Heimat mehrfach besitzen könne, auch dort, wo man sich geborgen fühle, Gleichgesinnte treffe.

Kreuch erinnerte daran, dass vor 70 Jahren der von Deutschland begonnene Weltkrieg endete und ein ganzer Kontinent auf heimatlose Wanderschaft gegangen sei. „Wir Deutschen haben nicht das Recht, über die Auswirkungen von Flucht und Heimatverlust zu schimpfen. Das, was zwischen 1939 und 1945 Millionen Menschen Herkunft und Heimat zerstörte, ihnen die Zukunft raubte, das trägt eine deutsche Handschrift“, betonte er.

Die deutsche Heimat- und Trachtenbewegung sei eine Standortbestimmung des 19. Jahrhunderts, „die ersten Vereine waren nicht in Bayern, sondern in Chemnitz und Leipzig zu Hause“, hob Kreuch hervor. „Wenn wir uns in Trachten begegnen, dann hat Heimat plötzlich Gestalt, dann ist sie Mittelpunkt unseres Lebens geworden“, fand er. Gern rate er seinen Politiker-Kollegen: „Wenn ihr etwas bewegen wollt, tragt Tracht. Es ist besser, Tracht zu tragen, als eine Tracht zu bekommen!“

Auch er erinnerte an die Flüchtlinge: „Zurzeit kommen Menschen in unser Land, die ihre Herkunft hinter sich lassen. Die große Mehrheit sucht Frieden, sie wollen nicht uns Deutsche überfallen, sie sind auf der Suche nach neuer Heimat mit ungewissem Ausgang, weil ihnen in der alten Heimat das Leben genommen wird.“ Trachtenvereine würden nicht ausgrenzen, sondern zum Mitmachen motivieren.

Zur Jugendarbeit sagte Kreuch, dass man nach der Pubertät etwas Geduld aufbringen solle: „Manchmal muss man warten, bis Heimat wieder aufkeimt.“ Aber: „Heimat ist Humus und bleibt fruchtbarer Nährboden für das friedliche Miteinander in Deutschland. Menschen wie wir, die wir unsere Heimat auf dem Leibe spüren, tragen hohe Verantwortung, deshalb hat Heimat Zukunft.“

von Manfred Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr