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Hebammen kämpfen um ihre Existenz

Demo in Marburg Hebammen kämpfen um ihre Existenz

Die freiberuflichen Hebammen sehen wegen hoher Versicherungskosten ihre Existenz in Gefahr. Sie rufen in Marburg zu einer Demo auf.

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Melanie Trofimow (links) und Beate Gnau gehören zu den Hebammen, die die Demo am 3. Mai organisieren.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. In zwei Jahren will eine Frau ein Kind bekommen. Sie hat jetzt schon nach einer Hebamme gefragt. Für Melani Trofimow sind solche Anfragen ein Alarmzeichen: Nicht nur Hebammen wie sie sorgen sich um die Zukunft der Geburtshilfe, sondern auch junge Frauen und Männer.  Denn ohne eine Hebamme geht bei einer Geburt gar nichts. Doch was so banal klingt, ist derzeit ein schwieriges Unterfangen. Hebammen, die sich sonst liebevoll um werdende Mütter und Babys kümmern, werden laut, wütend, kämpferisch.

Wegen der stark gestiegenen Tarife für Haftpflichtversicherungen fürchten viele freiberufliche Hebammen um ihre Existenz (die OP berichtete). Jetzt hat eine Gruppe von Versichererern eine befristete Regelung angeboten. Für eine einzelne Versicherung ist das Risiko, die Geburtshelferinnen zu versichern, erheblich. Um die Risiken zu verteilen, hatten sich deshalb drei Versicherer zu einem Konsortium zusammengeschlossen.

"Es haben schon viele aufgehört"

Doch zum Sommer 2015 steigt die Nürnberger Versicherungsgruppe aus. Um die Lücke zu schließen, hat sich eine Gruppe von Assekuranzen bereit erklärt, eine Versicherung mit einer Steigerung der Prämien um 20 Prozent aufzulegen.
Eine Lösung ist das für die Geburtshelferinnen nicht, sagt der Deutschen Hebammenverband.  Eine in der Geburtshilfe tätige freiberufliche Hebamme müsste damit eine Versicherungssumme von mehr als 6 000 Euro pro Jahr bezahlen.
Überdies ist das Angebot auf ein Jahr befristet. 2016 könnten sich die Hebammen nicht mehr versichern, hätten keinen Schutz mehr und könnten somit auch nicht mehr arbeiten.

Der Hebammenverband befürchtet, dass viele freie Geburtshelferinnen angesichts der hohen Kosten schon vorher aufgeben müssen. „Es haben jetzt schon viele aufgehört“, sagt die Marburgerin Beate Gnau, zweite Vorsitzende des Hessischen Hebammenverbands. Sie ist seit  30 Jahren Hebamme und will nun auch für die nachfolgenden Generationen auf die Straße gehen.

Am Samstag, 3. Mai, startet ab 13 Uhr eine Demonstration am Elisabeth-Blochmann-Platz. Der Titel „Rettet unsere Hebammen“. Zahlreiche Eltern wollen sich anschließen. Nach Angaben des Landkreises arbeiten noch rund 70 freiberufliche Hebammen in der Region. Tatsächlich seien es inzwischen schon weniger, die Statistik sei nicht aktuell, so Gnau. Zudem seien viele Hebammen nur in Teilzeit tätig. Insbesondere diese Frauen könnten sich höhere Versicherungssummen nicht mehr leisten. Kurzum: Engpässe drohen.

Künftig nur noch 936 Euro netto

Hebammen zahlten vor zehn Jahren noch 1 352 Euro für die Haftpflichtversicherung, nach Angaben des Verbandes werden es in drei Monaten schon 5 091 Euro sein.

Im Durchschnitt verdiene eine Hebamme 1 360 Euro netto im Monat. Nach der Prämienerhöhung im Juli blieben nur noch 936 Euro übrig. Dass die Versicherungskosten immer weiter steigen, liegt auch am medizinischen Fortschritt. Unterlaufen den Geburtshelfern Fehler, ist die Chance, ein Kind zu retten, heutzutage weitaus höher als früher. Doch je länger die Versicherer für ein behindertes Kind zahlen müssen, desto teurer wird die Versicherungsprämie für Hebammen. Trofimow stellt klar: „Die Zahl der Schadensfälle ist nicht gestiegen.“  Pro Jahr gehen nach Angaben des Hebammenverbands etwa 100 „Schadensmeldungen“ ein – bei etwa der Hälfte müssen die Hebammenversicherer  tatsächlich zahlen.

Damit Hebammen nach einer Geburt mit Komplikationen nicht zum Sozialfall werden, hat der Verband eine Lösung unterbreitet: Er fordert einen öffentlich finanzierten Haftungsfonds, aus dem Schäden über einer bestimmten Deckungssumme gezahlt werden. Außerdem sollte eine Regelung eine Laufzeit von zehn Jahren haben – damit Hebammen nicht jährlich wieder um ihre Existenz bangen müssen. Dass auch andere Menschen, die in Gesundheitsberufen tätig sind, ähnliche Forderungen  haben könnten, wissen die Hebammen. „Bei uns ist aber Eile geboten. Wir benötigen jetzt Hilfe von der Politik, sonst hören immer mehr Hebammen auf und suchen sich einen neuen Job. Dann gibt es Engpässe. Noch ist die Versorgung in Marburg gut“, sagt Trofimow.

von Anna Ntemiris

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