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Hausbesetzer ziehen freiwillig aus

Fronhofschule Hausbesetzer ziehen freiwillig aus

Die Hausbesetzer der Fronhofschule haben ihre Ziel erreicht: Mit der Aktion wollten sie auf die Ungerechtigkeiten der Marburger Wohnungspolitik hinweisen. Um 12 Uhr zogen sie gestern wieder ab.

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Im Anschluss an die Demonstration am Samstag besetzten 150 Aktivisten die Fronhofschule in der Schulstraße. Gestern Mittag zogen sie wieder ab – wie sie es am Samstag dem Eigentümer versprochen haben.Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Die Matratzen haben sie eingerollt, die Taschen gepackt. Friedlich sind die Hausbesetzer aus dem Gebäude der Schulstraße 14 ausgezogen. So wie es mit dem Besitzerehepaar Graul vereinbart wurde. Felix Heidrich ist einer von ihnen, der seit Samstagabend in den leerstehenden Schulräumen übernachtet hat. Anfangs waren es knapp 150. Zum Ende lichteten sich die Reihen. Gut 60 harrten bis zum Ende aus, zogen dann in Richtung Rathaus weiter. Sie verlangen bezahlbaren Wohnraum für alle. „Wohnraum muss geschaffen werden und erschwinglich sein, jenseits kapitalistischer Profit- und Verwertungslogik.“

Was den jungen Männern und Frauen nicht passt, ist, dass zentraler Raum wie die Fronhofschule an einen Privatinvestor verkauft wird statt günstige Möglichkeiten des Wohnens zu schaffen. „Wir fordern einen Stopp der Privatisierung öffentlichen Raumes“, heißt es weiter.

Mit der Zuspitzung in Form der Hausbesetzung wollten die Aktivisten ein Zeichen setzen. Deutlicher als Podiumsdiskussionen, noch skandalisierender als eine Demo. Der Spagat zwischen Protest und dem Bewegen in der rechtlichen Grauzone ist ihnen bewusst gewesen. „Umso mehr freut es uns, dass wir von den Hauseigentümern Solidarität erfahren haben“, sagt Felix Heidrich. Der gab den Besetzern die Erlaubnis bis Montag, 12 Uhr, den Protest fortzusetzen, dann aber die Aktion zu beenden. „Wir möchten keine Gewalt, wir ziehen friedlich ab“, sagt Martin Müller. Das Plenum stand in Kontakt mit der Polizei, die sich nach Meinung der Aktivisten sehr zurückgehalten hat.

Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) sowie Franz Kahle (Grüne) signalisierten Gesprächsbereitschaft, wollen sich dem Plenum stellen. „Ich habe am Sonntag versucht, telefonisch Kontakt mit den Besetzern aufzunehmen. Ich konnte nur auf einem Anrufbeantworter um Rückruf bitten. Es hat keiner zurückgerufen“, sagte Kahle gestern. Auch das Büro von OB Vaupel erklärte, es habe keiner der Besetzer Kontakt aufgenommen. Gestern Mittag seien lediglich einige Flyer in verschiedenen Größen im Büro hinterlassen worden, hieß es.

Das Plenum ist froh mit der Aktion die Aufmerksamkeit bekommen zu haben, die es sich gewünscht hat. „Unsere Punkte sind aufgegangen“, sagt Martin Müller.

Hausbesitzer verzichtet auf Anzeige bei Polizei

Was aber geschah in der Zeit von Samstagabend bis Montagmittag? Mit Workshops und Lernkreisen für anstehende Klausuren in dieser Woche vertrieben sich die zumeist jungen Studenten die Zeit. Sie erarbeiteten gemeinsam den Forderungskatalog, diskutierten politische Themen, widmeten sich der geschichtlichen Aufarbeitung der alten Fronhofschule.

„Es wird in Marburg immer schlimmer. Studenten finden keinen Wohnraum. Die Preise steigen dermaßen in die Höhe, dass auch Geringverdiener keine Wohnung mehr im Zentrum finden. Auch Familien haben es schwer“, sagt Felix Heidrich.

Die Stadtpolitik müsse sich grundlegend ändern, da sie momentan darauf aus sei, öffentliches Gebäude an Investoren zu verkaufen, „damit die sich ein Privatschlösschen bauen können.“

Es werde hier vieles unterstellt, sagt Udo Graul, der im Herbst das Gebäude für 1,11 Millionen Euro von der Stadt kaufte. Im Gespräch mit der OP erklärt er, dass er das Haus derzeit sanieren lässt und es für privaten Wohnraum nutzen will. Er möchte nicht seine privaten Pläne öffentlich machen, um einige Behauptungen der Demonstranten zu dementieren.

„Ich kann verstehen, dass die auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollten. Ich kann aber nicht verstehen, dass sie mein Haus besetzt haben“, sagt Graul. Unter der Bedingung, dass das Haus bis spätestens Montag unbeschädigt wieder verlassen wird, habe er auf eine Anzeige verzichtet. Nach einem ersten Rundgang durch das Gebäude stellte er am Mittag fest - zu diesem Zeitpunkt waren die Demonstranten auf dem Weg zum Rathaus - , dass „nur“ eine Nebeneingangstür aufgebrochen war und noch etwas Müll herumlag, erklärte Graul. „Es sieht ganz vernünftig aus“.

Im Laufe des Jahres will das Ehepaar Graul in das Haus einziehen. Nach der Entkernung seien die alten Dielenböden freigelegt worden, weitere Arbeiten stehen noch an. „Es entsteht Wohnraum“, so Graul. Die Stadtverordneten hatten sich bereits im Oktober mit dem Thema Nutzung des ehemaligen Schulgebäudes befasst. Ein Antrag der Fraktion Marburger Linke, das Gebäude bevorzugt Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung zu stellen, hatte keine Mehrheit gefunden.

von Carsten Bergmann

und Anna Ntemiris

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