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"Haste noch nen Platz im Auto frei?"

Das schaffe ich: Ohne Geld reisen "Haste noch nen Platz im Auto frei?"

Daumen raus - und warten. Trampen ist nichts für Feiglinge. Für Menschen mit Zeitdruck erst recht nicht. Für manche ist es nur eine günstige Art des Reisens, für andere eine Lebenseinstellung. So wie für den 26-jährigen Marburger Alexander Schenk.

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Grüne Hose, bunte Haare – Alexander Schenk fällt auf, wenn er am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit und einen Gesprächspartner wartet.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Anpassen - das war noch nie seine Stärke. Abpassen schon. Autofahrer, die in seine Richtung fahren beispielsweise. Reisende, die ihn ein Stückchen mitnehmen. Daumen raus und warten. Mal nur wenige Minuten, mal mehrere Stunden. Alexander Schenk reist gern. Geld hat er keines dabei. Nur an Zeit spart er nicht. Der 26-Jährige trampt. „Ich versuche vorhandene Resourcen zu nutzen“, sagt er ernst. Und so ist er schon in den schnellen Autos Geschäftsreisender mitgefahren, aber auch auf einer Matratze in einem VW-Bus. Aufgegeben hat er auch schon einmal. Einfach, weil keiner anhalten wollte. Allerdings musste er für die Alternativ-Zugfahrt auch nichts zahlen: Eine Gruppe nahm ihn auf ihrem Bayernticket mit.

Der Tramper zahlt mit Abenteuer-Aura

Aussteigen aus einem fahrenden Auto wollte er schon mehrfach. Weil der Fahrer raste. Ein anderes mal, weil er im Auto eines Kettenrauchers landete. Sitzen geblieben ist er immer. Zähneknirschend. Bezahlen kann er nicht. Geld annehmen - das würden die meisten seiner Mitfahrgelegenheiten ohnehin nicht. Ihre Bezahlung ist die Abenteuerluft, die den 26-Jährigen umgibt.

Einmal wurde ihm auf einer Fahrt ein Studentenjob als Landschaftsbauer angeboten - er lehnte ab. Ein anderes mal bedankte sich ein Anzugträger bei ihm, für die angeregte Unterhaltung und die Diskussionen, die sie führten. Bei ihm, dem jungen Mann mit den bunten Haaren und der bunten Hose. Der sich nicht zu verbiegen scheint. Der von einem Leben ohne Geld träumt - und dabei oft an seine eigenen Grenzen stößt. Er würde am liebsten aus dem Wirtschaftskreislauf aussteigen. Wären da nicht noch die Krankenversicherung, die er zahlen muss, die Miete, die jeden Monat entfällt, der Studienkredit, der zurückgezahlt werden will.

Ein Leben ohne Geld - kaum möglich, aber vorstellbar. Alexander Schenk trinkt Leitungswasser, wenn er sich abends mit Freunden in der Kneipe trifft. Sein Essen fischt er aus den Containern großer Supermärkte. Obst, Gemüse, Brot. Hungern musste er noch nie.

Das große Ziel: Umsonstökonomie

Sein nächstes Reiseziel. Frankreich. Wieder per Anhalter. Wieder ohne Geld, dafür aber mit viel Zeit im Gepäck. Nicht um Urlaub zu machen, sondern um sein Leben als Aussteiger weiter zu planen. Denn der 26-Jährige ist Teil einer Bewegung, die sich in Frankreich und Italien eine neue Heimat schaffen will. Dort sollen die Gesetze der Umsonstökonomie gelten. „Geben und nehmen ist entkoppelt. Eine Leistung erfordert nicht automatisch eine Gegenleistung. Man muss etwas geben dürfen, ohne gleich etwas zu nehmen und umgekehrt“, sagt er.

Seine Werte, die teilt auch die 22-jährige Isabell Stracke. Ganz streng danach leben - das schafft sie noch nicht. Trotzdem hat auch sie sich für die unkonventionelle Art des Reisens entschieden. Trampen ist Abenteuer. Für beide Seiten. Ihre Haare hat sie teils abrasiert, teils zu Dreadlocks gedreht. Ihre Nase ist gepierct, ihre Kleidung bunt. Nein, sie ist nicht der Typ „Schwiegermuttertraum“ - und sie ist stolz darauf. Nicht aussehen, nicht denken, nicht leben wie alle anderen - das will sie. Reisen wie alle anderen, das will sie hingegen nicht.

Trampen: Ja. Daumen rausstrecken und abwarten? Nein. Zu gefährlich. Die 22-Jährige spricht lieber gezielt auf der Autobahnraststätte Menschen an. „So kann man ein bisschen besser steuern, zu wem man ins Auto steigt.“ Ein Handy hat sie immer dabei. Schreibt immer mal wieder Nachrichten an ihre Mutter. Die hat aufgegeben, den Lebensstil ihrer Tochter zu kritisieren. Sie akzeptiert. „Meine Mutter hatte anfangs immer Angst um mich. Jetzt haben wir uns auf regelmäßige Nachrichten geeinigt.“ Die Angst nehmen, das können diese kurzen Lebenszeichen der Tochter nicht. Ein bisschen Sicherheit geben schon.

Vorhandene Ressourcen nutzen

Polizeisprecher Martin Ahlich kann die Gedanken der besorgten Mutter nachvollziehen. Schließlich weiß Isabell nie, zu wem sie ins Auto steigt. Aber auch die Menschen, die anhalten, gehen ein Risiko ein. Schließlich wissen sie nichts über die Tramper - außer der Richtung, in die sie unterwegs sind. „Man muss sich der Gefahr nicht aussetzen. Von beiden Seiten nicht. Es gibt buchbare Mitfahrgelegenheiten, da kann man die Gefahrenpunkte minimieren“, sagt er. „Aber die Vielzahl der Tramper wollen wohl nur von A nach B fahren. Aus meinem Gefühl heraus ist das, was da an Straftaten geschieht, minimal. Das muss jeder für sich entscheiden, ob man einen Anhalter mitnimmt oder per Anhalter fährt“, erklärt der Polizeisprecher gelassen.

Selbst mitgenommen hat er noch nie jemanden. Nicht, weil er sich grundsätzlich dagegen wehrt. Eher, weil sich die Chance noch nicht ergeben hat. Tramper sind eben rar geworden. Besonders um Marburg herum. Kein großes Autobahnkreuz in der Nähe, keine Raststätten, auf denen Reisende verweilen. „Trampen hat für mich immer etwas mit Nostalgie zu tun. Eine Erinnerung an alte Zeiten“, erklärt Martin Ahlich.

Für Alexander Schenk und Isabell Stracke steckt mehr hinter dem Trampen als das Gefühl von Freiheit oder Nostalgie: es ist Konsequenz. Vorhandene Resourcen zu nutzen - auch wenn es unbequem ist. Also: Daumen raus - beziehungsweise: Daumen hoch.

Tipps zum Thema Trampen

von Marie Lisa Schulz

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