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„Harte, schnelle Schläge“ als Notwehr

Bordell-Prozess „Harte, schnelle Schläge“ als Notwehr

Am zweiten Verhandlungstag gaben die wegen Erpressung und Körperverletzung angeklagten Angestellten des „Erotic Island“ eine umfassende Erklärung ab.

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Die Angeklagten im Prozess um das „Erotic Island“ streiten Bedrohung und Erpressung der Mitarbeiter ab.

Quelle: Malte Christians

Marburg. „Zwei harte, schnelle Schläge ins Gesicht“ sollen dem laut Anklage blutig geprügelten Geschädigten verpasst worden sein. Dies geschah jedoch angeblich aus einer Art Notsituation heraus. Bedrohung oder Erpressung des Ex-Mitarbeiters sowie der Prostituierten streiten die Männer ab.

Während des lautstarken Streits soll der ehemalige Mitarbeiter zunehmend aggressiv und bedrohlich auf die Kollegen zugegangen sein. „Aus Angst, dass er mich schlägt, habe ich zuerst zugeschlagen“, gab einer der Angeklagten an. Auch dass der Chef insgesamt 10000 Euro von der ehemaligen Prostituierten verlangte, sei korrekt, jedoch soll es sich dabei nicht um eine Abschlagszahlung handeln, sondern um die Kaufsumme für den Mercedes, den er der jungen Frau überlassen habe, teilte der Mitarbeiter mit, der zum Tatzeitpunkt nicht Betreiber des Marburger Bordells war. Wie dessen Geschäftsführerin der OP mitteilt, seien die Angeklagten zu der entsprechenden Zeit Angestellte des Betriebs gewesen.

„Klärendes Gespräch“ im Büro eskaliert

In dieser Nacht Mitte Mai 2013 traf er den ehemaligen Mitarbeiter bei einer Feier in dem Etablissement an, lud ihn „zu einem klärenden Gespräch“ in das Büro. Es kam zum Streit, der „langjährige Freund“ sei wütend und aggressiv geworden, „ich fühlte mich bedroht“. In die lautstarke Auseinandersetzung griffen die beiden anderen Angeklagten ein, einer schlug dem Ex-Kollegen zweimal ins Gesicht. Angeblich beruhigte sich im Anschluss die Situation.

Der ehemalige Chef begab sich zu der Nebenklägerin, „damit sie ihren Freund abholt“. Dass er die Frau mit einer „Notlüge“ überzeugte, mit ihm zu fahren, gab er zu, „sie wäre sonst nicht mitgekommen“. Im Bordell griff er sie am Arm und schubste sie aufgebracht durch die Tür, hinter der die Kollegen warteten, „geschlagen wurde sie aber nicht“. Weinend brach die Frau mitten im Raum zusammen - „ein übertriebenes Schauspiel, es gab keinen Grund dazu, keiner hat ihr was getan“, gaben alle drei Angeklagten an.

Dass die Prostituierte überhaupt und noch an diesem Abend in das Geschehen mit hineingezogen wurde, verwunderte das Gericht. Auf Nachfrage erklärte der Angeklagte, dass er mit den beiden Ex-Mitarbeitern eine Art Abschluss erreichen wollte, „mir hat es gereicht, ich wollte das Ganze ein für allemal beenden“. Einerseits sollte die Lebensgefährtin ihren verletzten Freund abholen, andererseits verlangte er von beiden eine noch ausstehende Zahlung von 2000 Euro - der Rest der vereinbarten Summe für den Mercedes. Als Sicherheit behielt er den Wagenschlüssel ein, ließ beide von einem Bekannten nach Hause fahren. „Es gab weder eine Bestrafung noch eine Auslöse oder Arbeitsverbot“, beteuerte der Angeklagte.

Erpressung „hätte man einfacher haben können“

Eine Tonbandaufnahme eines weiteren Mitarbeiters, die vor Gericht abgespielt wurde, stellte die Situation etwas anders dar: Auf dieser sprach der Zeuge von einer geforderten Zahlung „als Strafe“ sowie einem „beschlagnahmten Auto“. Dass sie sich an den ehemaligen Mitarbeitern gerächt oder diese bedroht hätten, bestritten die Angeklagten. Zudem sei es „äußerst unglaubwürdig“, dass man die Frau mitten in den allabendlichen Geschäftsbetrieb holte, um sie zu erpressen, „das hätte man einfacher haben können“, betonte Verteidiger Frank Richtberg.

Die merkwürdige Situation ging prinzipiell aus einer langjährigen Freundschaft zwischen ihm und dem Geschädigten hervor, erklärte der vermeintliche Bordell-Betreiber. Den späteren Mitarbeiter kenne er bereits seit langer Zeit, mehrmals habe er dem „guten alten Freund“ wieder auf die Beine geholfen, nachdem der wegen angeblicher Drogengeschäfte aus dem Land floh, später zurückkehrte, bei ihm einzog und im „Erotic Island“ an der Kasse arbeitete, so der Angeklagte.

Zunehmend sei es in den vergangenen Jahren zu Drogenproblemen, Konfrontationen und Streitereien mit dem Mann gekommen. Beide Geschädigten beendeten schließlich ihr Arbeitsverhältnis, wechselten zu anderen Bordellen. Dass die ehemalige Prostituierte bei der Konkurrenz anschaffte, sei jedoch kein Problem gewesen. „Ich war mir dessen bewusst, die Frauen können kommen und gehen wie sie wollen“, so der Angeklagte.

  • Die Verhandlung wird diesen Freitag fortgesetzt.

von Ina Tannert

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