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Harte Arbeit, karger Lohn

Dienstmädchen im 19. Jahrhundert Harte Arbeit, karger Lohn

Marburg im 19. Jahrhundert war dreckig und laut.  Doch wie sah eigentlich ein typischer Tag im Leben eines Dienstmädchens, eines Professors oder Studenten aus?

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Historisches Bildmaterial aus Marburg.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Es ist noch dunkel draußen, als Margarete aus dem Kinderzimmer schleicht. Die Kinder des Professors schlummern noch selig, als der Tag des Dienstmädchens beginnt. Eisblumen zieren die Fenster, es ist klirrend kalt. Daher gilt es für das Dienstmädchen als erstes, die Öfen anzuheizen, damit die Zimmer des Hauses in der Marburger Oberstadt warm sind, wenn die Herrschaften aufstehen. Und auch das Frühstück muss bis dahin angerichtet sein.

Margarete kommt aus einem Bauerndorf nicht weit von Marburg, mit der Arbeit in einem städtischen Haushalt hatte sie gehofft, der schweren körperlichen Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern zu entgehen. Doch weit gefehlt. Wie die Ausstellung „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“, die aktuell im Haus der Romantik in Marburg zu sehen ist, zeigt, hatten selbst Dienstmädchen zum Teil Knochenarbeit zu verrichten. „Fast jede Familie aus dem Bildungsbürgertum in Marburg beschäftigte im 19. Jahrhundert ein Dienstmädchen“, berichtet Professorin Marita Metz-Becker, die die Ausstellung gemeinsam mit ihren Studenten zusammengetragen hat. Zu mehr als 95 Prozent bestand die Dienstbotenschaft damals aus Frauen – Frauen wie Margarete.

Gegen halb acht kommen die Studenten den Berg hinauf. Jubelnd ziehen sie ins Colleg – Hochschulgebäude gab es im 19. Jahrhundert nämlich kaum, der Unterricht fand meist in einem Studienzimmer im Haus des Professors statt. „Es ist noch dämmrig und der Nebel so dicht, dass sie wie Schatten bloß durchschimmern“, beschreibt Bettina von Arnim die Situation in einem Brief. In jungen Jahren lebte sie einige Zeit bei ihrer Schwester in der Marburger Ritterstraße. Durch ein Guckloch im Eis der zugefrorenen Fensterscheibe lugt sie – so heißt es in dem historischen Dokument – auf die Straße hinaus und beobachtet das Treiben, bis die Studenten im Haus verschwunden sind.

Vier Aufgabenbereiche für Dienstmädchen

Zum Beobachten hat Margarete keine Zeit. Sie ist das einzige Dienstmädchen im Haushalt des Professors. Mehrere Dienstboten können sich nur sehr wenige Familien leisten. Margaretes Dienstherr zählt nicht dazu, also hat sie alle Hände voll zu tun. „Es gab im 19. Jahrhundert vier Hauptaufgabenbereiche für Dienstboten“, beschreibt Professorin Metz-Becker, was ihre Studenten in der Ausstellung dokumentiert haben:  Zum einen sei da das Reinigen des Hauses gewesen, zum anderen das Waschen der Kleidung. Wer sich mehrere Dienstboten leisten konnte, überließ dies einer Wäscherin, erläutert Studentin Sonja Schürl. Den dritten und beliebtesten Aufgabenbereich stellte die Küche und das Kochen dar, den letzten die Bedienung der Herrschaft.

Margarete ist für alle Bereiche zuständig. Nach dem Frühstück muss sie sauber machen. Das ist arbeitsintensiv: Teppiche ausklopfen, Silberbesteck und Kupferkessel polieren. Auch das Mittagessen muss noch gekocht werden. Meist betreut das Dienstmädchen nebenbei auch noch die Kinder des Hauses. Der Professor unterrichtet derweil die Studenten. Seine Frau kontrolliert unterdessen den Haushalt.

Dienstags, donnerstags und samstags ist Markttag. „Märkte waren zu dieser Zeit mehr als nur der Handel mit und das Feilschen um Waren“, betont Metz-Becker. Neben dem Wochenmarkt auf dem Marktplatz werden auch Holz-, Schuh-, Korn- und Heumärkte auf dafür ausgewiesenen Plätzen abgehalten.  So stellt es Studentin Lea Dorothea Diehl auf ihren Plakaten in der Ausstellung dar. Außer Zentrum des Handels sei der Markt auch Ort der Geselligkeit gewesen: Menschen sämtlicher Schichten kommen dort zusammen, tauschen Neuigkeiten aus und genießen die Vorführungen der Schausteller.

Der Markt als Treffpunkt für alle Gesellschaftsschichten

Auch Margarete geht gerne zum Markt. Zeit dafür hat sie wegen der vielen Arbeit im Haushalt des Professors jedoch kaum. Sie muss die Wäsche noch in einem großen Korb zur Bleiche schleppen. In den Straßen herrscht reges Treiben, es ist laut und dreckig. Kuhfladen liegen herum, die die Kühe der Ackerbürger auf dem Weg zur Weide dort fallen gelassen haben. Auf dem Kopfsteinpflaster klappern die Hufe der Pferde, die eisenbereiften Holzwagen rumpeln am Professoren-Dienstmädchen vorbei. Wieder zu Hause müssen viele der Wäschestücke noch gemangelt und gebügelt werden.
Gesindeordnung legt richtiges Verhalten fest

Einen Fehltritt kann sich Margarete nicht leisten, sie ist – wie die Dienstmädchen damals alle – vom guten Willen ihres Dienstherrn abhängig. „Wie sie sich zu verhalten hatte, legte die Gesindeordnung fest“, berichtet Professorin Metz-Becker. Es habe sogar noch das Züchtigungsrecht gegeben. Die Bezahlung sei schlecht gewesen, Alters- oder Krankenversorgung nicht vorhanden.
Für das Dienstmädchen steht schließlich noch das Zubereiten des Abendbrotes auf der Tagesordnung. Ihr Arbeitstag endet spät am Abend. Die Kinder schlafen bereits tief und fest, als Margarete leise in ihr Bett in einer Ecke des Kinderzimmers kriecht.

  • Die Geschichte Margaretes steht in diesem Text exemplarisch für die Dienstmädchen und ihren Alltag im 19. Jahrhundert in Marburg.

von Katharina Kaufmann

HINTERGRUND

Die Ausstellung

  • Die Ausstellung „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ ist das Ergebnis eines Lehrforschungsprojekts des Instituts für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften unter Leitung von Siegfried Becker und Marita Metz-Becker.
  • Zu sehen ist die Ausstellung im Haus der Romantik in Marburg, Am Markt 16, dienstags bis sonntags jeweils von 11 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.
  • Ein Ausstellungsführer, den die Studenten erstellt haben, kann vor Ort und bei Lehmanns erworben werden.
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