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Happy-End einer unendlichen Geschichte

Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum Happy-End einer unendlichen Geschichte

Montag ist ein historischer Tag in der Geschichte der Marburger Universitätsmedizin: Der erste Patient wird am Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT) behandelt.

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Das Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum geht heute nach jahrelangen Auseinandersetzungen in den Patientenbetrieb.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Knapp zehn Jahre nach dem Verkauf des zuvor fusionierten Universitätsklinikums Gießen und Marburg an den Krankenhauskonzern Rhön Klinikum AG wird die letzte und für viele wichtigste Verpflichtung aus dem Kaufvertrag endlich eingelöst: Die Anlage zur Bestrahlung von Krebspatienten durch Ionenstrahlen geht heute in den Patientenbetrieb - knapp acht Jahre nach der Grundsteinlegung im Jahr 2007, knapp vier Jahre später, als im Kaufvertrag vereinbart, und nach einem jahrelangen Hickhack zwischen Rhön-Konzern, Siemens, der Landesregierung und den Universitäten Gießen und Marburg.

Das Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum wendet eine besondere Technik an, um Krebstumoren zu bekämpfen, die man auf herkömmlichem Wege nicht erreichen kann: Ausgewählte Tumoren werden mit Kohlenstoff- und Wasser­stoffionen beschossen. Diese Ionen können gesundes Gewebe durchdringen, ohne dort Schaden anzurichten - erst tief im Tumor entfalten sie ihre Wirkung. Die High-Tech-Anlage ermöglicht die Bestrahlung mit der Präzision von Bruchteilen eines Millimeters.

Das Universitätsklinikum Heidelberg hatte im Jahr 2014 die Marburger Anlage übernommen, nachdem Rhön und Siemens im Jahr 2011 bekanntgegeben hatten, die Anlage aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu betreiben.

In Marburg schlug die Nachricht damals ein wie eine Bombe, hatten sich doch noch wenige Monate zuvor die Beteiligten zuversichtlich geäußert, die Anlage bald in Betrieb nehmen zu können: Im Sommer 2010 meldeten Rhön und Siemens, dass der Therapiestrahl, der aus der fußballfeldgroßen Anlage auf den Patienten treffen soll, erfolgreich ausgerichtet worden sei. Der Spätsommer 2011 wurde damals als Zeitpunkt für die erste Bestrahlung eines Patienten in Aussicht gestellt.

Der Durchbruch kam im Frühjahr 2014

Doch es kam anders: Wenige Monate vor der Inbetriebnahme stieg Siemens aus. „Im Verlauf der Entwicklungsarbeit haben wir festgestellt, dass wir bei der wirtschaftlichen Umsetzung dieser Technologie in der Breitenversorgung zu ambitioniert waren“: So heißt es damals in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Rhön-Klinikum AG und der Siemens Healthcare AG. Offensichtlich konnte die avisierte Zahl von 1200 Patienten, die pro Jahr in Marburg bestrahlt werden sollten, nicht erreicht werden. Das Rhön-Klinikum hatte sich jedoch im Kaufvertrag mit der Landesregierung zur Errichtung der Partikeltherapie-Anlage verpflichtet - ein Grund, warum der Krankenhausbetreiber aus Bad Neustadt an der Saale damals den Zuschlag erhalten hatte - , und die pochte nun gegenüber Rhön auf die Einhaltung der vertraglichen Vereinbarungen. Siemens betrieb die Anlage derweil als Forschungsanlage weiter.

Während die Landesregierung die Frist zur Inbetriebnahme zunächst auf Ende 2012, dann auf Ende 2013 verlängerte, kursierten immer wieder Gerüchte, nach denen Siemens die Anlage abbauen und nach Fernost verschiffen wolle, um sie dort zu betreiben.

Höhepunkt der Verunsicherung: Drei Tage nach der Landtagswahl im Jahr 2013 beantragte Siemens die atomrechtliche Rückbaugenehmigung der Anlage auf den Lahnbergen. Der Beteuerung des Konzerns „alles nur rein formal“ schenkten damals in Marburg nur wenige Glauben.

Vor diesem Hintergrund klang es wie Hohn, dass das Gebäude der Anlage im Sommer 2013 mit einem Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten ausgezeichnet wurde.

Ende 2013 - sechs Jahre nach Grundsteinlegung - drohte das Land Hessen der Rhön Klinikum AG damit, eine Klage über die Rückzahlung von 107 Millionen Euro für die Förderung der Anlage einzureichen.

Hinter den Kulissen verhandelten Rhön, Siemens, das Land Hessen und andere Partner aber weiter. Der Durchbruch kam im Frühjahr 2014: Das „Marburger Ionenstrahltherapiezentrum“ wurde aus der Taufe gehoben, mit der Universitätsklinik Heidelberg als 75-Prozent-Eigner. Im Herbst 2014 waren alle Verträge unterzeichnet.

Im kommenden Jahr werden voraussichtlich bis zu 200 Patienten bestrahlt

Die Universitätsklinik Heidelberg betreibt die einzige Ionenstrahl-Therapieanlage in Deutschland. Beide Standorte, die beiden einzigen in Europa, sollen nun eng zusammenarbeiten.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bezeichnete bei einem Besuch in diesem Sommer die Anlage als eindrucksvolles Beispiel, wie „neue Methoden der Strahlentherapie auf höchstem medizinisch-technischen Niveau zum Wohle von Patientinnen und Patienten eingesetzt und weiterentwickelt werden“.

Professor Dr. Thomas Haberer, der wissenschaftlich-technische Direktor des Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums, rechnet damit, dass im kommenden Jahr bis zu 200 Patienten bestrahlt werden. In der höchsten Ausbaustufe sollen es bis zu 1000 sein.

von Till Conrad

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